Süddeutsche Zeitung

Schulöffnungen:Pauken in der Jugendherberge

In der Corona-Krise bieten die Herbergsväter ihre leer stehenden Räume als Ersatzschulen an

Von Henri Hoschar, Bad Tölz-Wolfratshausen

Nächste Woche soll es an den Grundschulen in Bayern je nach Inzidenzwert schrittweise wieder mit dem Präsenzunterricht losgehen. Von einem Normalbetrieb sind die Schulen coronabedingt aber immer noch weit weg. Der bayerische Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks (DHJ) hat in einem Brief an Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) zusammen mit dem Gaststättenverband Dehoga deshalb kürzlich angeboten, die Räume in den Hostels für Unterrichtszwecke zur Verfügung zu stellen. Denn, so die Logik, wenn die Schüler nicht nur in den Klassenräumen unterrichtet werden, könnten sie sich auch besser verteilen.

Konkrete Anfragen vom Kultusministerium gibt es zwar noch nicht, die Jugendherbergen in der Region zeigen sich aber angetan von dem Vorschlag ihres Dachverbands. "Ich persönlich habe derzeit zwei Schulkinder im Homeschooling und finde den Vorschlag eines Präsenzunterrichts in der Jugendherberge sehr gut", sagt Holger Strobel, der Leiter der Jugendherberge Bad Tölz. Momentan sind in Strobels Herberge zwar Bundeswehrsoldaten einquartiert, die im Tölzer Gesundheitsamt bei der Kontaktverfolgung mithelfen oder als Hilfskräfte in den Impfzentren eingesetzt werden. Er habe beim Landratsamt aber schon im Dezember seine Jugendherberge als Ersatzschule angeboten, sagt Strobel. Und auch die nahegelegene Montessori-Schule habe er schon kontaktiert.

In seinem Brief betont das Jugendherbergswerk, wie wichtig Präsenzunterricht für die Entwicklung der Schulkinder sei. Der Verband sieht sich dabei als perfekter Veranstalter für Schulunterricht, denn durch das Beherbergungsverbot stehen momentan die meisten Herbergen ohnehin leer. Mit den großen Versammlungsräumen sei die nötige Infrastruktur vorhanden, um ausreichend Abstand halten zu können, das Personal sei zudem vertraut im Umgang mit Heranwachsenden. Und am Bodensee-Gymnasium in Lindau sei zusammen mit der dortigen Jugendherberge eine entsprechende Kooperation auch schon erfolgreich angelaufen.

Auch Uwe Dietrich, Herbergsleiter in Lenggries, bestätigt, dass sein Standort für Präsenzunterricht ideal wäre. Man habe genügend Platz zu Verfügung und sei auch von der Ausstattung in der Lage, den Unterricht abzuhalten. "Es gibt genügend Mobiliar, Beamer und ein Lüftungskonzept", sagt Dietrich. Allgemein schätzt er den Aufwand für ein Umfunktionieren der Jugendherberge zur Schule eher gering ein. Man habe schon Mitte des vergangenen Jahres ein "umfassendes Hygienekonzept" für die Herbergen umgesetzt, vergleichbar mit dem der Schulen.

Dietrich würde in der jetzigen Situation gerne dazu beitragen, mehr Präsenzunterricht zu ermöglichen. Er sehe seine Jugendherberge nicht nur als "reinen Beherbergungsbetrieb", sondern auch als "Bildungs- und Begegnungsort für Kinder und Jugendliche", sagt er. Trotzdem ist ihm bewusst, dass die Jugendherbergen das Platzproblem nicht alleine lösen können. Dietrich spricht von "vielen kleinen Akteuren", die nur gemeinsam zur Problemlösung beitragen könnten.

Dass nicht schon jetzt in vielen Jugendherbergen gepaukt wird, liegt laut Marko Junghänel, dem Pressesprecher des DJH-Landesverbands, daran, dass sich momentan noch viel um die Frage drehe, wer die Kosten für ein solches Projekt übernehmen würde. Als positives Zeichen sieht Junghänel allerdings, dass momentan die mögliche Finanzierung aus dem Corona-Fonds "Soziales Bayern" geprüft werde. Eine Entscheidung stehe aber freilich noch aus, so Junghänel.

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SZ vom 16.02.2021
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