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Schulentwicklung:Chronische Verschieberitis

Dass der Entwurf eines Laien in Wolfratshausen die Planungen beauftragter Architekten auf Eis legt, ist neu. Nicht jedoch, dass der Stadtrat eine Ehrenrunde dreht, statt zu entscheiden.

Von Konstantin Kaip

Was sich gerade in Wolfratshausen abspielt, dürfte ziemlich einmalig sein. Da plant eine Stadt, ihre Grund- und Mittelschule zu einem zukunftsfähigen Bildungsstandort zu machen, beauftragt nach Ausschreibung ein renommiertes Fachbüro, das in jahrelanger Arbeit und enger Abstimmung mit Nutzern und Behörden ein Konzept erstellt; und dann, als die Kostenberechnung für alle in einem Wunschkonzert aufgespielten Module die Stadträte auf den Boden der Tatsachen wirft, krempelt einer von ihnen die Ärmel hoch und entwirft mal eben schnell selbst eine Schule, die obendrein noch eine Turnhalle hat und weniger als die Hälfte kosten soll. So jedenfalls stellt es Alfred Fraas dar. Schaut her: Geht doch.

Nun soll sein Entwurf überprüft werden, die Pläne der Architekten liegen vorerst auf Eis. Schließlich wäre es, so sieht es zumindest die äußerst knappe Mehrheit im Stadtrat, doch fahrlässig und gegenüber den Bürgern nicht zu rechtfertigen, sich eine solche Einsparchance entgehen zu lassen. Das wiederum ist unerhört. Da darf man schon so verwundert sein wie die neue Grünen-Stadträtin Assunta Tammelleo, die angesichts der Vorgehensweise bemerkte, dass man das beauftragte Architekturbüro karlundp aus München, das ja zahlreiche Schulen in seinem Portfolio führt, "sicher nicht aus dem Telefonbuch gesucht" habe.

Die Prüfung von Fraas' Konzept, der anders als die Architekten nie mit der Schulleitung gesprochen hat, wird Zeit und Geld kosten. Wie viel, ist ebenso unklar wie das, was dabei rauskommt. Die Schulentwicklung wird sie deutlich verlangsamen. Weil die Baukosten mit der Zeit steigen und auch eine Interimslösung mit Containern nötig werden könnte, besteht zudem die reale Gefahr, dass sie teurer wird. Dennoch dreht Wolfratshausen eine Zusatzrunde. Sie soll die Handlungsfähigkeit der Stadt bewahren, erklären ihre Befürworter.

Das wiederum ist nicht neu. Die Verschieberitis ist ein Virus, das in der Loisachstadt schon lange vor Corona epidemische Ausmaße angenommen hat. Egal ob Untermarkt 10 oder Parkhauspläne: Beschlüsse werden gerne durch neue Konzepte oder Gegengutachten ersetzt. Die Stadträte sollten sich fragen, ob das nicht fahrlässig ist. Denn die Ehrenrunden ersparen vor allem eines: eine Entwicklung. Die Investition in eine gut durchdachte Schule lässt sich gegenüber den Bürgern sicher besser rechtfertigen, als im Namen der Handlungsfähigkeit das Handeln zu unterlassen.

© SZ vom 20.11.2020/aip

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