Leopold Ploner vom Schondorfer Kreis für Kultur und Landschaftspflege hat für seinen Band „Schondorf Erinnerungen“ besondere Orte ausgewählt. „Es sind alles Orte, die nur noch in der Erinnerung leben“, sagte der Autor bei der gut besuchten Buchvorstellung im Dorfhaus Schondorf. Vom Kolonialwarenladen Birkner, über den Friseur Kifmann, ein Lichtspielhaus und das alte Sportgebiet bis hin zum Skulpturenweg hat er Orte des alltäglichen Lebens gesammelt und ein ganz besonderes Büchlein daraus gemacht. Es soll ermuntern, eigene Erinnerungen an das alte Schondorf festzuhalten. Ein Spaziergang durch die eigene Jugend sozusagen, der alleine, mit Freundinnen oder Freunden, mit Kindern und Enkelkindern unternommen werden kann.
Dass das im praktischen kleinen Format von Diana Graham gestaltete Ringbuch in der Demenzwoche erscheint, ist Zufall. Ploner, der in Innsbruck geboren ist, hat das Konzept für das Erinnerungsbuch aus nostalgischem Interesse entwickelt, wie er sagt – nutzen können es alle, wie sie es möchten. Der 66-Jährige rät dazu, direkt an den Ort von damals zu spazieren, auch wenn dieser heute ganz anders aussieht. Im Buch wird auf jeweils einer Seite gezeigt und beschrieben, wie die zwölf Stationen einmal ausgesehen haben, und was heute unter dieser Adresse zu finden ist.
Die jeweils gegenüberliegenden Seiten bietet Platz, um die eigenen Erinnerungen an diese Orte aufzuschreiben. Die Idee dahinter: So wird Geschichte lebendig und bleibt für die Nachwelt erhalten. Allerdings hatte Ploner wegen der bewusst freigelassenen Seiten zu Anfang mit einer gewissen Skepsis zu kämpfen: „Das ist ja halbleer.“ Der Autor sagt dazu: „Ich spreche hier gerne von einem Schreibbuch.“
Station drei ist zum Beispiel das alte Schulhaus in der St.-Anna-Straße 27. Das alte Schwarz-weiß-Foto zeigt das zweistöckige Schulhaus südöstlich der St.-Anna-Kirche, ansonsten ist dort kaum Bebauung zu sehen. Ploner hat dazu Historisches zusammengetragen: 1882 baute die Gemeinde dort einen ebenerdigen Schulsaal, einige Jahrzehnte später wurde das Gebäude aufgestockt. Im Erdgeschoss wurden die unteren Klassen und im ersten Stock die höheren Klassen jahrgangsgemischt unterrichtet.
Bis 1957 war dieses Schulhaus in Betrieb, das Erdgeschoss diente noch einige Jahre als Turnhalle. 1973 wurde es verkauft und als Wohnhaus umgestaltet. Dieses zeigt das aktuelle Foto. Es gibt auch Anregungen, um den Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen. So ist eine Seite für das alte Schulhaus reserviert. Angeben kann man auf einer weiteren Seite „Meine Lieblingsfächer in der Schule“. Michael Sorger kann sich beispielsweise noch gut daran erinnern, „welche Strafen es in der Schule gab“. Er wurde 1951 eingeschult und besuchte die ersten vier Klassen in Schondorf. Aufgrund eines Augenleidens schrieb er krakeliger als gewünscht. „Die Lehrerin hat das nicht verstanden und mir Tatzen gegeben“, erzählt er und streckt seine Hände vor, auf die damals das Lineal sauste.
Im Postamt war eine Fernsprechvermittlung mit einer Telefonistin
Natürlich werden auch schöne Erinnerungen bei der Buchvorstellung erzählt. Elisabeth Erath war als vier bis fünf Jahre altes Mädchen fasziniert von der damals üblichen Art der Fernsprechvermittlung per Hand. Eine Aufnahme im Buch zeigt Telefonistin Rosa Drexl im alten Schondorfer Postamt. „Wenn ein Anruf kam, dann hat sie sich eingestöpselt und dann an den gewünschten Teilnehmer weiter verbunden“, weiß Erath noch. Eigentlich hätte sie als Kind gar nicht bei ihr sein dürfen, deshalb musste sie, wenn die Vorgesetzte in das Obergeschoss der alten Schondorfer Post kam, schnell hinter dem Klappenschrank verschwinden. „Ich durfte auch mal stöpseln“, sagt sie und lächelt.



Robert Glatt, der sich als „Teilzeit-Schondorfer“ bezeichnet, erinnert sich an einen Kinobesuch im Lichtspielhaus in der Bahnhofstraße 29, das von 1958 an Filme zeigte. „Ich denke oft an Piroschka“ mit Liselotte Pulver sah er dort und er erinnert sich deshalb so gut, weil es eines der ersten Male gewesen war, dass er alleine ins Kino gehen durfte. Vor dem Film gab es immer noch eine Ansage: „Sofort das Rauchen einstellen!“ Daran erinnert sich Alfons Kifmann, der an das gleichnamige Friseurgeschäft, das von 1928 bis 1945 von seinen Großeltern betrieben wurde, aufmerksam macht. Heute steht dort in der Bahnhofstraße 44 das sogenannte blaue Haus. Es ist keine Erfolgsgeschichte, denn der Erlös aus dem Verkauf 1945 sollte die Alterssicherung der Oma sein, aber durch die Geldentwertung gehörten die Kifmanns bald zu den „Habenichtsen im Dorf“.
Autor Ploner wünscht sich, dass das alte Wissen über Schondorf gesammelt wird und bietet an, die persönlichen Erinnerungen, selbstverständlich anonym, abzuschreiben und zu digitalisieren. Alle haben an diesem Projekt ehrenamtlich mitgearbeitet. Mit einer Förderung durch das Schondorfer Bürgerbudget über 600 Euro konnten einhundertfünfzig Bücher gedruckt werden, die kostenfrei abgegeben werden. Etliche Exemplare gingen gleich bei der Buchvorstellung weg. Weitere sind beim Schondorfer Kreis erhältlich und werden außerdem im Rathaus und im Dorfhaus ausliegen.

