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Wolfratshausen:Pingpong mit Panzertier

Die Marke Schildkröt ist weltweit für Tischtennisbälle bekannt. Die Firma mit Sitz in Wolfratshausen stellt heute auch Plastikspielzeug aller Art her - und beweist in ihrem 125. Jahr die Langlebigkeit, die sie im Namen trägt.

Von Marie Heßlinger

Ein Raum mit Teppichboden in Wolfratshausen. Es riecht nach Plastik wie von Schwimmflügeln, die Konferenztische sind aus Tischtennisplatten. An den Wänden hängen Tischtennisbälle und -schläger, Fitnessgeräte, Wurfspiele, Strandspielzeug und Springseile, Kindergolfschläger und Plastiklöffel für Eierläufe. An der Fensterfront stehen Tretroller, eine Nestschaukel hängt daneben. Und auf allem prangt das Symbol einer lachenden Schildkröte, die vorbeitrottet.

"Schildkröt", der Name gleicht einer selbsterfüllenden Prophezeiung: 125 Jahre ist der Sportartikelhersteller aus Wolfratshausen jetzt alt. Und scheint mit einem dicken Panzer schon manche Bedrohung überstanden zu haben.

Angefangen hat alles mit Puppenköpfen. 1896, in Mannheim-Neckarau: Zwei Brüder patentieren eine Methode zur Produktion von Hohlkörpern, deren Naht innen statt außen ist. In ihrer Fabrik stellen sie damit Köpfe für Puppen her, später auch Spielzeug und Tischtennisbälle. 1899 geben sie ihrer Firma den Namen Schildkröt, weil die Musterung der Celluloid-Erzeugnisse an einen Schildkrötenpanzer erinnert, und dieser an Widerstandskraft und Langlebigkeit. Rund 90 Jahre läuft das Geschäft ganz gut. Bis Konkurrenz aus China kommt.

An die Tischtennistische im Wolfratshauser Gewerbegebiet haben sich jetzt drei Männer gesetzt: die beiden Geschäftsführer Jean-Marc von Keller und Sebastian Frey, ihr Marketing Manager Sebastian Schulz. Kellers früheste Erinnerung an Schildkröt: "dass ich als Student nach Mannheim gekommen bin und die Aufgabe hatte, den Laden umzuziehen". Die Marke Schildkröt war zu diesem Zeitpunkt in einer schwierigen finanziellen Lage - Celluloidbälle aus China waren billiger als jene aus Deutschland. Schildkröt hatte sich in drei Firmen geteilt: eine für Puppen, eine für Spielzeug, eine für Tischtennisbälle. Sein Vater, Hans-Hubertus von Keller, Inhaber eines Unternehmens für Angelbedarf, hatte die Tischtennismarke zusammen mit seinem Partner gekauft. Die Fabrik in Mannheim sollte schließen. Jean-Marc von Keller packte deshalb als 23-Jähriger Kisten. Und bekam den Auftrag, einen guten Standort für neue Fabriken im Ausland zu finden.

Global Player im Wolfratshauser Gewerbegebiet: Sebastian Frey, Sebastian Schulz und Jean-Marc von Kelle.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Fragt man Keller, was er studiert hat, sagt er: "Oh, das Leben!" und lacht verlegen. Mit 56 haftet ihm noch immer etwas des jungen Sohnemanns an. "Ich habe zu der Zeit als Kameraassistent gearbeitet und hatte Journalismus im Kopf." Er reiste auf die Philippinen, nach Indonesien, nach Thailand, Malaysia und Mauritius. Für seinen Vater ging er an die jeweiligen "Boards of Investments", verhandelte, suchte nach Standorten für Fabriken. Am Ende kam er nach China. "Das war eines der letzten Länder, in dem ich leben wollte", sagt er und lacht. Doch darauf fiel die Wahl.

"Kein Strom, kein fließendes Wasser, niemand, der Englisch sprach", erinnert sich der Geschäftsführer. Zwei Jahre lebte er dort, um in der Provinz Guangdong inmitten von Reisfeldern eine Fabrik mit drei Geschossen aufzubauen. Der Ort eignete sich, sagt Keller, wegen seiner Nähe zu Hongkong. Als er zurückkam, wusste er: Er würde bei Schildkröt bleiben.

Als Sebastian Frey, heute ebenfalls Schildkröt-Geschäftsführer, 2001 zur Firma kam, dachte er: "Ich bin bald wieder weg!" Denn eigentlich wollte er zu einem bekannteren Unternehmen. Frey war 25, gerade mit dem BWL-Studium in München fertig, "ich war jung und brauchte das Geld", sagt er. 1994 hatte Schildkröt sein Büro nach Wolfratshausen verlegt, weil die Inhaberfamilie in München lebte. Die Marke war zu dieser Zeit für ihre Tischtennisbälle bekannt. Doch das reichte kaum zum Überleben. "Wir waren teilweise unter der kritischen Größe", sagt von Keller. "Wir waren damals am Rande der Bedeutungslosigkeit", sagt Frey. Ihre Lösung: Schildkröt erweiterte sein Sortiment.

Ein paar Jahr zuvor hatte das Unternehmen die Firma MTS Sports gegründet, die den Vertrieb der eigenen Produkte in Europa sicherstellen sollte. Ein zweites Schildkröt-Büro hatte sich in Hongkong angesiedelt. Und erweiterte die Produktpalette der Marke enorm: Im Bereich Funsports verkaufte es nun Baseball-, Dart- und Golfspiele für Kinder, im Bereich Fitness Yogamatten, Hanteln, Balance-Kissen und Hula-Hoop-Reifen. "Es gibt kein Jahr, in dem wir keine neuen Produkte herstellen", sagt Marketing-Manager Schulz. Heuer habe Schildkröt 70 neue Produkte für das Jahr 2022 vorgestellt, 2020 habe man um die 2,5 Millionen Produkte im deutschsprachigen Raum verkauft. "Der Erfolg gibt uns recht", sagt Frey.

Ihm sei im Unternehmen nie langweilig geworden, sagt Sebastian Frey. Wegen "der Philosophie der Inhaberfamilie, dass man offen ist, Dinge auszuprobieren". Inzwischen ist der Geschäftsführer, wie viele im Team, schon 20 Jahre dabei. Die Identifikation mit dem Unternehmen und der Teamgeist seien groß. "Es macht einfach Spaß", sagt auch Schulz. "Wenn du ein gutes Team hast, kommst du schöner durch die leichten Zeiten und einfacher durch die schweren Zeiten."

30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten in Wolfratshausen, 20 in Hongkong. Zu ihren Erfindungen gehören Verkaufs-Flops wie Basketbälle mit Blinklichtern, oder Kassenschlager wie Tretroller, die neu im Sortiment sind und dem Unternehmen derzeit den besten Umsatz bringen. Das meistverkaufte Produkt aber bleibt der Tischtennisball. Mehr als 200 000 Ball-Schachteln verkauft Schildkröt pro Jahr. "Man muss sagen, dass im Tischtennis fortlaufend die Trends von uns gesetzt werden", sagt Frey hörbar stolz. Im Freizeit-Tischtennis komme man an der Marke Schildkröt nicht vorbei. Ebenso im Sportfachhandel. "Ich gehe auf Korsika im Urlaub in ein Sportgeschäft und finde unsere Produkte", sagt Frey.

Trotz des Erfolges steht Schildkröt nach 125 Jahren wieder vor einer neuen Herausforderung. "Wieder China", sagt Frey und lacht. Die Pandemie hat die Nachfrage nach Schildkröt-Produkten gesteigert. Familien im Home-Office kauften sich Tischtennisplatten. Wer nicht ins Fitnessstudio konnte, machte Sport im Wohnzimmer. "Wir haben in unserem Bereich einen unheimlichen Boom erlebt", sagt Frey. Doch die Pandemie hat Produktion und Lieferverkehr erschwert und teurer werden lassen. Gut möglich aber, dass Schildkröt auch diese Herausforderung meistert. Schildkröten, sagt man, können schließlich weit mehr als 200 Jahre alt werden.

© SZ vom 14.07.2021/aip
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