Schäftlarner Geschichte Das Geheimnis der Spartakisten

Die neun Erschossenen wurden später auf dem Zeller Friedhof bestattet, ihre Gräber aber sofort eingeebnet. An sie soll künftig eine Gedenktafel erinnern. Das hat die Gemeinde Schäftlarn kürzlich beschlossen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Am 30. April 1919 wurden in Schäftlarn neun Rotgardisten hingerichtet. Ortsarchivar Josef Darchinger hat sich einhundert Jahre später auf Spurensuche begeben und herausgefunden, wer die bislang anonymen Toten waren

Von Susanne Hauck, Schäftlarn

Die namenlosen Toten, sie haben Josef Darchinger keine Ruhe gelassen. Vor fast genau einhundert Jahren, am 30. April 1919, als die Räterepublik in den letzten Zügen lag, wurden in Schäftlarn neun Rotgardisten ohne faires Urteil exekutiert und anschließend schnell verscharrt. Ein Jahrhundert lang wusste niemand, wer diese Männer waren. Dem Ortsarchivar ist es nun allerdings gelungen, ihre Identität zu lüften.

In Schäftlarn war die Situation eskaliert, als eine Gruppe von 20 bis 30 Spartakisten am 22. April das Kloster besetzte. Am 29. April trafen die "weißen" Regierungssoldaten ein, um es zu räumen. Einer von ihnen kam bei der Schießerei ums Leben. Die Spartakisten wurden im Schnellverfahren abgeurteilt.

Im Hinblick auf das sich nähernde Zentenarium hatte sich Archivar Darchinger das Sterberegister noch einmal vorgenommen. Das haben vor ihm schon viele getan, warum sind sie nicht fündig geworden? "Es war Vorschrift, die Namen der Gestorbenen innerhalb von ein, zwei Tagen einzutragen", erläutert Darchinger. "Deswegen haben die meisten wohl nur ein paar Seiten weitergeblättert." Er hingegen gab sich damit nicht zufrieden. Den ersten Eintrag entdeckte er am 24. Mai 1919, den letzten erst mit einem Datum vom Dezember 1919. Dass sich die Namen der Hingerichteten erst Wochen und Monate später im Buch finden, erklärt er mit den Wirren der damaligen Zeit. Darchinger vermutet, dass dem buchführenden Gendarm in Schäftlarn wohl keine vollständigen Personalien über die erschossenen Spartakisten vorlagen, so dass er darauf warten musste, bis das Standesamt in München nach und nach die fehlenden Unterlagen schickte.

Deren vollständige Namen mag Darchinger in Absprache mit Bürgermeister Matthias Ruhdorfer (CSU) trotzdem nicht enthüllen. "Aus Rücksicht auf die eventuellen Nachkommen." Sie hätten aber alle sehr gängige Namen gehabt, "typisch bayerische". Drei von ihnen waren offensichtlich Jugendfreunde, denn sie wohnten in der Landsberger Straße in engster Nachbarschaft. Fast alle waren jung, zwischen Anfang und Mitte 20, alle kamen sie aus München, bis auf einen Straßlacher. Sie hatten typische Arbeiterberufe: Schlosser, Schuhmacher, Kaufmann, Kutscher, Bäcker. Von zweien ist nicht mehr als der Name bekannt, aber der Archivar schließt aus, dass sie aus Schäftlarn stammen könnten.

Das Schäftlarner Sterberegister ist in Sütterlin geführt. Viele Schnörkel, zackige Auf- und Abschwünge machen die alte Schreibschrift kaum entzifferbar. Über einem Wort hat Darchinger deswegen auch lange getüftelt, bis er herausbekam, dass sich dahinter die alte Berufsbezeichnung "Expedient" verbirgt. "Das war jemand, der die Hauspost austrägt", hat Darchinger in Erfahrung gebracht, der Sütterlin noch in seiner Schulzeit in Kloster Schäftlarn gelernt hat.

Über die Umstände der Hinrichtung kann der Archivar nur den Kopf schütteln. Selbst wenn man die bürgerkriegsähnlichen Zustände bedenke: "Für ein ordentliches Standgericht reicht es nie und nimmer aus, einfach drei oder vier Offiziere zusammenzutrommeln." Schon damals habe es völkerrechtlich verbindliche Regeln gegeben.

Schauerlich liest sich das Protokoll zur Exekution, die in der Ortschronik, dem sogenannten "Tagebuch der Expositur Hohenschäftlarn", vermerkt ist. Die Spartakisten hatten die Nacht in der Gendarmerie verbracht. Die weiteren Vorgänge am Morgen des 30. April beschreibt der Leiter der Gendarmeriestation so: "Da ging ein Winseln an", als der Hauptmann das Todesurteil mit sofortiger Vollstreckung bekanntgegeben habe. Der Gendarm berichtet weiter, dass er vom Leiter des Exekutionskommandos gefragt worden sei, welcher Platz für die Vollstreckung gut geeignet sei. "Vielleicht in der Kiesgrube", habe er geraten. Sofort wurden die Todeskandidaten hingeführt, aufgestellt und "es wurden auf kurze Entfernung die Salven abgegeben". Dramatische Szenen müssen sich kurz vorher noch abgespielt haben, weil von den Rotgardisten"zwei inzwischen ausgerissen waren", so noch einmal der Gendarm. "Der eine wurde eingeholt, der andere wollte im Wald entlaufen."

Die neun Erschossenen wurden zunächst an Ort und Stelle vergraben, später aber doch auf dem Zeller Friedhof ordentlich bestattet. Ihre Gräber wurden sofort eingeebnet. An sie soll jetzt eine Gedenktafel erinnern. Das hat die Gemeinde Schäftlarn kürzlich beschlossen.