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Schäftlarn:"So ein Damm ist ein Quell für Leben"

Biberberater Thomas Bernt über den ökologischen Nutzen der mitunter auch zerstörerischen Nagerbauten

Interview von Marie Heßlinger, Schäftlarn

Thomas Bernt ist Bauingenieur und seit 2013 einer der sieben Biberberater des Landkreis München. Das Ehrenamt ist für Bernt ein Beitrag zum Naturschutz. Nicht zuletzt, weil der Biber wiederum auf seine Weise Naturschützer ist.

SZ: Herr Bernt, warum baut sich ein Biber einen Damm?

Thomas Bernt: Wenn ein Gewässer zu seicht ist, bauen Biber Dämme. Liegt der Wasserpegel eines Bachs ohnehin bei 80 Zentimetern, brauchen sie keinen Damm. Der Zugang zu ihrem Bau soll unter Wasser stehen, damit keine fremden Tiere eindringen. Deswegen versuchen wir in Schäftlarn, den Wasserspiegel des Hauptdamms so einzustellen, dass der Biber zufrieden ist und nicht weiterbaut.

Vor welchen Tieren will sich der Biber denn schützen?

Früher war es der Wolf. Heute hat der Biber keine natürlichen Feinde mehr. Aber mit zunehmender Biberdichte wird es für die Jungtiere immer schwieriger, ein freies Revier zu finden. Bei den Revierkämpfen verletzen sich die Tiere gegenseitig. Die Bisswunden entzünden sich oft und können zum Tod führen.

Welchem Zweck dienen die Nebendämme?

Der Biber ist ein Pflanzenfresser. Manche Dämme baut er sich, damit er gut an die Pflanzen am Uferbereich kommt. Außerdem kann er sein Baumaterial so leichter transportieren.

Und warum knabbert er manche Bäume nur an und fällt sie nicht ganz?

Im Frühling und Sommer ernähren sich Biber vornehmlich von Gräsern, Kräutern, Wasserpflanzen und frischen Baumtrieben. Im Winter fressen sie die Rinde von Zweigen und Ästen - bis zu zwei Kilo am Tag. Weil sie nicht klettern können, legen sie dafür manche Bäume um. Hart- und Nadelhölzer stehen eigentlich nicht auf ihrer Speisekarte. Warum sie trotzdem manchmal angenagt werden, ist bis heute nicht geklärt. Vermutlich haben sie Heißhunger auf bestimmte Gerbstoffe, die unter der Rinde liegen.

Wie groß und wie schwer wird denn ein Biber?

Der Biber ist das zweitgrößte Nagetier der Erde, nach dem südamerikanischen Wasserschwein. Ein Biber kann um die 25 Kilo schwer werden, der reine Körper ist etwa einen Meter lang, und die Kelle, der beschuppte Schwanzteil, 35 Zentimeter. In Schäftlarn kann man davon ausgehen, dass es sich um eine ganze Biberfamilie handelt. Im Regelfall besteht die aus drei bis fünf Tieren. Wenn die Jungen zwei Jahre alt sind, werden sie vom Elternpaar rausgeschmissen und müssen sich ein neues Revier suchen. Sie legen dafür weite Strecken zurück. Wenn sie diese Phase überleben, können sie 14 Jahre alt werden.

Leben Biber monogam?

Ja, die Elterntiere sind ein ganzes Leben zusammen. Es kommt manchmal vor, dass bei Revierstreitigkeiten ein Lebenspartner stirbt. Dann sucht das überlebende Tier sich wieder einen neuen Partner.

Was ist mit den Überflutungen und den vielen Baumfällungen - damit zerstört sich der Biber sein Revier doch eigentlich selbst?

Nein. Diese extremen Überflutungen, wie wir sie im vergangenen Sommer in Schäftlarn hatten, als beispielsweise die Zufahrtsstraße zum Klärwerk zehn Zentimeter unter Wasser stand, hatten nicht nur mit dem Biber zu tun, sondern auch mit den extremen Wetterverhältnissen. Es gab Starkregen, das Wasser der Isar stand deshalb drei Meter höher als normalerweise. Dadurch hat sich das Grundwasser angestaut. Es war ein Zusammenspiel all dieser Faktoren, mitsamt Biberbau, die zu dieser Situation geführt haben.

Und was ist mit den Bäumen?

Am liebsten essen Biber im Winter Weichhölzer wie Weiden, die sich leicht fällen lassen und auch wieder stark austreiben. Insofern wird es ihnen nicht an Nahrung mangeln. Das Totholz, das sie zurücklassen, ist für viele Lebewesen lebensnotwendig. Auf abgestorbenen Baumstämmen wachsen Baumpilze, Flechten, Moose und Farne. Verschiedene Käfer, Schnecken und Vögel sind darauf angewiesen. Fischschwärme finden zwischen den Ästen im Wasser Schutz vor Fressfeinden, Jungfische können im langsamer fließenden Wasser groß werden, sie finden dort Mückenlarven. Wenn man nicht will, dass der Biber bestimmte Bäume fällt, besteht die Möglichkeit, sie mit Estrichmatten zu schützen.

Warum steht der Biber unter Naturschutz?

Der Biber verschwand im 19. Jahrhundert aus Bayern: Sein Pelz lieferte wärmende Mäntel und feines Wollhaar für Hüte. Erschwerend kam hinzu, dass die katholische Kirche den Biber zum Fisch erklärt hatte. Deshalb durfte er in der Fastenzeit gegessen werden, genau in der Zeit, in der die Weibchen trächtig sind. Im 20. Jahrhundert wurde der Biber dann wieder erfolgreich in Bayern angesiedelt. Mittlerweile haben wir circa 25 000 Biber in Bayern. Er ist nach europäischem Recht und nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders streng geschützt.

Was fasziniert Sie an Bibern?

Seine Bautätigkeit. Durch meine Tätigkeit beim Baureferat München ist mir bekannt, dass Renaturierungsmaßnahmen oft viel Geld kosten. Der Biber hingegen macht das eigentlich umsonst, auf natürliche Weise. So ein Biberdamm ist wirklich eine Quelle, wo wahnsinniges Leben entsteht.

© SZ vom 23.02.2021
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