Süddeutsche Zeitung

"Europa herbstbunt":Haydn at his best

Das 4. Schäftlarner Konzert mit der Violinsolistin Sarah Christian beginnt für viele mit einem Besuch am Grab von Benno Forster.

Von Karl-Friedrich Bruhns, Schäftlarn

"Europa herbstbunt" ist das fröhliche Motto des 4. Schäftlarner Konzerts in der Klosterkirche. Aber über diesem Samstagabend liegt doch ein Schatten: Der Gründer und langjährige Leiter dieser Reihe, Benno Forster, ist verstorben und erst vor vier Tagen unter großer Anteilnahme beerdigt worden. Für seinen Sohn Michael, der 2018 nach unglaublichen 50 Jahren die Konzerte von seinem Vater übernommen hat und nun wie immer den Abend leitet, ist das eine schwere Aufgabe. Diese jetzt nicht zu erfüllen, wäre ihm aber genau so wenig in den Sinn gekommen, wie früher seinem Vater. Sehr viele Besucher gehen gar nicht direkt zu ihren Plätzen in der Kirche, sondern besuchen erst einmal das frische Grab auf dem Friedhof, ganz nah beim Eingang - ein berührendes Zeichen dafür, wie sehr die Menschen hier mit ihren Schäftlarner Konzerten, mit Benno und Michael Forster verbunden sind.

Camille Saint-Saëns (1835-1921) greift mit der Sammlung von Tänzen als Suite D-Dur, op. 49 scheinbar auf eine frühe barocke Form zurück, aber er täuscht uns. So kommt nach dem pastoralen Prélude die Sarabande als zweiter Satz gar nicht zeremoniell, gravitätisch oder eher düster daher, wie etwa oft bei Bach, stattdessen erklingt ein sehr französisches Flötenidyll. Im turbulenten Finale spielt immer mindestens eine Instrumentengruppe Sechzehntel, herrlich. Die letzten zwei Sätze nennt Saint-Saëns dann auch nur Romance und Finale und macht mit einem Augenzwinkern schon dadurch klar, dass die traditionelle Werkbezeichnung nicht ganz ernst zu nehmen ist. Vermutlich hatte bislang fast niemand im Publikum diese melodiensatte Suite zuvor erlebt. Aus dem so reichhaltigen, vielseitigen Werk des Komponisten mit weit über 150 Opus-Nummern wird bei uns nur ein Bruchteil aufgeführt. Aber Michael Forster hat unseren musikalischen Horizont wieder einmal um ein so schönes Stück erweitert.

Hinreißender Dialog

Als Marsch beginnt das vierte, vorletzte Violinkonzert in D-Dur, KV 218 von Wolfgang Amadé Mozart (1756 - 1791), so nannte er sich immer selbst. Nach wenigen Takten stellt er das Thema vor, das gleich Sarah Christian mit der Solovioline aufgreifen wird, allerdings zierlicher, feiner. Ständig setzt Mozart andere rhythmische Akzente in diesem Satz, bei dem Solistin und Orchester hinreißend dialogisieren. Schon hier kann sie ihre Virtuosität hochmusikalisch ausspielen.

Spannend sind auch die Kadenzen des Stücks, alle spielen natürlich gekonnt mit dem Themenmaterial und sind mal klassisch, mal deutlich "moderner". Sarah Christian hat sich für die des großen Geigers und Brahms-Freundes Joseph Joachim entschieden, einiges davon aber großartig selbst neu bearbeitet. Den Charakter des Adagios cantabile des zweiten Satzes bestimmen Vorhalte, die verleihen ihm besonderes Gewicht. Aber wie im ersten Satz darf die Sologeige im Wechsel mit dem Orchester seelenvoll singen. In eng verwobenem Miteinander entsteht ein bezauberndes musikalisches Rokoko-Juwel, das ziemlich unvermutet endet. Im abschließenden, rhythmisch abwechslungsreichen Andante grazioso kann Sarah Christian ihrem Temperament und ihren Fingern noch einmal freien Lauf lassen. Immer wieder stellen sich Themen nur kurz vor und sind gleich wieder verschwunden.

Einen Effekt kosten Solistin und Konzertmeister so richtig aus: eine bäuerliche, dabei fast exotisch wirkende Klangfarbe mittels Bordun-, also leer mitschwingender Saiten. Die Musiker verzichten aber darauf, diesen besonderen Moment parodistisch zu überreizen, sie lassen ihn rein als musikalisches Schmankerl wirken, ehe das Werk, wie schon der 2. Satz, bald danach fast ohne Coda oder große Geste einfach aufhört.

Joseph Haydns (1732 - 1809) "Oxford"-Sinfonie, Nr. 92 G-Dur heißt so, weil sie zwei Jahre nach ihrer Entstehung, 1791, dort wohl zu seiner Ehrendoktor-Feier aufgeführt wurde. Eine nachdenkliche Adagio-Einleitung führt zum "Allegro spiritoso", das Thema endet mit einem vorwitzigen Sprung nach oben, der uns von da an im ganzen Satz mit variierten Intervallen ständig begegnet. Geistreich und voller Witz ist das allemal, und manchmal ahnt man sogar schon Rossini vorweg. Das Adagio fällt im Mittelteil vor allem durch die Pauken auf, und für ein Menuett ist der dritte Satz eher robust, er irritiert gründlich durch ständige Akzentverschiebungen.

Der Rausschmeißer ist ein weiteres Wunderwerk. Zwar spielen das diese famosen Musiker so atemberaubend flott, wie ein Vivace assai sein soll, gleichzeitig bei allem Tempo aber ganz ohne zu hetzen. Im verwirrenden Gewusel aller (un-)möglichen Tonarten nehmen uns Michael Forster und die Seinen an die Hand und führen uns sicher durchs Gewirbel bis zum ausnahmsweise absehbaren Schluss. Wie jetzt in Schäftlarn hieß es sicher auch in Oxford damals: Haydn at his best.

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