Trend zur Natur:Was braucht unser Wald?

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Herbst im Taunus

Waldbesitz liegt im Trend: Für die einen als wohnortnahes Erholungsgebiet, für die anderen als Investition, schließlich ist Holz als Rohstoff gefragt. Doch kaufen und dann haben, so einfach ist es nicht, denn Bäume bedeuten auch jede Menge Arbeit, wie Fachleute betonen.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Auf der Suche nach Investitionen oder einer Freizeitbeschäftigung kaufen sich immer mehr Menschen einen Forst. Doch Gehölze einfach wachsen lassen, das geht nicht - darum muss Hilfe her.

Von Marie Heßlinger

Die Szene wirkt wie aus einem skurrilen Märchenfilm: Hohe Stämme umgeben von Novembernebel, Moos, das auf dem Waldboden leuchtet. Es riecht nach Harz und Laub und Kälte, Äste knacken. Und zwei Frauen und 14 Männer in Strickmützen bahnen sich einen Weg durchs Gestrüpp. "Was schneiden wir jetzt um?", sagt einer von ihnen. "Ich kenn' mich gar nicht mehr aus."

Dass er sich nicht auskennt, ist gespielt. Tatsächlich kennt Florian Loher sich wohl mit am besten in der Gruppe aus: Er ist Forstwirt und Geschäftsführer der Wolfratshauser Waldbesitzer-Vereinigung, für die er vergangene Woche einen Staatspreis für "vorbildliche Waldbewirtschaftung" entgegennahm. Wie so oft an Freitagen führt er eine Gruppe Waldbesitzer durchs Schäftlarner Unterholz und erklärt, zusammen mit Revierleiter Gerrith Hinner, worauf es bei einer modernen Waldbewirtschaftung ankommt. Denn: So, wie es bisher war, wird der Wald nicht überleben. Dabei liegen Wald und Holz gerade jetzt im Trend.

"Jetzt muss ich dich fragen, lieber Freund, sind das jetzt die Zukunftsbäume oder schneidest du die um?", steigt Gerrith Hinner in Lohers Fragen ein. Die beiden Forstwissenschaftler stehen nun in der Mitte der Gruppe, umgeben von Fichtenwald, sie haben mehrere Bäume mit Schnüren gekennzeichnet. Es sind jene Bäume, deren Kronen spärlich aussehen im Vergleich zu jenen der anderen, die dünner und kleiner wachsen als andere. Sollte man sie fällen? Ein Teil der Männer hebt zaghaft die Hand. Früher hätte man das so gemacht. Früher, als Sauberkeit und Ordnung herrschten im Wald. Die Lehrmeinung heute ist eine andere.

"Vergesst die weißen Bändl", sagt Loher, "das sind genau die Bäume, die stehen bleiben." Die schwächeren Bäume könne man wachsen lassen, bis sie dick seien und Geld einbrächten. Denn: Sie stören nicht, im Gegenteil. Als Loher und Hinner auf einer Lichtung Halt machen, zeigt sich, warum. Überall seien hier Lärchen gepflanzt worden, sagt Hinner. Doch die kleinen Setzlinge würden überwuchert von Brombeeren. "Sobald mehr Licht da ist, kommt die Brombeere", sagt Hinner, "und dann hast du Schweiß, Blut und Tränen." Jeder Baum sei da ein guter Schattenspender - auch ein schwacher.

Trend zur Natur: Revierleiter Gerrith Hinner (li.) und WBV- Geschäftsführer Florian Loher (re.) erklären Waldbesitzern, worauf zu achten ist.

Revierleiter Gerrith Hinner (li.) und WBV- Geschäftsführer Florian Loher (re.) erklären Waldbesitzern, worauf zu achten ist.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Doch Schattenspender hin oder her, den Wald dürfe man nicht sich selbst überlassen, finden die beiden Männer. Auf einer Lichtung kommen sie zum Stehen. Sie ist umgeben von dünnen Fichtenstämmen, die so dicht beieinander stehen, dass der Wald hier ganz dunkel ist und still. In seiner Mitte klafft ein großes Loch. Schnee hat hier im Winter die Bäume erdrückt. Sie standen so eng beieinander, dass sich ihre Kronen ineinander verzweigten. Der Schnee konnte nicht hindurchfallen und erdrückte stattdessen ein ganzes Waldstück - "Schneebruch", sagt Hinner. Schuld daran ist nicht allein die Tatsache, dass die Bäume hier sich selbst überlassen wurden und dicht an dich stehen. Sondern vielmehr, dass es sich hierbei um eine Monokultur aus Fichten handelt.

Vor ein paar hundert Jahren, sagt Loher, wurde die Fichte aus den Alpen ins Flachland gebracht. Sie hat ein breites, flächiges Wurzelsystem, mit dem sie auch in Felsspalten Verankerung findet. "Sie wächst grandios", sagt Loher. "Es gibt kaum ein Holz, das so geeinet ist zum Bauen." Doch ihr flaches Wurzelsystem wird ihr in Zeiten des Klimawandels zum Verhängnis. Es macht sie anfällig für Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer. Da es im Alpenvorland mehr regnet als in anderen Regionen, könnten sich Waldbesitzer hier noch einen Fichtenanteil von 50 Prozent erlauben, sagt Loher, "aber mehr nicht." Der Rest: "Tanne, Buche, Bergahorn."

Der neue Baum der Stunde ist, in der Region, die Buche. Denn sie ist hier heimisch. Anders als bei der Fichte kann Schnee im Winter durch ihre Krone fallen. Auch sonst ist sie hierzulande robuster als Fichte. Loher zieht ein Brett Buchenholz hinter seinem Rücken hervor: "Es ist doch ein wunderschönes Holz, mit Maserungen, die schillern." Buche eigne sich als pflegeleichtes Parkett, und: "Buche hat eine viel höhere Dichte als Fichte." Häuser ließen sich so schlanker bauen.

Wenige Minuten später schlägt Lohers Lob in Ärger um. Von einer Schneise führt eine Traktorenspur weg. Nur rund fünf Meter lang, doch die Furchen im Boden sind tief. "Wenn ich so etwas sehe, fange ich das Schreien an", sagt er. Die Schneise - Loher und Hinner nennen sie "Rückegasse" - dient der Waldarbeit mit schweren Lastfahrzeugen. Alle 30 Meter darf so eine Gasse entstehen, doch davon abweichen sollten die Waldarbeiter nicht. Hier aber scheint ein Waldarbeiter genau das getan zu haben. "Auf dieser Fläche ist der Boden kaputt - und zwar für Jahrtausende."

Die Bodenverdichtung durch tonnenschwere Waldfahrzeuge ist so stark, dass kein Frost und kein Erdtier sie so schnell wieder aufbrechen kann. Pflanzen können dort nur schwerlich wachsen. Manche Waldbesitzer nutzten deshalb stattdessen Traktoren für die Arbeit im Wald. Doch der Schaden, den sie damit anrichteten, sei noch größer, sagt Loher: Bei Rückefahrzeugen verteile sich das Gewicht auf mehr Räder, der Druck auf den Boden werde dadurch immerhin verteilt.

Bäume wachsen lassen statt fällen, Mischwald pflanzen statt Monokultur, Bodenverdichtung vermeiden - wirklich neu sind all diese Erkenntnisse eigentlich nicht. Dennoch zeigt der Wald, durch den die Gruppe schreitet, einige Beispielen einer schlechten Bewirtschaftung auf. Hinner zuckt mit den Schultern. "Wenn man es schon immer so gemacht hat, dann macht man es weiter so." Wer wirklich Geld mit Holz verdienen will, hat es außerdem nicht leicht. 150 Euro, schätzt Loher, ließe sich mit einem Fichtenstamm verdienen - mit einen Baum, der 80 Jahre lang gewachsen ist.

Dennoch liegt Waldbesitz im Trend. "Jeder hat den Wald neu entdeckt", sagt Hinner. "Jeder hat durch Corona entdeckt, dass Erholung nicht nur in Griechenland zu finden ist, sondern auch hier." Holz als Rohstoff zum Bauen sei nun wieder beliebt. Viele Menschen wendeten sich an die Waldbesitzervereinigung, ob sie nicht Waldgrundstücke verkauften, sagt Loher. "Jetzt kaufen sich die Leute mit ihrem vielen Geld Wald." Bücher wie "Das geheime Leben der Bäume" von Peter Wohlleben sind Bestseller.

Doch Waldbesitz, darin sind sich die Teilnehmer der Runde einig, bedeutet Arbeit. Und Loher rät davon ab, Wald sich selbst zu überlassen, damit er von alleine gesunden möge. Natürlich werde sich die Natur wieder von alleine regulieren, sagt Loher. "Da warten wir halt die nächsten 1 000 Jahre, und wenn das nicht reicht, die nächsten 10 000 Jahre." Bloß: "Die Zeit haben wir nicht."

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