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Schäftlarn:Bürgermeister zensiert Kunstausstellung

Ein Windrad als Gänseblümchen: Dieses Bild ist Teil einer Schau im Schäftlarner Rathaus. Es provoziert einige Einheimische dermaßen, dass Gemeindechef Matthias Ruhdorfer es abhängen lässt.

Die Ausstellungen örtlicher Künstler im Schäftlarner Rathaus erregen die Gemüter normalerweise kaum. Dieses Jahr aber ist das anders. Dieses Jahr hat eine Foto-Collage von Hans-Jörg Groß die Betrachter so sehr gereizt, dass Bürgermeister Matthias Ruhdorfer (CSU) sich entschloss, das Bild abnehmen zu lassen. Denn das Werk zeigt eines der vier Windräder, die derzeit in den Wadlhauser Gräben errichtet werden. Statt des Rotors trägt es ein Gänseblümchen. "Zeit, dass sich was dreht", steht auf dem Sockel. Und kein anderes Thema erregt viele Schäftlarner so sehr wie der Bau der Windräder. Denn sie stehen auf dem Gebiet der Nachbargemeinde Berg, aber so nahe am Schäftlarner Ortsteil Neufahrn, dass sich viele Bürger dort schwer beeinträchtigt sehen.

Mit den "heftig verletzten Gefühlen" der Neufahrner erklärt Ruhdorfer in seiner E-Mail an Groß, warum er das Bild am Donnerstag abhängen ließ. Erst am Mittwochabend war die Ausstellung eröffnet worden. Ein halbes Dutzend Bürger, "normale Schäftlarner", habe sich bei ihm oder Rathaus-Mitarbeitern beschwert, sagt Ruhdorfer auf Nachfrage. Eine Mitarbeiterin habe sogar jemanden gesehen, der "heulend" aus dem Rathaus gelaufen sei. Er fühle sich im Rathaus der Neutralität verpflichtet, sagt der Bürgermeister weiter. Schließlich kämen die Bürger mit Anliegen dorthin und hätten nicht die Freiheit, nicht hinzugehen. Einige hätten sich angegriffen gefühlt. "Und nachdem ich mit diesen Emotionen konfrontiert wurde, habe ich gedacht, das Bild ist nicht passend fürs Rathaus." Also wurde es abgehängt.

Im Schäftlarner Rathaus war dieses Bild von Hans-Jörg Groß nur einen Tag zu sehen, dann ließ Bürgermeister Ruhdorfer es abhängen.

(Foto: Hans-Jörg Groß/oh)

Groß sagt, er verstehe zwar, dass die Neufahrner "emotionalisiert" seien, lässt dieses Argument aber nicht als Grund gelten, sein Bild abzuhängen. Emotionen, auch negative, dürften keine Rolle spielen, wenn es darum gehe, welche Kunstwerke gezeigt werden dürften. Tatsächlich ist das Grundgesetz in diesem Punkt eindeutig: In Artikel 5, der die Freiheit der Meinungsäußerung garantiert, ist ausdrücklich auch die Freiheit der Kunst genannt. In Absatz 3 heißt es: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei." Und in Absatz 1: "Eine Zensur findet nicht statt."

Auf diesen Artikel der Verfassung hat Groß in seiner Antwort an Ruhdorfer hingewiesen. "Zensur halte ich (...) für eine anachronistische Überreaktion, die zudem auch politisch sehr unsensibel ist", schrieb er dem Bürgermeister in der Antwort auf dessen E-Mail. Auf Anfrage sagt er: "Das ist ein ungeheurer Vorgang, gerade vor dem Hintergrund, wie die Windkraftgegner sonst austeilen." Windrad-Befürworter würden immer wieder an den Pranger gestellt, sagt Groß. Erst kürzlich seien Plakate mit den Windräder aufgetaucht - an jedem einzelnen hänge der Name eines Vertreters der Bürgerwind Berg VerwaltungsGmbH, etwa von Geschäftsführer Robert Sing und des Berger Bürgermeisters Rupert Monn. "Dafür schäme ich mich als Schäftlarner Bürger", sagt Groß.

Bürgermeister Matthias Ruhdorfer hat das Bild von Hans-Jörg Groß abhängen lassen.

(Foto: Pöstges)

Ruhdorfer, der in Neufahrn lebt, gehört selbst dem Verein zum Schutz der Wadlhauser Gräben an, in dem sich die Windradgegner organisiert haben, sein Sohn Martin ist dessen Vorsitzender. Die Plakataktionen seien jeweils beantragt worden, die machten die Windradgegner in ihrer eigenen Verantwortung und eben nicht im Rathaus, wo sie auch keinen Platz hätten.

Er selbst habe sich von dem Bild auch provoziert gefühlt, das im Treppenhaus beim Bauamt hing, sagt Ruhdorfer. Er habe jedoch für sich beschlossen, das müsse und könne er aushalten. Da aber die Gefühle anderer massiv verletzt worden seien, habe er sich entschlossen, das Bild entfernen zu lassen. "Ich habe die Verantwortung, dass im Rathaus nicht so Stimmung gemacht wird", sagt Ruhdorfer. Wenn das Bild in einer Galerie hinge, wäre das nach Ruhdorfers Ansicht eine ganz andere Situation, mit der er kein Problem hätte.

Auch habe er nicht den Eindruck erwecken wollen, das Rathaus beziehe indirekt Stellung, sagt Ruhdorfer. Momentan, da die Windräder vollendet würden und das ganze Ausmaß des Baus zu sehen sei, kochten die Emotionen eben besonders hoch. Anders als Groß sieht Ruhdorfer in dem Bild auch keinerlei Interpretationsspielraum. Die Aussage: "Zeit, dass sich was dreht", sei eindeutig, "ein Diktum", sagt der Bürgermeister.