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Straßensperrung:Der Ärger über die Baustelle an der B 11

Genervte Autofahrer, frustrierte Ladenbesitzer: Die Sperrung der Bundesstraße macht nicht nur Schäftlarnern und Baierbrunnern schwer zu schaffen.

Straßensanierung, Fahrbahnerneuerung, Ausbau von Ortsdurchfahrten - eine lange Liste arbeiten das Straßenbauamt Freising und die Autobahndirektion Südbayern zwischen Hofolding, Oberhaching und Schäftlarn derzeit ab. Die Folge: Vollsperrungen, Umleitungen, Staus. Der südliche Landkreis München ist eine einzige Baustelle.

Im Isartal Tal und im Hachinger Tal müssen die Leute sehr viel mehr Zeit als sonst einplanen, um in die Nachbarorte zu gelangen. Die Geschäftsleute entlang gesperrter Straßen haben kaum noch Kundschaft. Und auf der Autobahn A 8, auf der schon zu normalen Zeiten selten ein Tag ohne Stau vergeht, ist noch bis Mitte Juli die Anschlussstelle Hofolding gesperrt, auf der Fahrbahn in Richtung München wird der 40 Jahre alte Asphalt erneuert. Viel Verkehr beschert das vor allen den Dörfern entlang der Rosenheimer Landstraße. Aying ist am Wochenende dicht, wenn viele Reisende sich von ihren Navigationsgeräten bereits in Holzkirchen von der Autobahn lotsen lassen.

Immerhin: Bis zum Beginn der Sommerferien sollen diese Bauarbeiten auf der Salzburger Autobahn abgeschlossen sein, verspricht die Autobahndirektion. Dafür geht es an anderer Stelle weiter, und das stellt Oberhaching vor neue Herausforderungen. Dort stöhnen die Anwohner schon seit Wochen wegen der gesperrten Münchner Straße. Auf der M 11 zwischen Furth und Grünwald braucht man dadurch täglich viel Geduld, und das wird noch bis September so bleiben. Doch genau diese Verbindung wird an einem Sommerwochenende auch noch gekappt. Vom 12. bis zum 15. August soll der neue Kapellensteig eingebaut werden. Wohin der Verkehr dann umgeleitet wird, weiß man im Straßenbauamt Freising noch nicht so genau. Man arbeite noch ein einem Plan, heißt es.

Besonders betroffen von der derzeitigen Baustellensituation sind die Bewohner von Baierbrunn und Schäftlarn. Zwischen den beiden Dörfern wurde wegen der Sanierung der Schäftlarner Ortsdurchfahrt die Bundesstraße B 11 bis November komplett dicht gemacht. Nördlich von Schäftlarn türmt sich auf einer Fahrbahnseite kilometerlang das Aushubmaterial der Baustelle wie ein riesiger Wall. Nur Fahrradfahrer und Fußgänger dürfen durch. Mit dem Auto muss man den lange Umwege in Kauf nehmen. Das nervt viele.

Der Landwirt

Franz Sexl hat sein Haferfeld direkt dort, wo das Straßenbauamt Freising auf Baierbrunner Seite die Sperre aufgebaut hat. Dort endet derzeit normalerweise die Fahrt auf der B 11 - nicht überraschend, denn bereits in Pullach weisen Schilder darauf hin. Man kann dann nur umkehren oder ins Gewerbegebiet abbiegen. Nicht jeder tut das auch, und daher ist Sexl stocksauer. Eine tiefe Furche mit Reifenspuren zieht vor der Sperre direkt durch seinen Bio-Hafer und führt nach etwa 50 Metern zurück auf die Fahrbahn. Die Bauarbeiter haben zwar Kies aufgeschüttet, um genau das zu verhindern. Doch die Leute fahren ganz einfach noch ein Stück weiter über das Feld. "Denen ist auch ganz egal, ob sie mit ihrem Porsche aufsitzen. Und beschimpfen lassen muss ich mich auch noch, wenn ich sie anspreche", empört sich der Landwirt. "Ich fahre ja auch nicht bei denen durch den Garten."

Das Straßenbauamt

Sebastian Klaß vom Straßenbauamt Freising kann verstehen, dass Bauer Sexl so aufgebracht ist. Gemeinsam suchen sie nach einer Lösung. Tatsache ist: Die Sperre muss bestehen bleiben, denn wenige hundert Meter weiter ist tatsächlich Schluss. Dort liegt das Geröll der Schäftlarner Baustelle mitten auf der Straße, die Baufahrzeuge rollen auf der nurmehr einspurig befahrbaren B 11. Ließe man nun eine kleine Gasse an der Baierbrunner Straße, dann könnten die Leute sich direkt überzeugen, dass Umkehren die beste Lösung wäre. Zumindest würde keiner mehr über Sexls Haferfeld fahren. "Aber die Leute versuchen ja alles, die fahren dann einfach über den Radlweg weiter", sagt Klaß.

Die Baufirma

Klaus Gegenfurtner managt für die Strabag die Baustelle. Dass es zuweilen so aussieht, als gehe auf der Baustelle nichts weiter, erbost die Leute. Tatsache ist: Einen Zwei-Schicht-Betrieb hat das Straßenbauamt nicht angeordnet. Arbeiten rund um die Uhr wären auch den Anwohnern der Ortsdurchfahrt nicht zuzumuten. Gegenfurtner wehrt sich gegen Vorwürfe der Untätigkeit: "Wir beschleunigen das schon", sagt er. Gearbeitet werde nach Baufortschritt. Manchmal seien 40 Fahrzeuge auf der Baustelle, die den Aushub wegfahren. Normaler Schotter kann normal entsorgt werden. Giftiger Teer, der auch gefunden wurde, müsse auf spezielle Deponien gebracht werden, die nicht in der Nähe lägen und nach deren Öffnungszeiten man sich richten müsse. "Von Montag bis Donnerstag machen wir, was maximal möglich ist", sagt Gegenfurtner. Am Freitag werde meist bis Mittag auf der Baustelle gearbeitet, nachmittags bereiteten die Bauingenieure die Arbeiten der kommenden Woche vor. Ein Problem seien die starken Regenfälle im Juni gewesen - das Wasser stand in der Baustelle und lief nicht ab, es mussten Drainagen gelegt werden. Und wie meist bei Baustellen wurden beim Aufgraben weitere Probleme sichtbar: Kanäle und Rohre, die an Stellen lagen, wo man sie nicht erwartet hatte.

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Der Pflegedienstinhaber

40 Klienten, die täglich besucht werden, hat Nedim Tufekcic, der den Pflegedienst "Herbstbaum" an der Münchner Straße in Schäftlarn leitet. Sie wohnen zwischen Ebenhausen und Solln. Dazu kommen 15 alte Menschen, die jeden Tag in der Tagesstätte betreut werden. "Anfangs hatten wir Schwierigkeiten", sagt Tufekcic, "jetzt haben wir eine Sondergenehmigung." Die führt über landwirtschaftliche Wege, was zwar den Autos nicht guttut, aber immerhin sind jetzt die Kunden wieder versorgt.

Der Pizza-Bäcker

"Das ist wirklich unangenehm." Vito Troyli, Inhaber des Hotels und Restaurants "Il Brigante" in Hohenschäftlarn, mag nicht jammern. Aber schlimm ist die Situation für ihn schon. 30 bis 40 Prozent weniger Kundschaft - "und wer kommt, ist sauer". Sonst machen viele Leute, die in Baierbrunn, Pullach oder Höllriegelskreuth arbeiten, bei ihm Mittagspause, aber die bleiben jetzt aus. Abends sieht es ähnlich aus. Und auch Troyli selbst muss Umwege fahren: wenn er zum Einkaufen will oder zum Friseur nach Solln.

Der Bäcker

Der Geretsrieder Schmid-Bäck hat seine Filiale in Baierbrunn erst eröffnet, doch jetzt bleiben erst einmal die Kunden aus. "Wer sonst viermal die Woche seine Semmeln bei uns gekauft hat, kommt jetzt nur noch einmal oder bleibt ganz weg", muss Kathrin Hofmann feststellen, die derzeit oft in einem leeren Laden an der Wolfratshauser Straße steht. Hofmann selbst kommt jeden Tag aus Geretsried. Sonst fährt sie etwa 20 Minuten, derzeit braucht sie oft eine Stunde zu ihrem Arbeitsplatz. "Es gibt eben keine Schleichwege", sagt Kollegin Kristin Böhme. Sie findet die Sperre dennoch in Ordnung. "Anders geht es eben nicht, sonst werden sie ja nie fertig."

Die Apothekerin

Nur selten geht an diesem Freitagvormittag die Tür der Peter-und-Paul-Apotheke in Baierbrunn auf. "Eigentlich ist der Freitag unser starker Tag", sagt Apothekerin Sabine Dürr. Doch seit die B 11 gesperrt ist, sei das Geschäft um gut 50 Prozent zurückgegangen. Sie findet: "Man hätte auch halbseitig sperren oder einen Forstweg öffnen können." So aber seien die Ortschaften völlig voneinander getrennt. Statt sieben Minuten brauche man, wenn es schlecht läuft, fast eine Stunde bis Schäftlarn. Die Apotheke hat eine Filiale im Nachbarort. Derzeit transportieren die Angestellten die Medikamente zwischen den Häusern mit der S-Bahn hin und her.

© SZ vom 09.07.2016

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