Stoffe und Garn gibt es in der Werkstatt bei Daniela Steinberger zuhauf: Rolle an Rolle liegt das Material fein säuberlich in den Regalen aufbewahrt, die den Tisch mit den Schnittmustern und Messbändern von der Nähmaschinenstraße trennen. Eine der Nähmaschinen ist noch im Einsatz und rattert leise im Hintergrund, was der Werkstatt des Labels "Sauba Beinand" eine heimelige Atmosphäre verleiht. Die Gemütlichkeit, die Garnrollen und die Nähmaschinen, das gehöre jetzt alles zusammen, sagt Daniela Steinberger: Denn die Werkstatt in Greiling ist mittlerweile nicht mehr nur Lagerraum für die im Oberland bekannten Trachtenjanker mit dem Softshell-Innenfutter. Jetzt dient der Raum auch als Showroom, als Verkaufsfläche - und vor allem als Schneiderei. "Das hört sich verrückt an. Dabei haben wir doch gerade erst angefangen", sagt Daniela Steinberger und kann es selbst kaum glauben.
Die Trachtenjanker von "Sauba Beinand", die mittlerweile in vielen Biergärten im Oberland zu sehen sind, gibt es eigentlich schon länger. Seit 2015, um genau zu sein - da nämlich kam Daniela Steinbergers erster Sohn zur Welt. "Mir war fad und ich hab' mir eine Nähmaschine gekauft", erinnert sie sich mit einem Schmunzeln. Dann wurde sie lange und schwer krank. Mit ihrer Genesung beschloss sie, nur noch zu machen, was ihr Spaß macht: "Kleider, in denen sich die Menschen wohlfühlen." Damit wurde die Trachtenfunktionsjacke geboren und fortan allerorts zum Dirndl und zur Lederhose gern getragen. Produzieren ließ Steinberger die Oberteile in Bulgarien, verschickt wurden sie aus Bad Tölz. Onlineshop und Lagerraum hatten eine zentrale Funktion.

Dann kam Corona und wirbelte nicht nur die gewohnte Ordnung des Alltags durcheinander, sondern auch Steinbergers Geschäftsmodell: Die Lieferketten brachen ein und der Versand wurde zunehmend schwieriger. Irgendwann im Laufe der Pandemie, als es Engpässe mit den Maskenlieferungen gab, stand sie in der Küche und kochte, erinnert sie sich. Im Fernsehen äußerten sich die Politiker zu den Engpässen. "Der Aiwanger hat immer gesagt, 'mir san aus Bayern, mir machen des selber'. Da hab' ich mir gedacht: Ja klar." Und Steinberger macht, wovon Aiwanger spricht. Sie informiert sich, wo sie die mittlerweile rar gewordenen Näherinnen finden kann, bestellt Nähmaschinen, regelt sogar, wie die Näherinnen im Notfall Homeoffice machen könnten. Dann stürzt sie sich in das Wagnis, lokal zu produzieren.

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Natürlich gab es da auch Rückschläge und Hindernisse, sagt Steinberger. Die größte Herausforderung war es etwa, die anderen lokalen Kleinstbetriebe aufzustöbern. "Wo kriegt man Garne her, wo den Reißverschluss, wo die Knöpfe?" Aber irgendwo findet Daniela Steinberger immer ihre Zuversicht, und nach und nach auch Zulieferer und Mitarbeiterinnen aus der Region: Im Kindergarten ihres Sohnes etwa lernt sie eine Mutter kennen, die Labels und Lederpatches für die Kleider näht. Das Nackenlabel entdeckt sie in Wackersberg, wo ein Siebdrucker arbeitet, die Schnitttechnikerin schickt Schablonen aus Lüneburg und die Kartonage wird in Lenggries übernommen. Das seien Erfolge gewesen, durch die ihr klar geworden sei: "Wenn sich die Kleinen zusammentun, kann man zeigen, dass man Großes schafft."

Mittlerweile werden die Stoffe aus Italien nicht mehr in Bulgarien, sondern in Greiling zu Kleidung verarbeitet. Derzeit werden dort Jogginghosen und Pullover genäht. Die Stoffe bestehen aus Baumwolle und recycelten Polyester. Das sei zwar keine Bioqualität, gibt Steinberger zu, aber es handle sich um recyceltes Material und damit nachhaltige Zweitverwertung. Denn auch auf Nachhaltigkeit achte sie in der lokalen Produktion: "Ich bin sicher nicht Mutter Theresa, aber die Zukunft meiner Kinder auf diesem Planeten ist mir wichtig", sagt sie.
Mit den Näherinnen findet Daniela Steinberger auch die Möglichkeit, soziale Verantwortung zu übernehmen. Die zwei Frauen seien aus der Ukraine vor dem Krieg geflüchtet. "Ich bin unglaublich stolz, die arbeiten so gut", schwärmt sie. Viele Ideen, wie etwa das Einfassband beim blauen Herrencardigan, seien von den beiden Näherinnen gekommen. Gemeinsam würden sie sich mit Google-Übersetzer austauschen, oder auf Englisch, und hätten ein gutes Miteinander gefunden.

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Die traditionellen Trachtenjanker gehören allerdings derzeit nicht zum Sortiment, das vom Team in Greiling hergestellt wird. Bevor es wieder an die aufwendigen Jacken geht, müsse sich das neue "Sauba Beinand" erstmal stabil aufstellen und einspielen. Ende 2023 soll es die Jacken dann wieder geben, versichert Steinberger. Eine zweite Nähstraße ist außerdem geplant, und auch der Onlineshop wird demnächst umgebaut. Zwei bis drei Mitarbeiterinnen werden dann noch dazu kommen, der Betrieb wächst. Das Modelabel sei erwachsen geworden, aber die Zukunftspläne blieben immer noch dieselben, wie sie auch selbst betont: "Für jedermann und jedefrau Bekleidung produzieren, die man gerne trägt und die einem ein gutes Lebensgefühl gibt."
