Die Ausnahmesituation, welche die Corona-Pandemie mit sich bringt, wird in den kommenden Maitagen auch auf Loisach und Isar deutlich zu spüren sein. Schließlich werden die Flüsse vorerst genauso leer bleiben wie die Biergärten. Anders als sonst zu dieser Jahreszeit wird von Wolfratshausen kein Floß ablegen, um voller fröhlicher Bier trinkender Menschen bei Blasmusik nach München zu schippern. Die geltenden Kontaktverbote und Abstandsregeln treffen auch die Flößereibetriebe hart, die eigentlich zum 1. Mai in die Saison starten wollten. Wann und ob sie das können, ist noch völlig ungewiss. Fest steht nur, dass die Traditionsbetriebe heuer große Einbußen haben werden. "Mit hundertprozentiger Sicherheit wird es einen ganz starken Einbruch geben", sagt der Wolfratshauser Floßmeister Josef Seitner.
Für den Start haben seine Mitarbeiter, genau wie die der Floßbetriebe seines Cousins Franz Seitner und des Unternehmens von Michael Angermeier, alle nötigen Vorbereitungen getroffen. Das Floßholz wurde im vergangenen Herbst gekauft, ist getrocknet und liegt an der Floßlände bereit. "Wir sind schon noch in den Startlöchern", sagt Josef Seitner. "Wenn uns der Staat grünes Licht gibt, dass wieder mehr Leute zusammenstehen dürfen, können wir eigentlich loslegen." Allerdings rechnet niemand damit, dass das noch im Mai passiert. "Dafür müssen die Dinge anders sein", sagt der Lenggrieser Michael Angermeier. "Man muss wieder ganz normal miteinander umgehen können."
Zunächst hatten die Betriebe die Floßfahrten bis 3. Mai storniert, wegen höherer Gewalt, weil so lange die aktuelle bayerische "Infektionsschutzmaßnahmeverordnung" gilt, die alle Veranstaltungen und Versammlungen untersagt. Weil aber Ministerpräsident Markus Söder am Dienstag angekündigt hat, die Ausgangsbeschränkungen zu verlängern, wurden alle Floßfahrten bis einschließlich 10. Mai abgesagt. Eine offizielle Aussage über diesen Termin hinaus könne man nicht geben, heißt es bei den Familienbetrieben. "Grundsätzlich gehen wir aber davon aus, dass mindestens alle Mai-Termine storniert werden", erklärt Monika Heidl-Seitner, die Geschäftsführerin des Flößereibetriebs ihres Vaters Franz Seitner.
"Wir hangeln uns von einer Verordnung zur nächsten", sagt Heidl-Seitner. Nun warte man ab, was die Regierung am 4. Mai beschließe. Einen baldigen Saisonstart hält die 50-Jährige aber für unrealistisch. "Selbst wenn sie an Pfingsten die Gastro wieder erlauben, glaube ich nicht, dass wir im Juni schon beginnen können", sagt sie. Denn die Sicherheitsmaßnahmen, die dann für Gasthöfe gelten, ließen sich auf einem Floß einfach nicht einhalten. "Wenn verlangt wird, dass nur maximal 20 Personen mit Mundschutz mitfahren dürfen, dann können wir das nicht erfüllen", sagt Monika Heidl-Seitner. "Wer setzt schon eine Maske auf, wenn er immer wieder ins Wasser springt." Und auch der Sicherheitsabstand könne nicht eingehalten werden. Schließlich seien die Floßfahrten für 60 Leute gebucht, für ein Drittel werde niemand den vollen Preis bezahlen, glaubt sie. Einen Corona-Sonderweg kann sich auch Josef Seitner nicht vorstellen. "Es ist ja ein Gaudi-Betrieb", sagt er. "Bei uns wird Bier getrunken." Und schon Söder habe ja bereits bei der Absage des Oktoberfests erklärt: "Wo Bier im Spiel ist, können die Sicherheitsmaßnahmen nicht eingehalten werden."
Die Flößer berichten von vielen Absagen, aber auch von zahlreichen Buchern, die noch abwarten. "Wir haben ganz tolle Kunden, die das aussitzen und relativ entspannt sind", sagt Monika Heidl-Seitner. Schließlich würden auch in normalen Jahren Floßfahrten bei Hochwasser kurzfristig abgesagt. Josef Seitner aber glaubt, dass noch viele abspringen, selbst wenn Floßfahrten wieder regulär erlaubt werden sollten. "Viele werden sagen: Das machen wir lieber nicht." Zudem gebe es zahlreiche Firmen, die von der Corona-Krise wirtschaftlich betroffen seien. Dass die ihre Betriebsfahrten streichen, sei verständlich. "Man kann nicht staatliche Hilfe beantragen und eine Floßfahrt machen."
Die Flößer selbst haben keine Mittel vom Freistaat beantragt. Die Existenz der Betriebe sei trotz allem nicht gefährdet, betonen sie. "Mein Bruder und ich haben ja auch noch zivile Berufe", sagt Monika Heidl-Seitner, die im öffentlichen Dienst tätig ist. Außerdem seien die laufenden Ausgaben ohne Floßbetrieb gering, da man etwa keine Gebühren für die Nutzung der Floßrutschen und keine Löhne an die Saisonarbeiter zahlen müsse. "Schlimm ist es aber für alle, die an uns dranhängen", sagt sie: Caterer, Gasthöfe, Lkw-Fahrer und die 15 freien Kräfte, die mit dem Nebenerwerb im Sommer gerechnet hätten. "Sie sind die Gelackmeierten." Auch sie kann Heidl-Seitner in Bezug auf eine klare Aussage derzeit nur vertrösten. "Ich bin über jedes Floß dankbar, das ich nach München raufbringen kann", sagt sie. "Aber ich bräuchte eine Kristallkugel um zu sagen, ob das heuer klappt."