Begriffe wie ständige Verspätungen oder Chaos fallen an diesem Donnerstag Ende Januar 2025 häufig, wenn Pendler von ihren Erfahrungen mit der S7 erzählen. Auch wenn der Zug, der um 7.43 Uhr pünktlich in Wolfratshausen losfährt, derlei nicht bestätigt. In einer Dreiviertelstunde ist der Hauptbahnhof in München und damit die Endhaltestelle erreicht.
Eine kleine Verzögerung gibt es dann nur in Baierbrunn, als die S-Bahn für etwa vier Minuten stoppt. Die Durchsage des Lokführers: „Sie kennen das leider zur Genüge: Wir warten auf einen verspäteten Zug.“ Auf der eingleisigen Strecke zwischen Höllriegelskreuth und Wolfratshausen kommen die sich kreuzenden Bahnen nur an den Bahnhöfen aneinander vorbei.
Von „chaotischen Zuständen“ spricht Parthena Polychroniadou. „Ich habe ganz schlechte Erfahrungen“, berichtet die in Wolfratshausen wohnende Rentnerin. Mit der Bahn fahre sie, um ihre Enkelkinder zu besuchen, zu Arztterminen oder für Besorgungen. Erst vergangene Woche sei sie auf dem Weg nach München eine Dreiviertelstunde zu spät gekommen. Wer pünktlich mit der S7 ankommen wolle, müsse Glück haben, sagt Polychroniadou. Was sie besonders verärgere: dass die Bahn bei Verspätungen zu wenig oder gar nicht informiere. „Ich hoffe, es wird besser. Aber das glaube ich nicht.“
Genau das versprach aber die Deutsche Bahn mit den Veränderungen zum Fahrplanwechsel im Dezember 2024. Seitdem fährt die Linie S7 nur noch zwischen Wolfratshausen und dem Hauptbahnhof. Die neue Linie S5 bedient den westlichen Ast bis Kreuzstraße. Ein Jahr danach kritisierte die Bürgermeisterin der Anliegergemeinde Pullach, Susanna Tausendfreund (Grüne), in einem Brandbrief Unpünktlichkeit und Ausfälle, mangelnde Barrierefreiheit, unzuverlässige Informationssysteme und fehlenden Wetterschutz an den Haltestellen. Die Antwort der Deutschen Bahn, dass dazu Maßnahmen liefen, die jedoch langfristige Vorbereitung bräuchten und dass die S7 im Jahr 2025 pünktlicher gewesen sei als im Vorjahr, überzeugte die Kommunalpolitikerin nicht.

Im Zug nach München um kurz vor acht Uhr morgens sieht auch Patrick Schuder keine Verbesserungen in Sachen Pünktlichkeit. „Ich sage nicht wow“, so der 37-jährige Pendler aus der IT-Branche. Besonders dann nicht, wenn gleichzeitig die Fahrpreise ständig stiegen. Es komme immer wieder vor, dass sich die S-Bahn mehrere Male hintereinander verspäte. Am Bahnsteig in der Kälte zu warten, sei nervig.
An diesem Donnerstag hat es gegen sieben Uhr morgens in Wolfratshausen um die acht Grad minus. Nur ein schmaler Durchgang mit einem Automaten für den Ticket-Kauf des Münchner Verkehrsverbunds und ein Nebenraum bieten Schutz vor der Kälte. Seit McDonald’s aus dem Bahnhofsgebäude ausgezogen ist, sind auch die zwei Toiletten im Durchgang geschlossen. „Defekt“ steht auf den Eingangstüren.
Ein Pendler fährt erst einmal in die Gegenrichtung, um nicht in der Kälte warten zu müssen
Schuder arbeitet die meiste Zeit im Home Office, fährt aber zweimal in der Woche zu seiner Arbeitsstelle beim Münchner Ostbahnhof. Deswegen und auch weil er keine starren Anfangszeiten hat, sieht er die Unannehmlichkeiten relativ entspannt. „Ich hole dann halt meinen Laptop raus und fange an zu arbeiten.“ Oder er nimmt die Ausweichroute über den Expressbus von Wolfratshausen zum Halt der S3 in Deisenhofen und weiter Richtung Ostbahnhof.
Doch auch der 37-Jährige kritisiert die schlechte Information bei Verspätungen: „Man hat keine Sicherheit, was die Situation ist.“ Doch der Wolfratshauser spricht auch von den seltenen kleinen Freuden des Alltags, wenn er von der S7 an der Donnersbergerbrücke beim Umsteigen direkt in eine andere gleichzeitig ankommende S-Bahn steigen könne. „Das ist wie ein Sechser im Lotto.“
An die zwei Stunden ist Grischa Herder unterwegs, um von Buchenau im Landkreis Fürstenfeldbruck bis zu seinem Arbeitsplatz im Geltinger Gewerbegebiet südlich von Wolfratshausen zu kommen. Abends geht es wieder zurück. „Mir macht die Arbeit aber Spaß. Deshalb nehme ich das auf mich.“ An der Donnersbergerbrücke ist er an diesem Donnerstag in die S7 gestiegen – und fährt erst einmal in die Gegenrichtung zur Endhaltestelle am Münchner Hauptbahnhof mit. So müsse er nicht in der Kälte am Bahnsteig warten, sagt Herder.

Zu den Unsicherheiten beim Zeitfaktor gesellen sich auf der Strecke auch Hindernisse, gerade für mobilitätseingeschränkte Menschen oder Eltern mit Kinderwagen – etwa die Höhenunterschiede beim Ein- und Aussteigen an einigen Haltestellen. Bei manchen modernen Zügen ist das Niveau unterschiedlich und deshalb ein Absatz zu überwinden.
Und manchmal fallen die Züge länger aus, sodass sich Fahrgäste Alternativen suchen müssen. Weil die S-Bahn nicht fuhr, sei ihr erster Arbeitstag im September 2025 am Pullacher Gymnasium zur Herausforderung geworden, berichtet eine junge Lehrerin im Zug. Um pünktlich zu kommen, musste sie ein Taxi nehmen. Verspätungen nehme sie auf ihrer Pendelstrecke zwischen Hauptbahnhof und Großhesselohe aber in Kauf, sagt sie. „Das macht mir nichts aus.“ Es sei doch toll, sich in ein öffentliches Verkehrsmittel setzen und so von A nach B zu kommen.

