Dieser Zug ist wohl abgefahren. Mag die Anbindung an die Münchner S-Bahn für Geretsried noch so wichtig sein - wer glaubt denn ernsthaft noch an eine absehbare Realisierung? Längst werden makabre Witze gemacht, wer, wenn die erste S-Bahn in Geretsried einfährt, wohl noch im Amt sein, ja, wer überhaupt noch leben werde.
Die endgültige Absage des immer wieder hinhaltend angekündigten Baubeginns im Jahr 2024 ist ein unübersehbares Signal. Der Hinweis "auf unbestimmte Zeit" verstärkt es noch. Wenn die S 7 tatsächlich eines Tages bis Geretsried fahren sollte, wird das auf mehr als 2000 Einwohner angelegte Neubauviertel an der Banater Straße längst bezogen sein und der Autoverkehr wird ungebremst zugenommen haben. Schon jetzt klagt Bürgermeister Michael Müller, dass Geretsried "im Verkehr erstickt". Wie soll sich dies ohne bessere Anbindung an öffentliche Netze ändern?
Die Verspätungen der S 7 bis Wolfratshausen sind alltäglich, sehr ärgerlich, sprichwörtlich und für jeden Spott geeignet. Dennoch beeinträchtigen sie lediglich den Komfort der Passagiere. Anders die mit dem Wort "Verspätung" kaum noch zu qualifizierende eklatante Verzögerung des Streckenausbaus. Sie ist weitaus folgenschwerer. Mit Blick auf den Klimawandel ist sie ein Skandal.
Bürgermeister Müller fragt zu Recht: Wie soll die überfällige Mobilitätswende ohne Schienenanbindung gelingen? Der Verkehr hat am Energieverbrauch der Stadt Geretsried einen satten Anteil von rund 46 Prozent; private Haushalte dagegen nur 28 Prozent, Gewerbe und Industrie 25 Prozent. Mit anderen Worten: Ohne den Personennahverkehr zu drosseln, ist die Klimakatastrophe hier wie anderswo nicht abzuwenden.
Die Stadt Geretsried kann es sich also nicht erlauben, jahrelang weiter auf die S-Bahn zu warten. "Markige Worte", da kann man Landrat Josef Niedermaier nur zustimmen, markige Worte werden nichts ändern. Und zur Ankündigung des CSU-Bundestagsabgeordneten, er werde aber jetzt mal ordentlich Druck machen auf Bund, Bahn und Freistaat, zwei Fragen: Hat er das denn nicht bisher schon getan? Und was hat das gebracht?
Alternativen sind nötig. Stadt und Landkreis sollten sich auf jene Verbesserungen im öffentlichen Nahverkehr konzentrieren, die sie selbst veranlassen, verfolgen und herbeiführen können. Der Expressbus ist gewiss ein guter Anfang. Ausbaufähig in jeder Hinsicht - und zwar ohne nicht enden wollende Planfeststellungsverfahren. Diese Signale stehen auf Grün.