Ateliertage in SchlehdorfZwei, die Tag und Nacht erforschen

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Rita De Muynck und Anna Schölß (hier im Bild) stellen aus: Arbeiten auf Papier und Malerei.  Die Wäschespinne ist ein Symbol der überkommenen Rollenzuweisung an Frauen.
Rita De Muynck und Anna Schölß (hier im Bild) stellen aus: Arbeiten auf Papier und Malerei.  Die Wäschespinne ist ein Symbol der überkommenen Rollenzuweisung an Frauen. Harry Wolfsbauer

Rita de Muynck und Anna Schölß zeigen in der Reuterbühler Kunstfabrik unter dem Titel „Spontanitäten“ Papierarbeiten und Malerei.

Von Felicitas Amler, Schlehdorf

Im Traum und in der Kunst ist alles möglich. Da baumelt ein Mensch, in seine Körperteile zerlegt, auf einer Wäscheleine. Ein Fatschenkind befreit sich, leicht durch die Luft wirbelnd, wie von Zauberhand von seinen fesselnden Verbänden. Bäume hängen mit ihren Kronen nach unten von einer Zimmerdecke über einem Bett. Zwei Hände stecken in Blumentöpfen, daneben eine Gießkanne, mit der sie gewässert werden sollen.

Selbstbildnis: Rita de Muynck hat sich künstlerisch in Einzelteile zerlegt. Ob das rote Teil oben rechts ein Ohr sein soll? Nein, sagt sie und lacht: „Ein bisschen Hirn.“
Selbstbildnis: Rita de Muynck hat sich künstlerisch in Einzelteile zerlegt. Ob das rote Teil oben rechts ein Ohr sein soll? Nein, sagt sie und lacht: „Ein bisschen Hirn.“ Harry Wolfsbauer

Man mag das surreal nennen. Für die Künstlerin, die etwa 300 solcher Bilder geschaffen hat, sind es „Tag- und Nachtzeichnungen“. Rita de Muynck hat sie seit 1999 kontinuierlich nach dem Aufwachen gemalt: „Sie sind ein Destillat von Traumelementen, Erlebnissen, Empfindungen, Einfällen, experimentellen Bildfindungen“, sagt sie. In der aktuellen Ausstellung ist ein Großteil zu sehen, alle 30 mal 30 Zentimeter groß, mit Tusche, Tinte, Aquarell, Acryl oder Buntstiften auf Papier gemalt, weiß gerahmt und symmetrisch zu großen Tableaus angeordnet.

„Für mich ist es wie ein Archiv“, sagt Rita de Muynck über die „Tag- und Nachtzeichnungen“, die sie morgens nach dem Aufwachen gemalt hat.
„Für mich ist es wie ein Archiv“, sagt Rita de Muynck über die „Tag- und Nachtzeichnungen“, die sie morgens nach dem Aufwachen gemalt hat. Harry Wolfsbauer

„Spontanitäten“ haben Rita de Muynck und Anna Schölß ihre Doppel-Schau genannt, mit der sie sich an den Murnauer Ateliertagen beteiligen. Die Ateliers der beiden Künstlerinnen liegen in der Reuterbühler Kunstfabrik in Schlehdorf. De Muynck arbeitet dort, in einer ehemaligen Fabrik, schon seit vielen Jahren, Schölß ist erst vor Kurzem aus dem Cohaus im ehemaligen Kloster Schlehdorf hierher gewechselt. Das neue Ambiente, eingebettet in die herrliche Landschaft des Oberlands, und der von einem Vorbesitzer nach der Harmonielehre des Feng-Shui gestaltete Garten hätten ihr die Ruhe für neue Kreativität gegeben, sagt die junge Künstlerin. Im Cohaus und in Kochel am See hat sie zusammen mit Kolleginnen und Kollegen ihr Kunstkonzept „Transformationen“ etabliert. Für sich selbst erforscht sie nun eine neue Welt: die ihres Großvaters, des Malers Alois Schölß.

Damit setzt Anna Schölß geradezu einen Kontrapunkt zu den intuitiven Werken von Rita de Muynck. Denn sie erkundet systematisch und akribisch „die DNA des Prismas“. Alois Schölß (1905-1986) hat nach seinem Studium an der Kunstakademie in München als freischaffender Maler in Ingolstadt intensive philosophische und farbgeometrische Studien betrieben. In diesen sehr theoretischen, physikalisch-mathematischen Kosmos dringt nun seine Enkelin vor. Gemeinsam mit fünf anderen Familienmitgliedern, die alle künstlerisch tätig sind, will sie „Antworten auf Alois“ finden. Dies ist der Titel einer für den Sommer geplanten Ausstellung in Gempfing – einer Hommage an den Vater und Großvater.

„Die DNA des Prismas“ nennt Anna Schölß ihre Cutouts.
„Die DNA des Prismas“ nennt Anna Schölß ihre Cutouts. Harry Wolfsbauer

„Die DNA des Prismas“ nennt Anna Schölß ihre Cutouts.

An den Wänden des Reuterbühler Ateliers hängen die ersten Werke, die Anna Schölß dafür geschaffen hat: Cutouts – zweilagige Papierarbeiten, das untere Blatt liefert die Farbe, das darüberliegende die geometrischen Ausschnitte, die sich oft zu figurativen Elementen gruppieren. Eine zentrale Arbeit ist noch im Werden und Sich-Wandeln. Schölß hat eine Wäschespinne – Besucher früherer Ausstellungen werden sich an eine andere Installation mit diesem Gegenstand erinnern – mit Papierarbeiten und durch Hitze verformten transparenten Acrylplatten bestückt. Die Wäschespinne, Symbol überkommener Rollenzuweisung an Frauen, ist Anna Schölß‘ Assoziation mit dem großelterlichen Haushalt. Auch die Großmutter sei eine gute Künstlerin gewesen, sagt sie, doch sie habe ihre Kunst zurückgestellt, um ihren Mann zu unterstützen.

Wie dieses symbolische Gestell am Ende von Schölß‘ Schaffensprozess wirken wird, kann nur das Publikum der Wochenendausstellung begutachten. Sicher ist, dass bei diesem wie bei allen Exponaten etwas zu spüren sein wird, was Rita de Muynck als ihr Credo der Kunst formuliert: „Kreativität braucht immer den Anschluss an den Verstand.“

Rita de Muynck, Anna Schölß: Arbeiten auf Papier und Malerei, Samstag und Sonntag, 3. und 4. Mai, 13 bis 17 Uhr. Kunstfabrik, Reuterbühler Straße 15, Schlehdorf. www.ritademuynck.de; www.annaschoelss.com

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