bedeckt München 11°

Risikopatient Bühne:Drama statt Dramaturgie

Privattheatertage beginnen

Vorhang zu: Der Veranstalter "Brotzeit & Spiele" hat die Reißleine gezogen und alle geplanten Auftritte im Oberland samt Ersatzterminen im kommenden Jahr gestrichen

(Foto: picture alliance / dpa)

Kulturschaffende im Landkreis bangen in der Corona-Krise an mehreren Fronten um ihre wirtschaftliche Existenz. Sie müssen mit weit weniger Publikum auskommen oder fallen gänzlich durch die Maschen der Rettungsschirme.

Von Konstantin Kaip

Wie hart das Corona-Jahr 2020 den Kulturbetrieb trifft, zeigt die Entscheidung, die der Ickinger Impresario Wolfgang Ramadan gerade verkündet hat: Seine Agentur "Brotzeit & Spiele", die seitmehr als 20 Jahren die "kulturelle Grundversorgung" im Oberland leistet, wie er es formuliert, hat sämtliche Veranstaltungen für den Rest des Jahres und auch die Ersatztermine im kommenden Jahr gestrichen. Die Nachricht enttäuscht viele Kabarettfans und mehr als 1000 Abonnenten in den zwölf Kommunen, die er bespielt. Seine Entscheidung, nun die Reißleine zu ziehen, erklärt der Poet mit einem typischen Ramadan-Satz: "Es gibt keine Planungssicherheit. Und ohne Planungssicherheit kann ich Ihnen mit Sicherheit eines sagen: Ich kann nicht planen."

Neben politischen Entscheidungen, die einen regulären Spielbetrieb bis Jahresende unmöglich machten, hätten auch Erfahrungen anderer Veranstalter seinen Entschluss bestärkt, sagt Ramadan. "Es werden keine Karten mehr verkauft", hätten die ihm berichtet. "In einem Saal mit 500 Plätzen darf man vor ungefähr 100 spielen, und es kommen 17. Die Leute haben Angst, wegzugehen." Das wisse er auch aus Gesprächen mit zahlreichen Abonnenten, die um ihre Gesundheit besorgt seien. "Ich brauche eine gewisse Größenordnung, und die gibt's nicht mehr", sagt Ramadan. Hinzu komme, dass sich die Bestimmungen praktisch ständig ändern könnten - bis hin zur Absage. "Man kann nicht einen Wahnsinnsaufwand betreiben, und dann darf's nicht stattfinden", sagt der 60-Jährige. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht insolvent gehen."

Wolfgang Ramadan hat alle Veranstaltungen seiner "Brotzeit & Spiele"-Reihe für dieses Jahr abesagt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Vom Kulturrettungsschirm der Staatsregierung hätten bereits einige profitiert, er aber habe nicht einmal einen Antrag stellen können, sagt Ramadan. "Wir sind nicht förderfähig." Dazu brauche man nach den Richtlinien mindestens 24 Vorstellungen pro Jahr an einem Ort. Auf die wäre er gekommen, hätte er den Theatersommer für das Stadtjubiläum in Bad Aibling heuer planmäßig durchführen können. Der aber sei wegen Corona abgesagt worden. Weil er die anderen Ort weniger bespielt - im Landkreis hatte er zwölf Abende in Icking und sieben in Bad Tölz geplant - bekomme seine Agentur vorerst keine Mittel. "Wir haben keine Lobby, weil wir nie Hilfe benötigt haben", sagt Ramadan. Für die nicht subventionierten freien Kulturveranstalter, die wie er jahrelang keine Steuermittel erhalten, dafür Steuern gezahlt hätten, hat er bereits in einem Radio-Interview Anfang August "substanzielle Unterstützung" gefordert. Seine Prognose war düster: "Es wird so schwierig, dass wir uns alle ein zweites Standbein suchen müssen."

Assunta Tammelleo hat bereits eines. Die Betreiberin der Kleinkunstbühne Hinterhalt in Geretsried bestreitet ihren Lebensunterhalt mit einer Immobilienverwaltung. Als Soforthilfe für den Hinterhalt habe sie von der Regierung einen "kleinen vierstelligen Betrag bekommen", sagt sie, ein anderer Antrag laufe gerade. Sie sei eine "gemäßigte Optimistin" sagt Tammelleo über die Zukunft der Kulturveranstaltungen im Landkreis. Der Hinterhalt hat in der Corona-Zeit ein neues Konzept entwickelt: Bands treten auf der Bühne auf und streamen ihre Konzerte live im Internet gegen Spenden. Mehr als 30 Streams gab es bereits, derzeit muss sich Tammelleo um einen Wasserschaden kümmern, danach soll es weitergehen. "Wir lavieren uns da durch", sagt sie über die Sondersituation.

KKK - KleinKunst und Kultur

Bei Sabine Pfister und dem KKK finden alle Abende in Lenggries und Arzbach wie geplant statt - mit reduzierter Besucherzahl.

(Foto: Manfred Neubauer)

Bei der Lenggrieser Kleinkunstbühne "KKK" läuft es wieder "ganz normal" weiter, wie Betreiberin Sabine Pfister sagt - "in Anführungsstrichen". Die für den Rest des Jahres geplanten Abende in Lenggries und Arzbach finden statt, jedoch mit strengem Hygienekonzept und maximal 70 Zuschauern. Im Frühjahr hätten sie und ihr Mann Soforthilfe beantragt und auch bekommen. "Wir haben ziemlich bald verstanden, dass wir ein Geschäft betreiben, bei dem es darum geht, so viele Menschen wie möglich in einen Raum zu kriegen", sagt Pfister, "und dass das erst einmal so nicht weitergeht." Etwa zwei Drittel der Einnahmen, schätzt sie, seien ihr durch Corona weggebrochen. "Man merkt schon, dass die Leute im Kartenvorverkauf sehr zurückhaltend sind." Allerdings tue sich das KKK als kleiner Veranstalter auch leichter: Man sei geübt in Veranstaltungen mit wenig Gästen, habe eine eigene Technik. "Wir sind klein und wendig", sagt Pfister.

Ramadan feilt derzeit an der Wendigkeit seiner Agentur und an neuen Ideen, die kulturelle Grundversorgung auch in Ausnahmezeiten sicherzustellen. "Wir haben zehn Konzepte im Kopf", sagt er. Es gehe um mehr Open Air, Digitalisierung und Kleinteiligkeit. Details will der Ickinger aber noch nicht nennen. "Ich will nichts versprechen, was ich nicht halten kann."

© SZ vom 22.09.2020/aip

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite