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Rinderzucht:Samen sind teuer

Die Vaginen sind vorgewärmt, die Stiere stöhnen - Alltag in der Besamungsstation Greifenberg.

(Foto: Frederik Obermaier)

0,23 Milliliter von Sanddorns Samen kosten 10,50 Euro. Springt er nicht, schrumpft der Tagesgewinn. Denn der fünfjährige Bulle ist ein "hochpositiver Topvererber", wie es in der Sprache der Rinderzüchter heißt. "Eiweiß und Fett, da ist Sanddorn ganz stark", sagt Hermann Zuchtriegel. Der Agraringenieur leitet seit 13 Jahren die Besamungsstation in Greifenberg. Wenn er von seinen Bullen redet, spricht er im Superlativ: "Hervorragend" seien die Zuchtwerte von Sanddorn.

Nicht so gut wie Huray, "der weltbeste Braunvieh-Stier derzeit", aber trotzdem stolze 123 Punkte beim Gesamtzuchtwert. Huray hat nur fünf mehr. Bei der Fitness seien Sanddorns Töchter leicht unterdurchschnittlich, dafür bei der Milch - "der Wahnsinn". Allein schon die Voreuterlänge - Zuchtriegel schlägt Seite 32 im aktuellen Bullenkatalog auf: "Ein Zuchtwert von 122, also überdurchschnittlich." Dann noch ein starkes Zentralband und gerade Zitzen: "Einfach ein Spitzenvererber."

Zuchtriegel spricht gerne über seine besten Bullen. Wenn er von Blutlinien, Erbmaterial und dem hohen Selektionsdruck spricht, überschlägt sich seine Stimme. "Der beste Stier für die beste Kuh", sagt er. Es ist das Motto seiner Arbeit. Er kreuzt die Stiere mit dem höchsten Zuchtwert mit Kühen, die besonders viel Milch liefern. "Wir haben einen jährlichen Zuchtfortschritt von 80 Kilogramm Milch", darauf ist er stolz.

Die Nachkommen der Greifenberger Stiere bringen immer mehr Milch, also brauchen sie auch immer mehr zum Fressen. Die Kühe haben eine "so hohe Genetik", dass manche Bauern bereits Probleme haben, "das Futter in die Tiere hineinzubekommen", sagt Zuchtriegel. Der 60-Jährige sitzt in seinem Büro vor einer vergilbten Tapete, die älter ausschaut als er, und redet von der Zukunft der Rinderzucht:

"Genomische Selektion, das ist jetzt ganz neu." Statt Kühe mit dem Samen der jungen Stiere zu befruchten und zu warten, wie ihre Kinder und Kindeskinder gebaut sind und wie viel Milch sie liefern, reiche schon eine Blutprobe. Bei den Holstein-Bullen testet Zuchtriegel das bereits. Mit Erfolg: "Der Stier ist acht Wochen alt, und da wissen wir schon, was er vererbt."

Bisher musste er rund vier Jahre warten, bis er wusste, ob ein Stier gut vererbt, sich also "profiliert", wie Zuchtriegel sagt. "Das ist nur einer von zehn." Die übrigen Bullen, sind "negative Stiere". Sie werden geschlachtet. In der Rinderzucht zählt nur die Leistung. Nur wer liefert, überlebt. Und Fleckvieh-Bulle Sanddorn liefert, am Ende wenigstens.

Von hinten springt er auf Engor, sein Penis wächst in Sekundenschnelle auf Ellenlänge. Er balanciert mit seinen Hinterhufen auf einer Lochgummimatte, schnaubt und stößt. Erst ein Mal, dann packt einer von Ettners Kollegen Sanddorns Penis und steckt ihn in eine vorgewärmte Gummivagina. Noch ein Stoß, ein Schnauben, schon ist es vorbei. Auch nach hundert Sprüngen hat Sanddorn den Trick noch nicht durchschaut.

Fünf Milliliter Sperma sind im Reagenzglas. "Für Sanddorn ist das tragbar", sagt Zuchtriegel. Der Samen wird nun untersucht, verdünnt, in kleine Plastikröhrchen abgefüllt und dann langsam auf minus 196 Grad gekühlt. Am Ende sind es 304 Samenportionen, jede 0,23 Milliliter, jeweils 20 Millionen Sanddorn-Spermien, genug also für 304 mögliche Nachkommen von Sanddorn.

Vielleicht liegt es am Wetter, vermutet Zuchtriegel - oder eben am FC Bayern. "Wenn die verlieren und die Pfleger sind Bayern-Fans, dann merkt man das sofort an der Samen-Menge."