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Rezension:Bezaubernde kleine Hexe

Die kleine Hexe (Mirjam Mair) tut alles, um eine gute Hexe zu werden. Die Ansichten darüber, was das bedeutet, gehen allerdings auseinander.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Das Rieder Kindertheater unter Aja von Lerchenhorst begeistert mit Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker

Ein Donnern ertönt, die kleine Hexe geht in Deckung, es regnet Zapfen und Äste - welch ein Glück für die Holzweiber, hatten sie doch fast nichts gefunden und "sakrisch schlechte Zeiten" auf sich zukommen sehen. Nur Gutes hat die kleine Hexe (Mirjam Mair) im Sinn und mit ihr der Rabe Abraxas (Andrea Wiesmann), der ihr als treuer Freund mit Rat und Tat zur Seite steht - und so brechen bald gute Zeiten für die Holzweiber an. Die Tenne des Maierhofs im Kloster Benediktbeuern ist voll besetzt, kurz vor Aufführungsbeginn mussten noch eilig Reservestühle herbeigeschafft werden, um den mehr als 50 Erwachsenen und Kindern Platz zu bieten, die der Einladung des Rieder Kindertheaters und seiner Leiterin Aja von Lerchenhorst gefolgt sind.

Ausstattung, Bühnenbild, Kostüme - alles haben die jungen Spieler und deren Eltern selbst gemacht. Bühnentechnik und Licht übernimmt Franz von Lerchenhorst, Aja von Lerchenhorst, die vor genau 40 Jahren das Theaterprojekt gegründet hat, sitzt am Keyboard und begleitet die Lieder, die sie für die Kinder komponiert hat. Alle gemeinsam verhelfen sie Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker, der mittlerweile 62 Jahre alt ist, zu neuer Frische.

Ob es an der cineastischen Aufbereitung des Stoffs im Vorjahr liegt, mag dahingestellt sein - man merkt der Rieder Inszenierung jedenfalls an, dass an den Figuren gearbeitet wurde. Auch eine neue Rolle, die des kleinen Raben Kraxikorax, wurde hinzugefügt. Dass die Wetterhexe Muhme Rumpumpel mit einer Kamera die "Untaten" der kleinen Hexe dokumentiert und dem Hexenrat als Beweis vorlegen will, mag als Seitenhieb auf den Überwachungswahn gewertet werden, der Teile der Gesellschaft befallen hat.

Der freche Kraxikorax, gespielt von Katie Kofler, fungiert als wortgewandter Kommentator des Geschehens. Immer wieder nimmt er die Liebeleien zwischen der Kleinen Hexe und Abraxas aufs Korn und erntet für Zwischenspiele auf der Geige Szenenapplaus. Im Zentrum steht jedoch die kleine Hexe. Mirjam Mair ist eine Glücksbesetzung für diese Rolle, so authentisch, so mitreißend und mit einer so ausgefeilten Mimik und Gestik füllt sie die Figur mit Leben, dass man nur den Hexenhut ziehen kann. Die wilde Haarpracht, das mit bunten Knöpfen und Flicken garnierte Hexenkostüm und der pinke Hexenbesen sind die i-Tüpfelchen einer Hexendarbietung, mit der sich Mair für weitere Rollen empfiehlt. Doch auch die anderen Figuren werden so liebevoll, charakterstark und mitreißend gespielt, dass man ganz erstaunt ist, dass zur Pause schon 45 Minuten vergangen sind. Romy Mürnseer mimt den fluchenden Förster Kruzifünferl, der den Holzweibern das Ästesammeln verbieten will - und verwandelt sich zwei Szenen später in ein Papierblumenmädchen, dessen Familie die kleine Hexe aus der Bredouille hilft, indem sie ihr zauberhaft duftende, die Sinne betörende Blumen herbeihext.

Die Liste der guten Hexentaten wird zu lang, als dass dies dem Hexenrat und der Oberhexe (Sophie Mayr) gefallen könnte. Maronimann Eva Sindlhauser, die zudem noch den Krämer Pfefferkorn, ein Holzweib und die Windhexe spielt, werden die Füße warm- und der Schnupfen fortgehext. Außerdem hat die kleine Hexe dem Bierkutscher das Verprügeln der Pferde weggehext und dem Schindelmacher das Verprassen seines Geldes beim Kegeln.

Wer so viel Gutes tut, fällt bei den alten Hexen in Ungnade. In der Walpurgisnacht soll die kleine Hexe bestraft werden. Tatsächlich hat sie jedoch die anderen Hexen in Sachen Hexenkunst längst abgehängt. Am Ende tanzt sie mit Rabe Abraxas im Kreis und singt: "Auf und nieder hin und her, böse Hexen gibt's nicht mehr!" Nach dieser bunten und fantasievollen Darbietung kann man dem Rieder Kindertheater nur 40 weitere erfolgreiche Schaffensjahre wünschen.

Weitere Vorstellungen beim Rieder Kinderfest am Samstag, 13. Juli, 11 Uhr und 16 Uhr

© SZ vom 11.07.2019

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