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Rettungsflieger Königsdorf:Wächter über den Wolken

Die Luftrettungsstaffel in Königsdorf dreht ihre Runden, um mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen und Katastrophen vorzubeugen. In den vergangenen Wochen waren die Piloten vor allem wegen der Waldbrandrisiken unterwegs. Ein Besuch im Cockpit.

Langsam entfernt sich der Boden, die Gräser schmelzen zu einem einzigen Grün zusammen, die gewaltigen Baumwipfel, eben noch unerreichbar hoch, werden kleiner und unscheinbar. Alles wirkt ruhiger, friedlicher, ein Gefühl der Stille, obwohl der Motor und der Wind auch durch die Kopfhörer dröhnend wahrzunehmen sind. Hitzige Sommerluft staut sich im kleinen Cockpit. Mit 160 km/h gleitet die Robin DR 400 über das Segelflugzentrum Königsdorf hinweg. Vorerst noch unter den Wolken fliegt sie in Richtung Westen zum Starnberger See.

"Es gibt einen besonderen Moment, der ist für jeden Piloten unvergesslich", erinnert sich Thomas Wendl mit einem Lächeln. "Das erste Mal alleine fliegen." Wendl ist inzwischen Einsatzpilot für Katastrophengefahr und stellvertretender Stützpunktleiter der Flugbereitschaft Königsdorf. Seinen ersten alleinigen Flug hatte er in seiner Heimat Straubing an der Donau mit nur 16 Jahren. Nun ist er seit 46 Jahren Fluglehrer und lebt immer noch seine Leidenschaft, das Fliegen.

Der heutige Flug ist kein gewöhnlicher Rundflug. Die Robin DR 400 und ihre Besatzung, Wendl und der Luftbeobachter Georg Doll, sind auf der Suche nach Rauchwolken, die auf einen Waldbrand hindeuten könnten. Jedes Jahr, wenn die Hitze in den Sommermonaten anschwillt und die sonnendurstigen Menschen ihre Grills anschmeißen und ihre Zigaretten beim Spaziergang auf den Waldboden fallen lassen, ist die Luftrettungsstaffel gefragt. Denn die Waldbrandgefahr ist aufgrund der anhaltenden Hitze und Trockenheit hoch. Und so mancher Mensch ist unachtsam.

Nachdem die Osterseen überflogen sind, hat das leichte, einmotorige Flugzeug das südliche Ufer des Starnberger Sees beinahe erreicht. Der aufkommende Wind zeichnet Muster in die Wasseroberfläche, die nur aus der Luft zu erkennen sind. Auf 2000 Fuß Höhe erscheinen die Stand-up-Paddler und Segelboote wie kleine Figürchen aus Modelleisenbahnen.

Alexander Bauer ist im Landratsamt für Öffentliche Sicherheit und Ordnung zuständig. Wenn während des Fluges Rauch zu sehen sei, verständige der Pilot die Einsatzkräfte der Feuerwehr mithilfe eines Digitalfunkgerätes, erklärt er auf Nachfrage. Bei einem "Gefahrenpotenzial" werde die Integrierte Leitstelle in Weilheim benachrichtigt. Die Luftbeobachter informierten über die Intensität und die mögliche Ausbreitung des Feuers.

Im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen sei er bisher auf kein unangemeldetes Feuer gestoßen, sagt Wendl. Lediglich angemeldete Räumfeuer, bei denen Bauern Äste und andere Gartenabfälle beaufsichtigt verbrennen, konnte er schon mehrmals aus der Luft erspähen. Im Bayerischen Wald nahe Straubing habe er jedoch schon einen Waldbrand entdeckt. "Der wurde aber schnell unter Kontrolle gebracht", sagt der Fluglehrer. Er leitet nicht nur viele der Beobachtungsflüge während der Waldbrandgefahr. Auch bei Überschwemmungen oder Borkenkäferbefall ist er als Einsatzpilot zur Stelle, um mögliche Ausbreitungen aus der Luft zu überwachen.

Die Landschaft, die wenigen winzigen Traktoren auf den Feldern, die grasenden Kühe, und nahezu keine Menschenseele - all das schafft ein surreales Gefühl der Belanglosigkeit. Besonders unwirklich und beeindruckend wird der Flug, als von weitem Regenschauer sichtbar werden, die jedoch nur vereinzelt über Wäldern oder Dörfern niedergehen. Ein Bild, als leerte jemand einen Kübel Wasser aus, ringsum bleibt es trocken, als stünde dort eine unsichtbare Wand. Das Tolle am Fliegen seien die schönen Naturerlebnisse, sagt Wendl, das Wolkenbild und die einzigartige Stimmung. Er flog bereits in Portugal und Rumänien sowie im amerikanischen Houston, Texas und Kalifornien.

Inmitten einer einzelnen dichten Regenwolke, die wenige Kilometer entfernt ein Dorf bedeckt, leuchtet ein gleißender Blitz auf. Nur wenige Millisekunden lang, diese jedoch sind atemberaubend für die Besatzung des Leichtbauflugzeugs, das auf einer Höhe mit der Gewitterwolke schwebt.

Gefährliche Situationen entstünden beim Fliegen hauptsächlich durch menschliche Fehler, erklärt Wendl. "Müdigkeit, Stress oder Aufregung beispielsweise". Die Technik oder das Wetter würden nur einen geringen Prozentsatz der Unfälle in der Luftfahrt ausmachen.

Eine in diesem Fall beruhigende Information, insbesondere, als die DR 400 erheblich zu schwanken beginnt. Innerhalb weniger Minuten kommen mehrere Turbulenzen auf - im Volksmund auch als Luftlöcher bekannt - und lassen das kleine Flugzeug wenige Meter in die Tiefe sacken. Regentropfen peitschen gegen die Glasscheibe des Cockpits, aus dem Augenwinkel sind hier und da Blitze zu sehen.

Wendl und sein Co-Pilot Georg Doll lenken die Robin DR 400 gen Süden. Doll kam über die Feuerwehr zum Job des Luftbeobachters. Denn die Arbeit in der Luftrettungsstaffel und der Dienst bei der Feuerwehr seien laut Doll "artverwandt". Man kenne als Feuerwehrmann die Gegend sowie die nötigen Fachausdrücke. Auch der Umgang mit dem Digitalfunkgerät sei ihm davor schon geläufig gewesen.

Auf dem Rückweg vom Ebersberger Forst über Rosenheim und Holzkirchen bricht die Sonne wieder durch die Wolkendecke. Unmittelbar über dem Kirchsee kippt plötzlich das gesamte Flugzeug nach links, neigt sich tief nach unten Richtung Erdboden, sodass die halbe Besatzung unerwartet zur Seite rutscht. In engen Kurven lässt der Pilot die DR 400 über das Ellbach- und Kirchseemoor hinweg kreisen. Das Panorama ist beeindruckend. Einen derartigen Rundblick auf den umliegenden Wald erhält man wohl nur in dieser etwas beängstigenden Steillage. "Nächstes mal mit Vorwarnung bitte", schmunzelt der Fotograf.

Die Feuerflieger Königsdorf: Pilot Thomas Wendl (links) und Georg Doll gehen auf Beobachtungsflug. So soll sichergestellt werden, dass keine Feuer und Waldbrände ausbrechen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Nach einer guten Stunde in der Luft senkt sich die Robin DR 400 langsam in Richtung Erdboden. Mit einer sanften Landung wird die Besatzung aus der stillen, surrealen Welt wieder ins Diesseits zurückgeholt. Sobald es längere Zeit ordentlich regnet, enden laut Wendl die diesjährigen Waldbrand-Beobachtungsflüge. Somit war dieser Flug womöglich einer der letzten in diesem Sommer.