Reichersbeuern:Zurück in die Dandy-Zeit

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Vor dem ersten Auftritt am Donnerstag hat die Theatergruppe des Max-Rill-Gymnasiums das Stück noch dreimal geprobt. (Foto: Manfred Neubauer)

Unter der Regie von Nikolaus Frei inszeniert das Max-Rill-Theater Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray"

Von Paulina Porer, Reichersbeuern

Die Vorhänge lassen kaum Tageslicht in die Aula des Max-Rill-Gymnasiums - und das am sonnigen Montagnachmittag. Es ist der Tag der ersten Hauptprobe der Theatergruppe. In den kommenden Tagen führen die Schüler der Oberstufe nämlich eine Inszenierung von Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" auf. Als Lord Henry kommt der 18-jährige Felix Bogenberger hinter dem schwarzen Vorhang auf der Theaterbühne hervor. Er stolziert mit seinem Spazierstock nach vorne und fängt an zu sprechen.

"Merk dir bei dem Satz eine Pause zu machen", ruft Regisseur und Lehrer Nikolaus Frei aus dem Regiezimmer herunter. Ein paar Sekunden vergehen. "Sprich jetzt!" Der Schüler setzt die Anweisungen direkt um. Hoher Frauengesang aus dem Laptop des Regisseurs erfüllt den Saal. Der ruhige Klang der Stimme bringt eine kraftvolle Atmosphäre mit sich. Die Grundstimmung ist düster. Maler Basil Hallward, gespielt von Henning von Wulffen, kommt auf die Bühne und richtet seine Staffelei auf. Die Scheinwerfer auf sind ihn und Lord Henry gerichtet. Dann gehen Musik und Licht aus. "Und jetzt alle ins Kostüm", ruft Frei. Denn gleich spielt die Gruppe nicht nur vereinzelte Szenen, sondern das gesamte Stück.

Das erste Mal nach fast drei Jahren tritt die Theatergruppe diese Woche wieder vor einem großen Publikum auf die Bühne. Im Oktober vergangenen Jahres haben sie sich für das Stück entschieden. Schon lange wollte Nikolaus Frei "Das Bildnis des Dorian Gray" inszenieren, da das Werk einer seiner Lieblingsromane ist, erzählt der Regisseur. "Wir haben uns jetzt ein Jahr mit dem Stück befasst, inhaltlich und intellektuell, und uns wirklich mit den Charakteren auseinandergesetzt", sagt Alexander Schmidt, der die Hauptrolle des Dorian Gray spielt. Im Grunde gehe es um die Dandy-Zeit im feinen London des ausgehenden 19. Jahrhunderts, erklärt Frei. "Was ist Schönheit? Was ist das Leben im weitesten Sinn?" Diese Fragen behandle die Geschichte, in der Basil Hallward den jungen Dorian Gray porträtiert. Dessen Wunsch, dass nicht er, sondern das Bildnis an seiner Stelle altert, erfüllt sich auf unerklärliche Weise. Zu diesem Zeitpunkt steht er bereits unter dem Einfluss des Lebemanns Lord Henry. Eine moderne Faust-Geschichte wird in Gang gesetzt. Dorian verliebt sich in die Sängerin Sibyl Vane und lässt sich zunehmend vom mephistophelischen Lord Henry beeinflussen. Anstatt auf den Maler Basil zu hören, lässt Dorian sich zu immer skrupelloserem Handeln verleiten.

Das Max-Rill-Theater hat die Inszenierung bewusst in der Entstehungszeit des Romans belassen. Dessen Themen, "der Traum von ewiger Jugend, die Lust nach einem ausschweifenden Leben ohne Konsequenzen, die Sucht nach makelloser und verführerischer Selbstdarstellung", wie es in dem Faltblatt des Theaters zu lesen ist, seien in der heutigen Zeit aber genauso aktuell wie damals vor über hundert Jahren.

Es gehe also auch um die Themen Kunst und Wirklichkeit, erklärt der Leiter des Max-Rill-Theaters. "Was passiert mit der Kunst, wenn sie sich verselbstständigt und anfängt zu wirken?", so Nikolaus Frei. Und als Regisseur sei er natürlich auch gespannt, welche Wirkung die Theateraufführung auf das Publikum hat. "Die Wirkung ist genau das, was auch das Experiment ausmacht; dass man schaut, in welche Nachdenklichkeit, in welche Lebenslust es die Leute versetzt." Die Zuschauer erwarte auf jeden Fall viel Spannung, sagt Hauptdarsteller Schmidt. "Man sieht Liebe, Hass, Verzweiflung. Es ist sehr viel Emotion."

Bis zum Ende des Corona-Lockdowns konnte die Gruppe nur online proben und Textdurchläufe machen. "Das bringt aber nicht viel, weil man einfach miteinander spielen muss", sagt der 20-Jährige. So hätten sie dann wenigstens den Text schon einmal gekonnt. "Der Text ist die Grundlage und dann kommt alles andere - die Emotion, die Bewegung, die Gestik und auch das Mitspielen ist sehr wichtig, man muss auf seine Mitschauspieler eingehen."

Zurück also zur Probe: Die sechs Schauspieler kommen in ihren Kostümen im Dandy-Stil in den Saal. Regisseur Frei erinnert die Schüler an Dinge, die ihm zuvor aufgefallen sind und gibt Tipps zur Verbesserung. "Es geht nicht mehr darum, es richtig zu machen. Es geht darum, es zu erfahren", so Frei zu einem der Schauspieler. "Versucht wirklich durchzuspielen, die Rolle nicht zu verlassen", sagt der Lehrer. "Die Sätze sind brillant. Kein Satz ist umsonst", betont er. Frei geht zurück in das Regiezimmer. Erst wird es dunkel, dann strahlt Licht in blau und lila aus den Scheinwerfern. "Und jetzt schalten Sie Ihr Handy aus, liebe Zuschauer! Viel Vergnügen bei der Vorstellung", ruft Frei.

Von Donnerstag, 22. Juli, bis einschließlich Sonntag, 25. Juli, finden die Aufführungen des Schülertheaters am Max-Rill-Gymnasium statt. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos. Plätze müssen wegen der Hygieneschutzverordnung reserviert werden

© SZ vom 22.07.2021 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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