ReichersbeuernExperiment geglückt

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Die Theatergruppe der Max-Rill-Schule bringt Stanley Kubricks "Dr. Seltsam" auf die Bühne: Zeitlos aktuell, beeindruckend gespielt, originell inszeniert.

Von Petra Schneider

Überzeugende Laienschauspieler: Valentin Zech, Antonia Angermaier, Sebastian Licklederer, und Franziska Linz.
Überzeugende Laienschauspieler: Valentin Zech, Antonia Angermaier, Sebastian Licklederer, und Franziska Linz. (Foto: Manfred Neubauer)

Es ist schon ein Wagnis, einen Kultfilm wie "Dr. Seltsam, oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben" auf die Bühne zu bringen. Der Theatergruppe der Max-Rill-Schule ist das Experiment geglückt, wie die Premiere am Donnerstag zeigte. Ein kreatives Bühnenbild, durchwegs beeindruckende schauspielerische Leistungen, eine Inszenierung, die geschickt den gesamten Bühnenraum ausnutzt und so 80 Minuten Theatervergnügen ohne Umbaupausen ermöglicht.

Fast 50 Jahre ist die mehrfach Oscar-nominierte Satire von Stanley Kubrick inzwischen alt, in der Peter Sellers drei Rollen spielte. Es ist die Zeit des Kalten Kriegs und der kollektiven Angst: Angst vor einem Atomkrieg und der kommunistischen Weltverschwörung, Angst vor der Unbeherrschbarkeit der Technik und der Unberechenbarkeit des Menschen. Präsent sind noch die Schrecken der Nazis und ihre perfide Rassenideologie - bei Kubrick wird daraus die krude Idee, die Sowjets wollten die wertvollen Körpersäfte der Amerikaner durch Fluorisierung des Trinkwassers vergiften. Eine Mischung aus Paranoia, Irrsinn, Machbarkeits- und Männlichkeitswahn herrscht im Film, überzeichnet bis ins Groteske.

Die Idee, sich den Stoff des Kubrick-Films vorzunehmen, sei von einem Schüler gekommen, sagt Lehrer und Regisseur Nikolaus Frei. Zunächst habe er gezweifelt: Der großartigste Film aller Zeiten mit dem unvergleichlichen Peter Sellers als Schülertheater? "Aber es ist etwas Eigenes entstanden, und darauf bin ich sehr stolz." Die Schüler der Theatergilde der Mittelstufe verwenden bei ihrer Bühnenfassung den leicht gekürzten Drehbuchtext. Auch wenn die Lebenswirklichkeit und der Zeitgeist im Amerika der 1960er Jahre längst vergangen sind - auf der Bühne wirkt das nicht so. Denn die Figuren, und das macht den Film auch heute noch sehenswert, haben überzeitliche Gültigkeit. Allmachtsfantasien, Politikerphrasen und gegenseitiges Misstrauen, unterlegt mit einer permanent sexuell aufgeladenen Atmosphäre - so fremd ist das den jungen Leuten offensichtlich nicht.

Mit großem Engagement sind sie dabei: Sebastian Licklederer als freundlicher, aber überforderter Präsident mit verklemmter Stimme. Lukas Patzak als General Turgidson, der aufgeregt ist wie ein kleiner Junge, weil es nun losgeht mit dem Kriegspielen. Valentin Zech als General Jack D. Ripper, der mit flackerndem Blick und kerzengerader Haltung Wirres faselt über Körpersäfte und Fluorisierung. Und Dr. Seltsam, der deutsche Wissenschaftler im Rollstuhl, dessen rechter Arm reflexhaft zum Hitlergruß hochschnellt: Valentin Zech in einer Doppelrolle gibt ihn nicht als grauen Technokraten wie Peter Sellers. Sein Dr. Seltsam wird von einer sexy Krankenschwester vorgefahren, ein "Atomkraft - nein danke"-Fähnchen am Rollstuhl, heller Anzug, rosa Hemd, Haartolle und Nickelbrille- eine Mischung aus Hugh Hefner und Andy Warhol.

Unbedingt erwähnt werden muss auch das Bühnenbild von Paul Otto: Die Handlung entfaltet sich um eine fiktive Karte, auf der die beiden Blöcke, die die Welt beherrschen, dominieren: US und THEM steht darauf. In der Ecke hängt der Rumpf eines Bombers, dessen Rotoren sich tatsächlich drehen. Von dort oben feuert der texanische Pilot und Patriot Major Kong (Valentin Weimer), der nicht zu stoppen ist, eine Wasserstoffbombe ab, die die Weltvernichtungsmaschine der Russen in Gang setzt: Ein mit Wasser gefüllter Luftballon, der im Publikum explodiert.

Aufführungen in der Aula der Max-Rill-Schule am Samstag, 20., Dienstag, 23., und Donnerstag, 25. Juli, jeweils 19.30 Uhr. www.theater-internat.de

© SZ vom 20.07.2013 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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