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Regenerative Energien:"Windräder sind nichts für politische Angsthasen"

Berg

Die Windräder in den Wadlhauser Gräben, an denen die Tölzer Stadtwerke beteiligt sind, waren höchst umstritten. Inzwischen laufen sie laut Walter Huber sehr gut, weil der Standort "tadellos" ist.

(Foto: Sven Schmid)

In Bayern ist vergangenes Jahr kein einziges Windkraftwerk gebaut worden. Walter Huber, der Chef der Tölzer Stadtwerke, findet das sehr dürftig. Er fordert ein Umdenken.

Man kann es durchaus so sagen: Walter Huber, der Chef der Tölzer Stadtwerke, ist ein Urgestein der Energiewende. Die Solaranlage bei sich daheim auf dem Dach hat er vor 25 Jahren selbst zusammengelötet. Im Winter heizt er vornehmlich mit Holz. Und wenn man ihm vor die Haustüre ein Windrad stellen würde? Klar, das würde er klaglos akzeptieren. Denn für die Abschaltung von Atommeilern zu sein, gleichzeitig aber gegen die viel beschworene Verspargelung der Landschaft durch Windkraftanlagen zu protestieren - das passt für Huber nicht zusammen. Ein Gespräch über notwendige Opfer auf dem Weg zu einer grünen Energiewirtschaft.

SZ: Herr Huber, es gibt im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen nur ein einziges Windrad. Kann das sein?

Walter Huber: Naja, Berg ist an der Landkreisgrenze. Da in den Wadlhauser Gräben . . .

. . . Berg gehört aber zu Starnberg.

Ja, stimmt, das ist Landkreis Starnberg. Dann haben wir im Landkreis Tölz wahrscheinlich überhaupt keines, zumindest kein nennenswertes. Vielleicht was Kleines auf Privatgrund.

In Königsdorf steht eines bei einem Bauern auf dem Hof.

Das ist dann aber bestimmt ein ganz Kleines. Bis 15 Meter Bauhöhe und einer Nennleistung von maximal 30 Kilowatt sind Windräder ja baugenehmigungsfrei. Das sind aber keine richtigen Windräder - und trotzdem: Wenn wir mehr von den Kleinen hätten, wäre das auch eine Lösung. Man muss sich ja mal vor Augen halten: Selbst von den großen Windrädern mit 140 Metern Nabenhöhe und zwei Megawatt Leistung braucht man schon 1000 Stück, um ein einziges Kernkraftwerk zu ersetzen. Und da bin ich jetzt schon beim Punkt: Die Festlegung, dass in Bayern keine Windräder gebaut werden sollen, das war vor Tschernobyl und vor Fukushima. Seitdem gibt es kein Nachdenken mehr.

Warum denn nicht? Was haben die Leute denn gegen Windräder?

Naja, bei direkt betroffenen Nachbarn sind es der Schattenwurf, die Blendeinwirkung, die Geräuschkulisse - und natürlich geht es auch um optische Gefälligkeit. Wenn man nicht direkt betroffen ist, weiß ich nicht, was man gegen eine Windkraftanlage haben sollte.

Warum hat man sich dem Thema hier im Landkreis dann nie wirklich genähert?

Lustigerweise hat man sich dem Thema ja genähert. Die Festlegung, dass südlich der B 472 keine Windräder stehen sollen, ist 2006 passiert. Damals hat man gesagt: Bergrücken sind grundsätzlich freizuhalten von Windrädern.

Warum? Weil es nicht schön ausschaut?

Da gibt es keine Begründung. Im Regionalplan steht dazu nichts drin. Nur: Bergrücken sind freizuhalten. Jetzt sind das natürlich die besten Standorte. Deshalb hat man 2012 nach dem Reaktorunglück in Fukushima eine Ergänzung vorgenommen und in den Regionalplan wieder einen Vorrang für Windräder reingeschrieben. Daraufhin wurden in jedem Landkreis fast bis zum Exzess Vorrangflächen gesucht. Horst Seehofer hat als Ministerpräsident damals von 1500 Windrädern für Bayern gesprochen. Dann kam allerdings die berühmte 10-H-Regelung - das ist quasi ein Bauverbot. Die meisten Bürgermeister und Landräte waren wahrscheinlich auch froh, dass man mit dieser Regelung das Thema erst einmal wieder vom Tisch hatte.

Auftaktveranstaltung INOLA

Walter Huber ist der Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Tölz. Das Unternehmen gestaltet den Wandel am Energiemarkt aktiv mit.

(Foto: Manfred Neubauer)

Weil die 10-H-Regelung keine Bauplätze übrig lässt.

So ist es. Wenn ein Windrad das zehnfache seiner Höhe an Abstand zur nächsten Wohnbebauung einhalten muss - da bleiben ganz, ganz wenige Standorte übrig. Laut Statistik des Regionalen Planungsverbands fallen sogar 100 Prozent der Vorratsflächen durch die 10-H-Regelung weg - so steht es im Plan drin.

Und auf diesen Plan beruft sich die Politik?

Ja. Der Regionalplan müsste deshalb auch schleunigst überarbeitet werden. Denn 2006 hatten wir noch eine ganz andere Situation als heute. Der Landkreis will 2030 ja energieautark sein. Wenn ich dafür aber nichts tue - vom Himmel fällt die Energie nicht. Da muss man auch mal offen und ehrlich sagen: Wir brauchen Alternativen. Wir können in Bayern nicht drei große Atommeiler abschalten und in Sachsen die Kohleverbrennung einstellen, ohne uns Gedanken darüber zu machen, wie wir den Strom in die Steckdose bringen.

Auch hier in der Region bräuchten wir also auf jeden Fall Windräder?

Das ist ein bisschen zu einfach gesagt. Aber wenn wir von den großen Kraftwerksblöcken weg wollen, dann müssen wir eine Alternative suchen. Und Alternative heißt: erneuerbar und dezentral. Wir brauchen also Windräder, Wasserkraftwerke, Photovoltaikanlagen und Biomassegeneratoren - das sind die ausgereiften Techniken. Wo? Das ist die große Frage. Man kann natürlich auch rund um Bayern viele Windkraftanlagen bauen .

Da brauchen wir dann aber dicke Leitungen.

Das würden sicher keine Monstertrassen oder riesige Stromautobahnen werden, wie es leider oft heißt. Diese Begrifflichkeiten machen viel kaputt. Aber es sind Leitungen, natürlich. Der eigentliche Punkt ist aber ein anderer. Es wirkt nämlich schon ein bisschen zynisch, wenn wir sagen: Bei uns in Bayern ist es so schön, sollen doch die anderen die Verspargelung haben. Diesen Egoismus nehmen uns die Leute in Norddeutschland schon jetzt übel.

Sollte man also auch hier ernsthaft über Windräder nachdenken?

So ein Windrad ist nichts für politische Angsthasen. Wir werden leider regiert von mittepopulistischen Politikern - dieser Begriff fehlt mir in den Debatten so ein bisschen. Wir schimpfen immer auf die Links- und auf die Rechtspopulisten. Aber wir haben auch sonst lauter Mittepopulisten, die sich vor unpopulären Entscheidungen scheuen. Ich erwarte von Politikern aber, dass sie das große Ganze über das Los einzelner Leute stellen. Wenn ich jeden Protest als Prämisse nehme für politische Entscheidungen und staatliches Handeln, dann dürfte man auch keine Straße mehr bauen. Bei Straßen redet man nicht groß darüber, bei Windkraftanlagen emotionalisiert sich die Debatte immer gleich ins Unermessliche. Dabei müssten wir uns mal daran gewöhnen, dass Windräder, Wasserkraftwerke und auch großflächige Solaranlagen keine Störer im Umweltschutz sind, sondern Bestandteil des Umweltschutzes. Wir müssen darüber reden, dass Wasserwerksbetreiber Bewahrer der Schöpfung sind. Alternative Energiegewinnung ist lebensnotwendig. Denn nicht nur ein Handy braucht Strom, sondern auch Krankenhäuser, um Dialyseanlagen betreiben zu können. Unsere ganze Denke muss sich da ändern.

Gibt es im Landkreis denn Standorte, von denen Sie sagen: Da würde ein Windrad gut hinpassen?

Es würde bei uns überall im Landkreis gut funktionieren. Das ist immer so das Totschlagargument: Der Wind bei uns in Bayern weht zu schwach - das hat noch niemand bewiesen. Der bayerische Windatlas ist sehr ungenau. Wir haben Windkraftanlagen bei uns in Bayern, die laufen energie- und renditemäßig sauber und haben auch noch nie einen Vogel erschlagen. Im Landkreis gäbe es genügend Stellen, um bei den jetzt gebauten Nabenhöhen dort wirtschaftlich sinnvoll Anlagen aufbauen zu können. Die Windräder in den Wadlhauser Gräben, an denen wir als Stadtwerke beteiligt sind, laufen zum Beispiel sehr gut. Das ist natürlich auch ein tadelloser Standort - an einem Rücken, oberhalb eines Sees. Und weil im Süden Bayerns der Wind oft etwas rauer ist, müsste man halt ein bisschen in die Höhe gehen. Da stören sich dann natürlich wieder einige an der Optik.

Auftaktveranstaltung INOLA

Walter Huber ist der Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Tölz. Das Unternehmen gestaltet den Wandel am Energiemarkt aktiv mit.

(Foto: Manfred Neubauer)

Wie hoch müssten die Windräder denn sein?

Ich kann's nicht auf den Meter genau sagen. Die Wadlhauser Gräben haben eine Nabenhöhe von 130 Metern. 146 bis 150 Meter sind inzwischen Stand der Technik. Ob es noch höher gehen kann, dafür bin ich zu wenig Statiker. Aber mit einer Rotorlänge von 50 bis 55 Metern kommt man auf jeden Fall auf einen Energieertrag, mit dem man auch die Pachtpreise der Bayerischen Staatsforsten begleichen kann.

Wo man die Windräder aufstellt, ist dann fast egal?

Im Isartal geht's sicher nicht, aber an geeigneten Höhenrücken schon. Jetzt genaue Standorte zu nennen, wäre zu früh. Die Frage ist natürlich: Was ist schön, was ist hässlich? Es gibt das deutsche Bundesimmissionsschutzgesetz, die sogenannte BImSchG, eine der strengsten Emissions- und Bauordnungen weltweit. Die sieht für ein Windrad der Berger Größe 850 Meter Abstand zur ständigen Wohnbebauung vor. Und diese BImSchG schützt Menschen vor Emissionen aus technischen Anlagen. Dem noch eins draufzusetzen und die BImSchG mit einer 10-H-Regelung zu verstärken, ist meines Erachtens unnötig. Das bayerische Baurecht setzt schon genügend Grenzen, um die Bürger zu schützen. Natürlich sieht man diese Anlage auch noch in zwei, fünf oder zehn Kilometern Entfernung. Es ist halt eine grundsätzliche Frage: Was wollen wir? Wollen wir unsere Landschaft so haben wie vor 30 Millionen Jahren? Dann müssen wir aber auch noch so einiges andere zurückdrehen. Oder wollen wir eine Industriegesellschaft mit möglichst umweltfreundlich erzeugtem Strom? Und da gehören Windräder selbstverständlich dazu.

Hätten die Stadtwerke selbst Interesse, ein Windrad zu bauen?

Das Stadtgebiet Tölz scheidet da aus. Selbst, wenn man nur die BImSchG heranzieht: Wir halten nirgends 850 Meter Abstand zur Wohnbebauung ein, selbst der Kalvarienberg ist da zu nah dran. Aber irgendwo anders würden wir uns selbstverständlich beteiligen. Wir haben jetzt in Adorf in Hessen gerade wieder eine Windkraftbeteiligung gekauft. In Bayern ist vergangenes Jahr kein einziges Windkraftrad in Betrieb gegangen - das ist schon wenig. Wenn Standorte, dann im Staatsforst. Den Weg hat Ministerpräsident Markus Söder aufgemacht. Den Bäumen tut das nicht weh - im Gegenteil. Rund um ein Windrad entstehen Biotope, da kommt nichts anderes mehr hin. Da fliegt kein Flugzeug im Tiefflug mehr vorbei. Die Offshore-Windanlagen sind Walaufzuchtsgebiete geworden, weil dort kein Schiffsverkehr mehr stattfindet. Am Isarkraftwerk in Tölz ist ein Biotop entstanden, das jeder für selbstverständlich hält. Früher war das eine Kiesbank, jetzt ist es ein Biotop. Was sich da für Vögel angesiedelt haben! Das ist kein Verlust an Lebensqualität. Es wird jedenfalls ein Umbau kommen müssen, der wird auch hier sichtbar sein.

Wie genau?

Es wird keine Verspargelung geben. So wie zehn Rüben noch keinen Acker machen, so machen auch fünf Windräder im Landkreis noch keine Verspargelung. Aber es gibt ja auch Dinge, die fand man früher hässlich und weiß sie heute sehr zu schätzen - wenn ich da nur mal an Schloss Neuschwanstein denke. Und auch Windräder kann man schön finden. Man muss den Aufbau halt ordentlich machen, auch mal über andere Farben nachdenken.

Grün oder blau streichen?

Ja, zum Beispiel. Denn der Umbau wird kommen müssen. Wir laufen 2020 mit der Abschaltung der Atommeiler Gundremmingen und Ohu 2 in ein Loch rein. Bayern wird Strommangelland werden, wenn nichts passiert. Und wenn wir nicht zwei verschiedene Strompreise in Deutschland haben wollen, dann werden wir ordentlich anschieben müssen.