Regatta:"Du musst dich immer festhalten, sogar auf dem Klo"

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Der Geltinger Michael Lentrodt fuhr die Etappe von Kapstadt nach Australien bei der Regatta "Clipper Round the World Yacht Race" mit. Noch einmal würde er nicht dabei sein wollen, aber ist dankbar für die Erfahrungen an Bord und auf dem Ozean

Von Manuela Warkocz, Geretsried

Es ist ein Wettkampf. Eine Strapaze. Und für Michael Lentrodt war es auch ein Aufbruch zu ganz neuen Ufern - das "Clipper Round the World Yacht Race", eines der härtesten Rennen für Hobby-Segler. 23 Tage segelte der Geltinger die 4500-Meilen-Etappe zwischen Kapstadt und Australien mit. 23 Tage im Indischen Ozean nur Wasser und der Horizont. Und die Crew, auf die man sich auf der 70-Fuß-Yacht verlassen muss. 13 Männer, sieben Frauen, fünf Nationen leben über drei Wochen auf dem nur etwa 23 Meter langen Schiff. Wachen und schlafen im Vier-Stunden-Rhythmus. An Deck gesichert, um von 15 Meter hohen Brechern nicht fortgespült zu werden. Beim Schlafen angegurtet auf "Bunks", Stoff bespannten Alu-Rahmen. Die kippen, je nach Neigung des Schiffes im Seegang. "Es ist eng, feucht, kalt, du musst immer im Ölzeug raus, kommst nie zur Ruhe, die Nerven sind ständig angespannt und du musst dich immer festhalten, sogar auf dem Klo", beschreibt Lentrodt die Herausforderungen.

Der Geschäftsführer eines Münchner Immobilienunternehmens ist beruflich ein Büromensch. Privat aber durchaus sportlich und durchtrainiert. Staatlich geprüfter Skilehrer und Bergführer, Präsident des deutschen Bergführerverbands, regelmäßig in der Tölzer Kletterhalle. Zum Segeln kam der 52-Jährige erst spät. Mit dem Küstenschein in der Tasche und erpicht auf Grenzerfahrungen stieß er in einem Seglermagazin auf das "Clipper Round the World Yacht Race".

Diese Regatta um den Globus hat der Engländer Sir Robin Knox-Johnston 1995 ins Leben gerufen. Der erste Ein-Hand-Segler, dem 1969 eine Weltumsegelung gelungen war, erschuf mit "Clipper Ventures" ein florierendes Unternehmen. Er bietet alle zwei Jahre Amateur-Seglern aus aller Welt eine ambitionierte Hochsee-Regatta. Dieses Abenteuer hat seinen Preis. 10 000 Euro zahlt, wer eine Etappe der "Clipper Round the World Yacht Race" mitsegeln will. Der gesamte 40 000-Meilen-Trip ist für 50 000 Pfund (knapp 70 000 Euro) zu haben. Dafür kann so gut wie jeder auf einen der zwölf Clipper steigen. 2000 waren es im Lauf von 20 Jahren. Der Jüngste des Rennens 2015/16 ist 18 Jahre alt, der Älteste immerhin 74. Auch Segeln muss man vorher nicht unbedingt können. Dafür sind in der zweijährigen Vorbereitungszeit vier einwöchige Vorbereitungskurse Pflicht. Navigation und Sicherheitstraining wie Manöver "Mann über Bord" gehören ebenso dazu wie Segelflicken an Bord und Renntaktik. "Denn es geht ja um einen Wettkampf. Nur mal so über den Ozean schippern hätte mich nicht interessiert", verdeutlicht Michael Lentrotd seine Motivation. Die größte Angst des Rund-um-die Uhr-Managers, der auch im Urlaub nicht von Smartphone und Computer lassen kann: "Die kommen ohne mich nicht klar im Büro."

Als er in Kapstadt auf die "Qingdao" steigt, die vom Start in London bereits über Rio de Janeiro bis nach Südafrika gesegelt ist, hat er zunächst andere Sorgen: Seekrankheit. Denn das Meer empfängt die Crew gleich "mit einem brutalen Sturm". Mit Tabletten kriegt er die Kotzerei in den Griff. Andere plagt das Übel die gesamte Tour immer wieder. Das Essen ist auch nicht gerade Kreuzfahrt-Luxus. Nudeln, Reis, Porridge, Süßigkeiten, mehr gibt der minimale Stau- und Kochbereich nicht her. Immerhin: "Das Wasser aus dem Watermaker, umgewandelt aus Salzwasser, schmeckt erstaunlich frisch, wie aus einem Gebirgsbach", so der Geltinger.

Ein erfahrener älterer Skipper, der das Rennen im Jahr 2000 gewonnen hat, hält die Crew zusammen, schlichtet, als ein Streit zwischen zwei Besatzungsmitgliedern eskaliert. "Auch da gibt's halt wie überall einen Arschlochfaktor von zehn Prozent", zuckt Lentrodt die Schultern. Das strikte Alkoholverbot ist für ihn kein Problem. Er rührt sowieso nie einen Tropfen an. Der Skipper kommandiert die Manöver auf dem Einmaster mit Hauptsegel, zwei Vorsegeln und Spinnaker. Nach "Kurzhosenwetter" in Kapstadt geht der Kurs Richtung Antarktis, nur etwa 100 Meilen von Eisbergen entfernt. Das Thermometer fällt auf sieben Grad. "Aber das Segeln ist wirklich überragend", strahlt Lentrodt. "Immer mindestens sieben Windstärken, ein sehr stabiles Boot." Und der sportliche Erfolg stellt sich auch ein. Die "Qingdao", gesponsert von einer chinesischen Küstenstadt und mit mehreren Chinesen an Bord, schiebt sich auf Platz 2. Von den anderen elf Clippern ist allerdings weit und breit nichts zu sehen. Einzige Kommunikationsmöglichkeit ist das Satellitentelefon. Alle sechs Stunden wird der Renn-Stand durchgegeben. "Bei dieser Weite und Einsamkeit wirst du dann schon ganz schön demütig. Denn du weißt, dass jetzt ein Blinddarmdurchbruch eventuell tödlich sein kann." Für jeden Rettungshubschrauber sind die Distanzen auf dem Ozean zu weit. Allerdings liegt für Notfälle ein OP-Besteck an Bord bereit. Ein Ärzteteam steht für Ferndiagnose und Anweisungen via Telefon zur Verfügung. Einem 49-jährigen Crew-Mitglied auf einem anderen Clipper hat auch das nichts genützt. Er hat auf der ersten Etappe beim Festzurren des Hauptsegels etwas auf den Kopf bekommen, wurde ohnmächtig und starb. Sein Leichnam wurde in Portugal von Bord geholt. Die Statistik über die bisherigen zehn Rennen weist dieses Unglück allerdings als einzigen tödlichen Unfall aus. Dreimal mussten Segler gerettet werden, nachdem sie über Bord gegangen waren.

Für Michi Lentrodt zählen die positiven Erfahrungen dieses 8000-Kilometer-Trips. Die Wachen an Deck. Vier Stunden tagsüber aufs Meer schauen. Wale, Delfine und den Albatros beobachten, der das Boot Tag und Nacht begleitet. Nachts ein unfassbar klarer Sternenhimmel. "Du frierst dir den Arsch ab, alles ist total reduziert. Und du fragst dich ,Was mache ich hier eigentlich?'", fasst der Segler seine Erfahrungen zusammen.

Er hat das Motto des Rennen "Change your Life" zu Beginn belächelt. Aber mit einem Mal kommt er da auf hoher See ins Nachdenken. Über Beruf, Familie. Wie schön das Leben ist. Wie wenig es dazu braucht. Was wirklich wichtig ist. Macht sich Notizen. "Jedes Wochenende am Computer sitzen - das hab ich gar nicht mehr wahrgenommen und das will ich nicht mehr", stellt er fest. Das Stichwort "Work-Life-Balance" fällt. "Arbeiten ja, aber nur noch, wenn ich's wirklich gern mache", sagt er seiner Frau Sabine, die ihn nach 23 Tagen und zwölf Stunden im Westaustralischen Albany empfängt. 23 Tage nicht geduscht, vier Kilo abgenommen, Hände, an denen sich die Haut abschält und im Gesicht einen grauen Bart, der ihn zehn Jahre älter wirken lässt.

Regatta: Normalerweise sitzt der Manager fast nur in seinem Büro: Michael Lentrodt ist ein Arbeitstier.

Normalerweise sitzt der Manager fast nur in seinem Büro: Michael Lentrodt ist ein Arbeitstier.

(Foto: privat)

Die "Qingdao" erreicht Platz 3 in der Etappe - nicht ganz der Erfolg, den der Erfolg gewohnte Geltinger erhofft hatte. Aber das ist jetzt egal. Die Fahrt hat ihn verändert. Und überhaupt: Das vierte Schiff läuft erst fünf Tage später ein. Es gibt eine Siegerehrung, Medaille, Hafenfest und kostenlosen Eintritt im örtlichen Walmuseum, weil man die Segler als "heroes" feiert. Lentrodt leidet am Tag, nach dem er wieder festen Boden unter den Füßen hat, unter schrecklichem Muskelkater in den Waden. Strecken von mehr als zehn Meter zu gehen ist er einfach nicht mehr gewohnt. Zurück in München stellt er mit gewissem Erstaunen fest: Das Büro lief reibungslos auch ohne ihn. Würde er denn das Segel-Abenteuer noch einmal wagen? "Ich würde es nicht noch ein zweites Mal machen", zieht Lentrodt sein persönliches Fazit. "Aber jederzeit ein erstes Mal."

Aktuelle Informationen über das Rennen, das noch bis voraussichtlich August 2016 dauert und in London endet, unter www.clipperroundtheworld.com

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