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Reden wir über:Sinnliche Entfaltung

(Foto: Gerd Pfeiffer)

Rebekka Bigelmayr bietet Senioren ein Stimme-Körper-Training an

Interview von Stephanie Schwaderer

Rebekka Bigelmayr ist Sängerin, Gesangspädagogin und "Sinnescoach". In ihrer Masterarbeit hat sie ein Stimme-Körper-Konzept entwickelt, das der Persönlichkeitsentwicklung von Senioren Raum geben soll. In der Tölzer Villa Vivendi bietet die 30-Jährige im Juli ein dreitägiges Seminar dazu an. Eingeladen sind Frauen und Männer ab 55 Jahren.

SZ: Frau Bigelmayr, was ändert sich mit 55 Jahren?

Rebekka Bigelmayr: Ursprünglich hatte ich das Konzept für Menschen über 60 entwickelt, die das Berufsleben hinter sich gelassen haben. In der Energiearbeit markiert aber gerade bei Frauen das fünfundfünzigste Lebensjahr oft einen Scheidepunkt: Wer bin ich als Frau? Worin besteht meine Weiblichkeit? Möchte ich eine weise Frau werden oder werde ich der Jugend hinterherrennen? Da zum Großteil Frauen in meine Seminare kommen, spielen diese Fragen eine wichtige Rolle.

Sie arbeiten in diesem Kurs mit Atem, Stimme und Körper. Was ist anders als in einem Chor?

Alles! Es geht nicht um Stimmbildung oder darum, den richtigen Ton zu treffen. Wir schulen unsere Sinne in Bewusstwerdung, das eigene Fühlen. Und zwar fern von Bewertung oder Leistung. Es geht allein um den individuellen Raum, darum, sich zu spüren, sich zu entdecken und eine neue Beziehung zur eigenen Wertigkeit aufzubauen.

Man sollte ein aufgeschlossener Mensch sein, um sich darauf einlassen zu können?

Im Gegenteil. Die stärkste Wirkung stellt sich bei Leuten ein, die am Anfang sagen, sie könnten mit dieser Gefühlssache überhaupt nichts anfangen. Wir beginnen die drei Tage mit einem Spaziergang. Über allem steht die Frage: Was ist sinnvoll? Nach Antworten suchen wir mit all unseren Sinnen. Es gibt zum Beispiel eine Übung, bei der wir mit geschlossenen Augen eine Kleinigkeit essen. Eine Frau war so überwältigt vom Geschmack einer Dattel, dass sie noch am selben Tag zu fasten begonnen hat. Sie wollte nie wieder einen vollgestopften Kühlschrank haben. In meiner Masterarbeit habe ich mit 13 Frauen und Männern im Alter zwischen 58 und 91 Jahren gearbeitet. Sie alle waren von schwarzer Pädagogik geprägt: Du bist zu alt, zu dick, zu hässlich; du bist nichts wert, weil du nicht mehr arbeitest. Am Ende gaben bei der Evaluation alle an, ein ganz neues Selbstwertgefühl und mehr Mitgefühl entwickelt zu haben.

In drei Tagen zu einem neuen Selbstwertgefühl - zu schön, um wahr zu sein?

Ich habe es erforscht. All das lässt sich in den Interviews nachlesen. Um zu wissen, wie lange es anhält, müsste man die Teilnehmer über Jahre begleiten. Aber ich bin überzeugt, dass wir auch im Alter lernen. Wir machen eine neue Erfahrung, und in unserem Gehirn werden auf neurologischer Ebene alte Programme überschrieben. Das Wichtigste, was es in diesem Seminar zu lernen gibt, lautet: Ich darf so sein, wie ich bin. Für viele ein bis dato undenkbarer Gedanke.

Verstehen Sie sich als Therapeutin?

Die Grenzen sind fließend. Ich bin ein empathischer Mensch und kann vieles auffangen. In jeder Sitzung lerne ich etwas dazu. Ich sehe mich als Künstlerin auf der Bühne und als Pädagogin. Die Arbeit mit den Sinnen und der Stimme möchte ich unbedingt weitermachen, weil ich spüre, dass dieser Weg sinnvoll und berührend ist.

Mehr unter www.bigelmayr.com

© SZ vom 29.06.2020
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