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Raumfahrt:Der erste Klick auf dem Mond

45. Jubiläum der Mondlandung von ´Apollo 11"

Der US-Astronaut Edwin Aldrin wird am 20. Juli 1969 von seinem Kollegen Neil Armstrong (im verspiegelten Visier zu erkennen) bei seinen ersten Schritten auf dem Mond fotografiert.

(Foto: NASA/dpa)

Der Vater der Tölzer Stadtmuseumsleiterin hat an der Entwicklung der Kamera für die Apollo-11-Mission mitgewirkt.

Friedrich Wilhelm Hinterstocker hatte ein Händchen für Feinmechanik. Sein Talent dafür war derart ausgeprägt, dass er als Lehrling in der Firma Friedrich Deckel in München landete, die Verschlüsse für Spiegelreflexkameras herstellte. Der junge Mann war nicht ein x-beliebiger Azubi, sondern wurde alsbald in ein kleines Team aufgenommen, das eine ganz spezielle Aufgabe hatte: Sie entwickelte den Verschluss für die Kamera von Neil Armstrong, der damit vor 50 Jahren nach der Landung von Apollo 11 die ersten Fotos auf dem Mond schoss. Elisabeth Hinterstocker wusste viele Jahre lang nicht, dass ihr Vater auf diese Art an der ersten Mondlandung beteiligt war. "Das war an einem früheren Jahrestag der Mondlandung, als der Papa uns gesagt hat: Wisst ihr eigentlich, dass da die Kamera dabei war, wo mein Verschluss drin ist", erzählt die Leiterin der Tölzer Stadtmuseums.

So war der Vater eben. "Er hat nie so viel erzählt." Seine Begabung für Feinmechanik hatte er von seinem Opa geerbt, der Uhrmacher war. Nach der Lehre bei der Firma Deckel absolvierte er erst einmal seinen Wehrdienst bei der Bundesmarine, wo er während eines Einsatzes jedoch einen Blinddarm-Durchbruch erlitt und fortan nicht mehr auf einem Schiff fahren durfte. Als Reserveoffizier verließ er das Militär und kehrte zu dem Münchner Unternehmen zurück, wo er den Kameraverschluss für die erste Mondlandung fertig baute.

Die dürfte er selbst im Kino miterlebt haben, wie seine Tochter vermutet. "Ich weiß, dass er einen lieben Freund hatte, dessen Mutter im Kino beschäftigt war", sagt Elisabeth Hinterstocker. Die Frau habe den Freunden ihres Sohnes heimlich Plätze auf den Sperrsitzen verschafft. Ende der 1960er Jahre liefen vor dem Hauptfilm noch Nachrichten, eine Art Wochenschau, die auch die Fähre der Apollo 11 auf dem Erdtrabanten zeigte. Ein TV-Gerät war seinerzeit noch teuer. "Und besonders viel Geld hatten meine Eltern nicht", erzählt die Tochter. Leisten konnte sich der Papa hingegen irgendwann einmal eine Omega-Uhr, wie Astronaut Armstrong eine am Handgelenk trug. "Der Papa hat lange gespart, damit er sich auch so eine Omega leisten konnte."

Es war die Zeit des Kalten Krieges. Auf der Erde. Im Weltall. Sogar zwischen den Produzenten von Fotoapparaten. Die Firma Deckel stellte Compur-Verschlüsse her, die hinter der Blende als doppelter Lamellensatz angeordnet sind. Ein Wettrennen gab es mit den DDR-Betrieben, die auf einen reinen Schlitzverschluss setzten. Wer würde es als Erster schaffen, einen Tausendstel-Sekunden-Verschluss herauszubringen? Das war die DDR. Wer würden es als Erster schaffen, ein Lebewesen ins All zu befördern? Das war die UdSSR. Aber der erste Mensch auf dem Mond war ein Amerikaner. Und sein Kameraverschluss stammte aus westdeutscher Produktion. "Im Prinzip war alles ein Wettstreit", sagt Hinterstocker. Ihren Vater hat dies weniger interessiert. Ihn hat die Präzision des Compur-Verschlusses gefreut, ihn haben die besonderen Fotos gefesselt, die Armstrong mit der Kamera schoss. "Das war faszinierend für ihn."

Hühner Reportage

Der Vater von Elisabeth Hinterstocker (im Bild) hat ihr von seiner Arbeit an der Kamera bei einem Jahrestag der Mondlandung erzählt.

(Foto: Manfred Neubauer)

Friedrich Wilhelm Hinterstocker ist allerdings nicht Feinmechaniker geblieben. Neben seiner Arbeit begann er, Geschichte zu studieren. Fürs Lehramt. Er wäre gerne Historiker geworden, musste aber Geld verdienen. Dennoch, sagt seine Tochter: "Wirklich mit Leib und Seele war er wohl Pädagoge, er wollte Wissen vermitteln." Das tat er als Lehrer an der Hauptschule in seinem Geburtsort Holzkirchen. Zugleich war er als Reserveoffizier auch immer der Marine verbunden. Dort hatte er 1962 während der Sturmflut in Hamburg die nahe Kaserne in Brake evakuiert, ohne seine Vorgesetzten um Erlaubnis zu fragen. Dort hat er US-Zerstörer der Flecther-Klasse repariert und für die Bundesmarine umgebaut. Am Ende ist er daran vermutlich auch gestorben. Denn bei Schießübungen wurde auf den amerikanischen Kriegsschiffen viel Asbest freigesetzt, wie seine Tochter erzählt. 2015 erlag ihr Vater mit 77 Jahren einem Lungenkrebs-Leiden, obwohl er nie im Leben geraucht und viel Sport getrieben hatte.

Überhaupt hatte Elisabeth Hinterstocker wegen der Militäreinsätze ihres Vater so ihre Probleme in der Kindheit. "Wir mussten beide brav sein und uns schnell wieder vertragen, denn es war im Kalten Krieg ja nicht klar, ob der Papa nicht einberufen wird." Ansonsten erinnert sie sich gerne daran, wie der Vater zur Schlafenszeit am Abend noch an Uhren herumbastelte, wie er ihr später eine günstige Praktika-Kamera aus DDR-Produktion kaufte und sie immer wieder reparierte. Wie sie später allesamt vor dem Fernseher saßen und den Start der Space Shuttle wie der "Columbia" verfolgten. "Wir haben den Countdown mitgezählt", sagt Hinterstocker. Ob ihr Vater selbst gerne in Apollo 11 mitgeflogen wäre? Das glaubt sie nicht. Er hätte sich "nicht in eine solche Dose" wie die Raumkapsel gezwängt, ebenso wenig wie in ein U-Boot. "Dazu hat er zu viel Freiheitsdrang gehabt, er war lieber in der Natur draußen", sagt Hinterstocker.