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Institution im Isartal:Pioniere in der Pädagogik

Die Geschichte des Ickinger Gymnasiums

Bevor 1954 der Neubau des Ickinger Gymnasiums mit einem großen Fest eingeweiht wurde, wurden die Schüler zeitweise in solchen Baracken unterrichtet.

(Foto: Privatarchiv Peter Schweiger/oh; Repro: Hartmut Pöstges)

Am 2. Mai 2021 wird das heutige Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium in Icking 100 Jahre alt. In der aus einer Elterninitiative heraus gegründeten Schule wurde schon früh nach neuen Werten unterrichtet.

Von Claudia Koestler

Tatzenstecken oder Rohrstock fürchteten Schülerinnen und Schüler in Bayern noch bis in die 1950er Jahre hinein. Offiziell verboten wurde die sogenannte Prügelstrafe sogar erst 1980. Denn junge Menschen sollten, so die gängige Lehrmeinung, durch Strenge an Tugenden wie Fleiß und Reinlichkeit, Gehorsam und Selbstüberwindung herangeführt werden. Im Isartal aber gingen Eltern und Lehrer schon früh einen anderen Weg - und rückten von 1921 an Talente und Begabungen der Kinder in den Fokus, setzten auf Werteerziehung und eine umfassende humanistische Bildung ganz ohne körperliche Züchtigung. Dafür mit großem Erfolg. Das heute nach Rainer Maria Rilke benannte Gymnasium Icking feiert heuer am 2. Mai seinen 100. Jahrestag. Coronabedingt wird das nur mit einem kleinen Festakt begangen, und zwar erst am 25. Juni - ehe im kommenden Jahr hoffentlich größer nachgefeiert werden kann.

Gegründet wurde die seit 1960 staatliche Schule einst aus einer Elterninitiative heraus - und unter Federführung des Lehrers Alfred Vogel. Der 1877 in Pirna, südlich von Dresden, geborene Pädagoge hatte Lehramt studiert, war jedoch gesundheitlich etwas angeschlagen, weshalb er sich nach dem Studium auf Reisen begab, wie sein Sohn, der denselben Vor- und Nachnamen wie sein Vater trägt und bis heute in Icking lebt, aus Tagesbuch-Notizen weiß. Nach einem längeren Aufenthalt in Italien kam Vogel - vermutlich per Empfehlung über Bekannte - ins Isartal. Seit dem Bau der Isartalbahn und dem Verkauf von Bauland durch den Unternehmer Ludwig Dürr war die Einwohnerzahl dort nämlich stark angestiegen, und damit auch der Bedarf an Unterricht. Der Leiter des Kindersanatoriums in Ebenhausen engagierte Vogel, und wenig später fungierte er auch als Privatlehrer für Ickinger Kinder. "Er war von Grund auf ein Humanist", erinnert sich sein Sohn. Vogel unterrichtete Latein und Deutsch, sprach Französisch und hatte eine Leidenschaft für Musik, weshalb er auch ein Orchester gründete. Anfang der 1920er Jahre taten sich schließlich Eltern im Isartal zusammen, um eine "private Mittelschule" zu gründen, die Vogel leiten sollte. "Die Schule wurde also aus der Mitte der Bürgerschaft heraus gegründet. Und diese setzte sich zusammen aus Städtern, Bildungsbürgern und Künstlern", so der Gemeindearchivar Peter Schweiger. "Hier im Isartal hat ein relativ freies, wenig spießiges Leben stattgefunden", erklärt er weiter. "Diese Menschen hatten andere Lebenskonzepte - und das floss auch ein in die Vorstellung, wie ihre Kinder erzogen werden sollten."

100 Jahre Ickinger Gymnasium - Schulgründer Alfred Vogel und Schüler

100 Jahre Ickinger Gymnasium - Schulgründer Alfred Vogel.

(Foto: Privat)

Die Schulgründung indes war alles andere als ein leichtes Unterfangen, wie sich aus Vogels Aufzeichnungen nachvollziehen lässt. Ein "ziemlicher Kampf" ziehe sich durch die Tagebücher, sagt sein Sohn, vor allem, was die Behörden und die Räume anbelangte. Zum einen sei das damalige Schulamt in Wolfratshausen wenig begeistert von einer höheren Schule im Isartal gewesen und wollte stattdessen, dass die Ickinger Kinder nach München pendeln sollten. Und es gab eine ständige Suche nach Räumen, denn immer mehr Eltern wollten ihre Kinder in Icking unterrichten lassen: Im Gründungsjahr wurde noch in einem Café gelehrt, in den folgenden Jahren in einem Holzbau am Ichoring und später in der sogenannten "Bullrich-Villa". Die Schule mit ihrem werteorientierten Konzept erfreute sich immer größerer Beliebtheit, so dass in den 1950er Jahren drei Behelfsbaracken nötig wurden. Alfred Vogel junior wie auch Schweiger erlebten dort Schuljahre: "Sie waren mit Kanonenöfen beheizt, die Fußböden hatten zentimeterdicke Ritzen: Da hat es vielleicht durchgepfiffen", sagt Schweiger über die Interimsräume. 1954 wurde schließlich das neue, bis heute genutzte Gebäude an der Ulrichstraße eingeweiht. Schüler und Lehrer feierten den Umzug triumphal: "Wie ein Volksfest", erinnert sich Vogel.

Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium Icking

Luftaufnahme des Ickinger Schulzentrums, rechts das Rainer-Maria-Rilke-Gymnasium, das seit 1960 staatlich ist.

(Foto: Manfred Neubauer)

Festakt zum Jubiläum am Freitag, 25. Juni, 14.30 Uhr, im Pädagogischen Zentrum, coronabedingt im kleinen Kreis. Eine größere Feier soll 2022 nachgeholt werden.

© SZ vom 30.04.2021
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