Städtebauförderung in Geretsried„Es hat sich hier total viel entwickelt“

Lesezeit: 3 Min.

Der Quartierstreff befindet sich in einer ehemaligen Apotheke am Johannisplatz. V.l.: TVJA-Vorsitzende Kerstin Halba, Sozialarbeiterin Tini Schwarm, Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Franziska Walter sowie TVJA-Geschäftsführer Rudi Mühlhans.
Der Quartierstreff befindet sich in einer ehemaligen Apotheke am Johannisplatz. V.l.: TVJA-Vorsitzende Kerstin Halba, Sozialarbeiterin Tini Schwarm, Kultur- und Sozialwissenschaftlerin Franziska Walter sowie TVJA-Geschäftsführer Rudi Mühlhans. (Foto: Harry Wolfsbauer)

Am Johannisplatz schafft der Trägerverein Jugend- und Sozialarbeit mit seinem Quartierstreff Raum für Begegnungen, Freizeitaktivitäten und Konfliktlösungen.

Von Felicitas Amler, Geretsried

Mehr als tausend Menschen leben in dem 50 Jahre alten Wohnviertel rund um den Geretsrieder Johannisplatz; viele Kinder, aber auch viele Alte. Wenn heute Mitglieder des Quartiersbeirats Johannisplatz feststellen, alles sei in diesem Quartier „viel lebendiger geworden“, dann können die Mitarbeiterinnen des Trägervereins Jugend- und Sozialarbeit (TVJA) zufrieden sein. Denn sie, die das Quartiersmanagement leiten, haben entscheidend dazu beigetragen. „Wir sind immer im Gespräch mit den Menschen“, sagt Sozialarbeiterin Tini Schwarm. Ihre Kollegin Franziska Walter, Kultur- und Sozialwissenschaftlerin, stimmt zu: „Es hat sich hier total viel entwickelt. Wir sind mit sehr vielen Menschen in Kontakt.“

„Sozialer Zusammenhalt“ als Ziel

Das Quartiersmanagement war und ist ein Element der Bund-Länder-Städtebauförderung „Soziale Stadt“ (1999-2019), die inzwischen unter dem Rubrum „Sozialer Zusammenhalt“ steht. Mit Geld aus diesen Töpfen hat die Stadt Geretsried in den vergangenen Jahren am Johannisplatz, am Neuen Platz und im Stadtteil Stein schon viel verändert. Dazu gehörten zunächst bauliche Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfelds und der Infrastruktur. Unter dem Aspekt „sozial“ geht es aber auch um ideelle Ziele wie Familienfreundlichkeit, Teilhabe und Integration der Bewohnerinnen und Bewohner. Eben darum kümmert sich das Quartiersmanagement.

Am Johannisplatz hat der Trägerverein, dem diese Aufgabe von der Stadt übertragen wurde, das Glück, dafür eigene Räume nutzen zu können. In der ehemaligen Apotheke finden nun Beratungen, Treffen für Jung und Alt sowie allerhand offene Gruppen, von Yoga bis zum „Stammtisch für Junggebliebene ab 50“ statt.

Die Gebäude am Johannisplatz strahlen den Beton-Charme der Siebzigerjahre aus.
Die Gebäude am Johannisplatz strahlen den Beton-Charme der Siebzigerjahre aus. (Foto: Felicitas Amler /oh)

Mehr als „soziale Kosmetik“

Wer die Geschichte des Johannisplatzes in den vergangenen 20 Jahren nachliest, findet Schlagzeilen wie „Sehnsucht nach Ruhe in der Steinwüste“, „Mehr Grün am Johannisplatz“ oder - als Zitat eines zehnjährigen Buben – „Wir dürfen nirgendwo hin“. Und schließlich im Jahr 2016 die Feststellung des Wirtschafts- und Sozialgeografen Rafael Stegen (Salm & Stegen), bis dato sei nur „ein wenig soziale Kosmetik“ geleistet worden; das Projekt „Soziale Stadt“ sei noch nicht fertig. Es seien zwar bauliche Schwächen behoben worden, dagegen seien gerade die sozialen Aspekte offen, vor allem die angestrebte „Harmonisierung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens“. Bürgermeister Michael Müller (CSU) stimmte damals zu: „Der soziale Aspekt dort ist aus meiner Sicht nicht gelungen.“

Die katholische Kirche Hl. Familie liegt am Johannisplatz.
Die katholische Kirche Hl. Familie liegt am Johannisplatz. (Foto: Felicitas Amler/oh)

Heute, also achteinhalb Jahre später, sieht das nach Überzeugung des TVJA-Geschäftsführers Rudi Mühlhans viel besser aus. Und das liege am Quartierstreff. Hier sei der Ort, um Menschen zu begleiten und Konflikte zu lösen, sagt Mühlhans. Tini Schwarm betont: „Begegnungen schaffen ist das Wichtigste.“

Gleich neben dem Quartierstreff liegt die Kneipe „Zur Hanni“.
Gleich neben dem Quartierstreff liegt die Kneipe „Zur Hanni“. (Foto: Felicitas Amler/oh)

Und wenn früher, wie der Johannisplatz-Anwohner Bürgermeister Michael Müller oft beklagt hat, spielende Kinder von den Freiflächen vertrieben wurden, es also fast keinen Platz für sie gab, dann ist das inzwischen ganz anders. Gerade die Kinder seien begeistert vom Quartierstreff, erzählen Tini Schwarm und Franziska Walter. Jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr ist Spielnachmittag, da kämen bis zu 40 Kinder und Jugendliche. Sie können malen und basteln, aber gelegentlich wird auch gemeinsam gekocht oder gebacken. „Es ist ein Raum, in dem man keine Leistung bringen muss“ - so erklärt Schwarm die Beliebtheit bei Kindern. Zum Ostereiersuchen oder zu anderen Spielen geht es auch mal raus ins Grüne. Inmitten des Quartiers stehen mittlerweile große Bäume, und auf der Wiese vor dem Quartierstreff laden zwei extra angeschaffte Bänke zum Sitzen und Schauen ein.

Für einen zweiten Spielenachmittag fehlt das Geld

An die 40 Kinder zu betreuen, das sei für eine Person allein nicht möglich, sagen die Verantwortlichen. Deshalb hat der Trägerverein eine junge Anwohnerin, Anna-Maria Wiesinger, als zusätzliche Kraft gewonnen, deren Unterstützung er mit einer Aufwandsentschädigung entlohnt. Der Kindertreff sei so beliebt und für viele Kinder so wichtig, dass ein zweiter Nachmittag wünschenswert sei, sagen die TVJA-Mitarbeitenden – dafür müsste allerdings mehr Geld verfügbar sein. Und derzeit sei ohnehin noch offen, ob das Projekt über den Dezember 2026 hinaus, wenn die Förderung ausläuft, verlängert wird.

Die Räume des Quartierstreffs sind von großen Schaufenstern gesäumt. Tini Schwarm ist auch darüber sehr glücklich, denn dadurch habe man immer Blickkontakt mit Passantinnen und Passanten. „Die meisten kennen wir, wir winken einander zu.“ In einem der Schaufenster hängen Fotos von Mitgliedern des Quartiersbeirats mit Zitaten: „Mein Anliegen ist es, Gemeinschaft aufzubauen, zu stärken und Kinder zu fördern“, sagt da Karoline Schinagl. Tatjana Leinert erklärt: „Ich möchte am Leben am Johannisplatz teilnehmen und mitentscheiden.“ Und Edeltraud Berkl wird mit diesem Satz zitiert: „Mein Anliegen ist es, Menschen Ängste zu nehmen, um ganz frei leben zu können.“

Pfarrer Andreas Vogelmeier ist auch aktiv dabei

Dem Quartiersbeirat gehören neben vier Bewohnerinnen auch Vertreterinnen der zwei Kindergärten und Andreas Vogelmeier an, der Pfarrer der benachbarten katholischen Pfarrgemeinde Heilige Familie. „Und das ist super“, sagt Mühlhans.

Neben den Quartiersprogrammen wie Sitzgymnastik, „Gesprächskreis O.K. statt K.O.“ oder Spielenachmittag, die allesamt von Anwohnerinnen geleitet werden, gibt es auch Gastangebote in den Räumen. Caritas-Sozialberaterin Claudia König-Heinle kommt jeden Donnerstag von 8.30 bis 10 Uhr; Seniorenreferentin Sabine Gus-Mayr hält hier ihre Sprechstunden ab, und der Flüchtlingshelferkreis findet einmal wöchentlich Platz für Deutschkurse und allgemeine Beratungen.

Alles in allem, so Mühlhans, sei das Projekt „eine Erfolgsgeschichte“. Er hofft auf Fortsetzung, denn was hier im und für das Viertel geleistet werde, das wäre allein von Ehrenamtlichen nicht zu leisten. Es brauche ein Budget und fachkundiges Personal.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

Ein Entwurf des Architekturbüros Steininger
:Schöner wohnen am Johannisplatz

Die Baugenossenschaft Geretsried lässt Teile des Quartiers neu gestalten. Zugänge werden barrierefrei, Balkone größer, Gärten entstehen.

Von Felicitas Amler

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: