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Prozess in Wolfratshausen:Zweifel am Gras-Großeinkauf

Amtsgericht stellt Verfahren gegen 50-Jährigen ein

Von Benjamin Engel, Wolfratshausen

Als "lobenswert und selten" bezeichnet der Richter, dass der Angeklagte mehrere Urintests auf Drogenspuren im Körper vorlegt. Mit den Tests, deren Ergebnisse alle negativ sind, will der 50-jährige Wirtschaftsinformatiker aus dem Landkreis nachweisen, dass er nicht regelmäßig Gras raucht. Das nämlich legt die Anklageschrift nahe: Der Angeklagte soll von einem Dealer 100 Gramm Marihuana zum Grammpreis von elf Euro gekauft haben. Bei einer Hausdurchsuchung fanden Polizisten am 8. Juli 2020 insgesamt 2,8 Gramm Marihuana sowie 1,8 Gramm Haschisch.

In Verdacht geraten ist der Angeklagte nur, weil der aufgeflogene Dealer ihn belastet hat. Diesem war die Polizei per Telefonüberwachung auf die Spur gekommen. Die Glaubwürdigkeit des Dealers bleibt aber zweifelhaft. Der Angeklagte bestreitet, jemals 100 Gramm Marihuana von dem Mann gekauft zu haben. Strafrichter Helmut Berger stellt das Verfahren schließlich vorläufig ein. Zur Auflage macht er aber, dass der 50-jährige 1000 Euro an die Caritas Suchthilfe zahlen soll.

Wie er überhaupt zu Drogen gekommen ist, schafft der Angeklagte nicht zu berichten. Als er von seinem Schlaganfall vor fünf Jahren erzählen will, bricht er ab und kann kaum die Tränen zurückhalten. Verteidiger Alexander Esser erklärt im Namen seines Mandanten, dass dessen Ehe im Jahr 2016 nach langem Streit zerrüttet gewesen sei. In einem Café habe sein Mandant den Dealer kennengelernt. Er sei "sehr glücklich" gewesen, einen "Freund" gefunden zu haben, weil er in dieser Lebensphase sozial sehr isoliert gewesen sei. Der Dealer habe dem Angeklagten dann bei mehreren Gelegenheiten Marihuana und auch einmal Haschisch angeboten. Sein Mandant habe das probiert, erst nichts gespürt und sei dann mit der Wirkung - Kopfschmerzen - nicht glücklich gewesen. Im April 2020 habe er den Kontakt abgebrochen, als ihm auch noch Kokain angeboten worden sei.

Darauf reagiert der Dealer - der laut eigener Aussage nur zeitweise mit Drogen zu tun hatte - empört. "Nie im Leben" habe er dem Angeklagten Kokain angeboten. Nur einmal habe er dem flüchtigen Bekannten aus der Schulzeit 100 Gramm Marihuana verkauft. Das soll ein Teil der 2,5 Kilogramm Gras sein, die der Dealer an einen anderen Mann aus dem Landkreis verkauft und, weil von dieser nicht alles bezahlen konnte, teils wieder zurückgeholt habe. Auf die Frage des Verteidigers, wie der Dealer denn an eine so "sportliche Menge" Drogen gekommen sei, entgegnet dieser nur, eben Kontakte zu haben. "Geretsried und Wolfratshausen sind ein heißes Pflaster." Nur zwei größere Verkaufsgeschäfte, einschließlich das mit dem Angeklagten, habe er noch getätigt. Mehr als zwei Abnehmer gebe es nicht.

In seiner Vernehmung bei der Polizei hat der Dealer auch seinen Hintermann verraten. Der Haftbefehl gegen ihn sei außer Vollzug gesetzt worden, sagt er. Das könnte auch seine Motivation für Geständnisse gewesen sein.

© SZ vom 09.06.2021
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