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Protest in Kochel am See:"Es müssen drastischere Maßnahmen her"

Die Kochler fühlen sich vom Tourismus überrannt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

An die 300 Demonstranten fordern Einschränkungen für die vom Tourismus überrannte Region Kochel. BN-Sprecher Krönauer und MdL Florian von Brunn verlangen mehr Geld für den öffentlichen Verkehr

Von Arnold Zimprich

Von Seeshaupt ist Norbert Hornauer extra mit seinem Liegerad nach Kochel gefahren. "Ausbremst is' ist für mich im Grunde der falsche Slogan", sagt der Familienvater. "Das klingt zu negativ. Es geht hier doch um viel mehr - die Leute vom Auto wegzubringen und hin zum Rad, zum ÖPNV." Etwa 300 Menschen, so die Schätzung der Veranstalter, haben sich am Samstag auf dem Trimini-Parkplatz in Bewegung gesetzt, um zu protestieren: gegen die Staus, die ganz Kochel nicht nur an Wochenenden regelmäßig lahmlegen, gegen wildes Parken am Walchensee, gegen Vandalismus und Vermüllung. Redner der SPD und des Bunds Naturschutz (BN) fordern deutlich mehr Investitionen in den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) und kritisieren die Staatsregierung, die eine Entwicklung wie rund um Kochel habe geschehen lassen.

"Das hat sich die letzten Jahre hochgeschaukelt", sagt Monika Hoffmann-Sailer, die jahrzehntelang für die Kochler SPD in Gemeinderat und Kreistag saß, während des Protestzugs Richtung Ortsmitte. Sie habe nichts dagegen, dass die Münchner rauskommen. Aber inzwischen habe Kochel ja nicht nur am Wochenende ein Verkehrsproblem, sagt sie. Das habe sich in den vergangenen Jahren ausgedehnt. "Stichwort Gleitzeit - die Leute sind die ganze Woche über unterwegs." Eine Freundin von ihr habe einmal von der Apotheke in Benediktbeuern mit dem Auto etwas geholt. Sie habe eineinhalb Stunden zurück nach Kochel gebraucht. Für eine Strecke von sieben Kilometern, für die man sonst vielleicht zehn Minuten benötigt.

„Individualverkehr, das geht nicht mehr“, heißt es auf einem Transparent. Auch Florian von Brunn (SPD, Mitte) setzt sich für einen besseren Öffentlichen Personennahverkehr ein.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

"Mehr Anstand"

Angesichts der zunehmenden Müllentsorgung in freier Natur wünscht sich Hoffmann-Sailer "etwas mehr Anstand" Sie fragt: "Wo bleibt da die gute Kinderstube?"

Florian Bredl schiebt sein Rad neben sich her, hinter ihm geht sein Vater. Bredl ist in Murnau aufgewachsen, hat in Krefeld und Hamburg gearbeitet, kehrte vor einem Jahr nach Kochel zurück, um mit der Renovierung und Umgestaltung der Villa Heimgarten, in der Ferienwohnungen vermietet werden, ein Familienprojekt umzusetzen. Die Villa Heimgarten steht schräg gegenüber von Dorst Technologies, direkt an der Bundesstraße 11 und damit an einer neuralgischen Stelle. Der Verkehr staue sich derartig, erklärt Bredl: "Wir können zum Teil nicht einmal mehr einkaufen fahren. Uns bleibt nur das Rad."

Als der Demonstrationszug nach rechts auf die Staatsstraße 2062 abbiegt, fängt eine von der Polizei aufgehaltene Autofahrerin lauthals zu schimpfen an -die Emotionen kochen hoch. Speziell in diesem Corona-Jahr, in dem noch mehr Touristen als sonst Richtung Walchensee strömen, ist die Toleranz gering.

"Aussteigen, aufsteigen, umsteigen!", wird auf Transparenten gefordert. Ein Mann hält ein Plakat in die Höhe, auf dem "Muaßt am Samstag zum Wertstoffhof - bist schneller in Minga beim Erzbischof" zu lesen ist.

Hilfe von oben - die bekommen die Kochler heute in Gestalt von Frank Sommerschuh, der am rund 200 Meter höher gelegenen Walchensee wohnt. "1500 Anzeigen haben die Ranger bei uns bisher veranlasst - allein in diesem Jahr", sagt er. "Das ist ja schon mal ein Anfang, aber es müssen drastischere Maßnahmen her." Sommerschuh hat die erste Demonstration gegen den Verkehrswahnsinn im Oktober 2019 unter dem Motto "Uns stinkt's!" in Walchensee organisiert. Was ihn ärgert: Es sei wenig passiert, seit sich im Mai 2019 die Bürgermeister der Anrainergemeinden von einem Tiroler Tourismus-Berater in einer Gesprächsrunde in der Jachenau das "Walchenseekonzept" vorstellen ließen. Damals wurden verschiedene Vorschläge zur Lösung des Verkehrsproblems erörtert. Doch es seien nur neue Parkplätze ausgewiesen worden, was nur noch mehr Verkehr provoziere. "Ein Parkticket kostet nur vier Euro", sagt Sommerschuh, "das schmerzt zu wenig."

"Verfehlte Verkehrspolitik"

Abschließend versammeln sich die Demonstranten vor der Kochler Heimatbühne. Die Polizei gibt die B 11 nach eineinhalbstündiger Blockade frei - exakt die Zeitdauer, die Organisator Sebastian Salvamoser veranschlagt hatte. Im Hintergrund braust der Verkehr auf der Bundesstraße wieder auf. Der Münchner SPD-Landtagsabgeordnete Florian von Brunn ergreift das Mikrofon, er weitet den Blick von Kochel auf ganz Bayern. "Wie reden seit Jahren darüber, CO₂-Emissionen zu senken." Die Regierung tue zu wenig, sagt er. Die Entwicklung, unter der die Region um Kochel leidet, habe sich ich schon seit Jahren angebahnt, sagt Brunn. Er fordert mehr Geld für den ÖPNV.

Schließlich übernimmt der BN-Kreisvorsitzende Friedl Krönauer das Mikro. "Was wir erleben, ist die Sehnsucht der Stadtbewohner nach Natur und Erholung und gleichzeitig die Folge von Jahrzehnten verfehlter Verkehrspolitik", sagt er. "Eine Milliarde Euro werden im Landkreis Garmisch-Partenkirchen für Straßenverkehrsprojekte wortwörtlich im Boden versenkt. Und was wird für den ÖPNV ausgegeben?" Die Frage bliebt rhetorisch. Krönauer schließt mit einem Zitat von Hans Magnus Enzensberger: "Der Tourist zerstört das, was er sucht, indem er es findet."

© SZ vom 24.08.2020
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(Foto: Harry Wolfsbauer)

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