Porträt:Maler auf der Flucht

Lesezeit: 2 min

Die Possenhofer Kreuzweg-Bilder stammen von Johannes Matthäus Koelz

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Possenhofen

Jesus fällt, er kommt nicht mehr alleine hoch. Die Schergen schleifen ihn scheinbar ohne Gefühl hinter sich her. Obwohl die Soldaten nur dunkel im Hintergrund zu sehen sind und der persönliche Ausdruck in ihren Gesichtern nicht zu erkennen ist, wirken sie bedrohlich.

Kaum jemand kennt den Kreuzweg am Kalvarienberg in Possenhofen, der von der dicht befahrenen Staatsstraße 2063 auf einem schmalen Pfad den Hügel hinaufführt. Der Pöckinger Pfarrer Anton Anwander hat ihn am 16. Oktober 1938 eingeweiht. Damals gehörte der Kreuzweg noch zum täglichen Leben. Heute besuchen ihn Gläubige nur noch einmal im Jahr, am Palmsonntag zur Ölbergandacht. Im Jahr 1936 wurde der Hohenbrunner Künstler Johannes Matthäus Koelz (1895 bis 1971) beauftragt, den Kreuzweg zu schaffen. Der bekannte Kunst- und Freskenmaler fertigte Kupfertafeln, die das Leiden Jesu figurativ mit wenigen einfachen Strichen und in sanften Farben darstellen. Auf jeder Tafel steht der zu Unrecht verurteilte Jesus hell im Vordergrund. Sein Gesicht ist von Schmerz gezeichnet. Täter und Mitläufer indes sind nur schattenhaft im Hintergrund zu sehen. Heute nagt der Zahn der Zeit an den Holzstationen. Zwar hat die Landeshauptstadt München als Eigentümerin des Areals den Kreuzweg vor Jahren renovieren lassen, doch heute sind die Stationen wieder verwittert. Das Glas, das die Tafeln schützen soll, ist nicht entspiegelt und teilweise verkratzt.

Porträt: Johannes Matthaeus Koelz hat die Bilder des Kreuzwegs geschaffen.

Johannes Matthaeus Koelz hat die Bilder des Kreuzwegs geschaffen.

(Foto: Arlet Ulfers)

Der Pöckinger Hobby-Historiker und Filmemacher Gerhard Köstler hat sich intensiv mit Koelz auseinandergesetzt. Er hat auch die Rechnung vom 12. Juni 1937 im Archiv gefunden. Demnach hat die Kirchengemeinde 552 Reichsmark bezahlt für elf Stationen zu je 40 Mark, eine Station zu 100 Mark sowie zwei Entwürfe für ein Stationsgehäuse. Auf der Rechnung ist zudem vermerkt, das 1936 schon 100 Mark für die Kreuzwegstation "Pieta" an Koelz bezahlt worden sind. Die XII. Station sei bereits figürlich vorhanden, heißt es. Dass damals jede Possenhofener Familie eine Kreuzwegstation gespendet hat, kann nicht mehr belegt werden. Alteingesessene Bürger aber können sich durchaus noch daran erinnern, wie etwa die inzwischen verstorbene Maria Gebhardt von der gleichnamigen Fischerei. Mit über 90 Jahren hat sie Martin Erhard vom "Verein zur Erhaltung der Fischerkapelle in Possenhofen" noch erzählt, dass ihre Familie die VII. Station "Jesus fällt das zweite Mal unter das Kreuz" bezahlt habe. Gebhard war damals 13 Jahre alt.

Porträt: Ein Selbstporträt von Johannes Matthaeus Koelz.

Ein Selbstporträt von Johannes Matthaeus Koelz.

(Foto: Arlet Ulfers)

Die Kreuzweg-Stationen haben eine interessante Geschichte. Die Biografie des Hohenbrunner Malers Koelz liest sich wie ein Roman. Seine Teilnahme am Ersten Weltkrieg hatte tiefe Spuren hinterlassen, die er künstlerisch verarbeitet hat, etwa in einem riesigen Triptychon "Du sollst nicht töten". Doch im Gegensatz zu anderen Künstlern, die am Krieg teilgenommen hatten, wie etwa der Expressionist Otto Dix, malte der Meisterschüler von Franz von Stuck und Olaf Gulbransson naturalistisch. Koelz hat den Kreuzweg 1937 geschaffen, konnte aber an der Einweihung am 16. Oktober 1938 nicht mehr teilnehmen; er musste vor den Nazis fliehen.

Der Maler sollte nämlich ein Porträt von Adolf Hitler anfertigen. Als Kriegsgegner weigerte er sich jedoch, Hitler in Uniform zu malen - das wurde ihm zum Verhängnis. Er sollte von der Geheimpolizei verhaftet werden. Zum Glück hatte er dem zuständigen Vertreter der Gestapo im Ersten Weltkrieg das Leben gerettet. Aus Dankbarkeit gab ihm dieser einen Vorsprung von 48 Stunden. Die nutzte Koelz zur Flucht nach England. Zuvor zerstückelte er aber noch das Triptychon, um es vor den Nazis zu verstecken. Die Einzelteile wurden nach dem Krieg nur noch teilweise aufgefunden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema