Politische Jugend Junge Idealisten

Geschichtsstudent Emanuel Rüff gibt Führungen durch das Badehaus und hat die Ausstellung mit konzipiert.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Am Erinnerungsort Badehaus, der die Geschichte Föhrenwalds und Waldrams dokumentiert, leisten Schüler und Studenten einen maßgeblichen Beitrag gegen das Vergessen.

Von Benjamin Emonts

Emanuel Rüff beginnt seine Führung durch den Erinnerungsort Badehaus an einer großen Wandkarte, die den Wolfratshauser Stadtteil Waldram zeigt. Rüff erklärt, dass die Straßen hier zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs nach Adolf Hitler oder deutschen Besatzungsgebieten benannt waren. Später dann hießen sie wie US-amerikanische Bundesstaaten und danach wie bedeutende katholische Geistliche. Die bewegte Geschichte des einstigen Lagers Föhrenwald, so beklagt Rüff, sei vielen Einheimischen jedoch gar nicht bekannt. Sie sei jahrzehntelang in Vergessenheit geraten.

Die Namenswechsel im Laufe der Zeit waren historisch bedingt. Aus einer Siedlung Tausender Rüstungsarbeiter der Nazis war nach dem Krieg eine Heimstatt für jüdische KZ-Überlebende, sogenannte Displaced Persons (DP), geworden und Ende der Fünfzigerjahre ein Viertel für kinderreiche katholische Heimatvertriebene. Dass man sich an die Geschichte wieder erinnert, daran arbeiten gerade Menschen wie Rüff. Der gebürtige Waldramer ist erst 25 Jahre alt. Er widerlegt das oft gehörte Vorurteil, dass sich die junge Generation nicht ausreichend mit der Geschichte Deutschlands befasse. Und er ist nicht allein. Im Badehaus, in dem seit Oktober vergangenen Jahres die Geschichte des Lagers Föhrenwald für die Öffentlichkeit dokumentiert wird, spielen junge Menschen eine maßgebliche Rolle. Sie investieren viel Freizeit und Energie, damit die Vergangenheit des heutigen Waldrams wieder ins Bewusstsein gelangt. Von den knapp 30 aktiven Mitgliedern, die sich im Badehaus engagieren, sind sechs jünger als 25 Jahre - ein hoher Anteil für einen geschichtsorientierten Verein.

Bei einem Gang durch die Ausstellungsräume wird deutlich, dass die Erfahrungen und Ideen der Jungen den Erinnerungsort bereichern und an vielen Stellen noch lebendiger und authentischer werden lassen. Besonders anschaulich wird das an einem Foto, an dem Rüff auf seiner Führung länger stehen bleibt. Es bedeute ihm viel, schickt er voraus. Eine Zeitzeugin, die der junge Geschichtsstudent in Holland besucht hat, habe ihm das Foto aus den Sechzigerjahren mit auf die Heimreise gegeben, damit er es im Badehaus ausstellen kann.

Rüff erklärt, was auf dem Bild zu sehen ist. 21 Jahre nach Kriegsende hatten sich mehr als 20 Frauen überwiegend aus Holland und Polen in Wolfratshausen, dem Ort ihrer Befreiung, wieder getroffen. Die Nazis hatten die Frauen während des Kriegs im KZ-Außenlager München-Giesing interniert und jeden Morgen in die Agfa-Kamerawerke beordert, wo sie Zeitzünder für Flugabwehrraketen zusammenzubauen hatten. Als der Krieg fast vorüber war, trieben die Nazis sie nach Süden auf einen der Todesmärsche, die Tausenden KZ-Häftlingen den Tod durch Entkräftung, Erfrieren oder Verhungern brachten. Die Agfa-Frauen wurden in Wolfratshausen befreit. Das Foto, erzählt Rüff, zeige sie auf dem Walserhof, dessen Besitzer sie nach der Befreiung zunächst versorgt habe. Die erste Zeit danach hätten die Frauen im Lager für Displaced Persons in Föhrenwald verbracht, bis sie in ihre Heimat zurückkehren konnten. Für Rüff ist es ein Bild, das er wohl nie vergessen wird.

Askan von Schirnding spricht sich mit Sybille Krafft ab.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Es sind Reisen und Begegnungen, welche die Geschichte im Badehaus greifbar machen. Mit den verschiedenen Stationen und Ausstellungsstücken des Dokumentationszentrums verbinden die jungen Menschen ihre eigenen Emotionen und Erfahrungen. Der 19-jährige Sebastian D'Huc, der inzwischen in Oxford studiert, erzählt lebhaft von einer Reise nach Israel, an die er noch oft zurückdenkt. Bei Tel Aviv traf er dort auf Juden, die als Kinder nach dem Krieg im DP-Lager Föhrenwald aufgewachsen waren. In den Zeitzeugengesprächen, die er eine Woche lang filmte, erhielt er Erfahrungsberichte aus erster Hand, die er kommenden Generationen weitergeben kann. Im Badehaus sind viele der Interviews bereits auf kleinen Bildschirmen zu sehen. "Die Geschichte von Föhrenwald hat durch meine Reise ihre Abstraktheit verloren", sagt der 19-Jährige. Und: "Die Menschen haben sich gefreut, dass sich ein junger Mann für ihre Geschichte interessiert und die Deutschen ihre Lektion daraus gezogen haben."

Vor diesem Hintergrund bekommt das rege Engagement der jungen "Badehäusler", wie sie sich nennen, einen übergeordneten Sinn. Denn genau das ist ja das größte Anliegen der Holocaust-Überlebenden: Die nachfolgenden Generationen sollen ihre Lehren aus den schrecklichen Verbrechen der Nazis und der Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden ziehen. Die größte Sorge der noch wenigen verbliebenen Zeitzeugen ist schließlich, dass das Schicksal der Juden in Vergessenheit geraten und sich derartige Verbrechen wiederholen könnten. Ein in Europa wieder aufflammender Nationalismus und Antisemitismus nährt ihre Ängste.

Gespräche mit den jungen Menschen im Badehaus aber stimmen in dieser Hinsicht zuversichtlich. "Wir wollen nicht einfach sagen: Schwamm drüber, jetzt ist es vorbei", sagt Kilian Schulz, mit 17 Jahren der Jüngste der Gruppe. "Es ist ein Projekt, in dem man wirklich was bewegen kann." Und das beweisen die Schüler und Studenten. Jonathan Coenen, ein 21-jähriger Jurastudent, arbeitet gerade an einer Broschüre über den Eröffnungstag des Badehauses. In seiner Muttersprache Englisch hielt der junge Mann wochenlang den Kontakt zu mehr als 60 Zeitzeugen, die allesamt zur Eröffnung erschienen. Andere setzen sich an die Kasse oder archivieren und digitalisieren Hunderte historische Aufnahmen aus der Zeit, als es das Lager Föhrenwald noch gab. Sie übernehmen die Pressearbeit, schreiben Angebote an Handwerker oder helfen bei der Konzeption der Ausstellung.

Die Badehäusler auf einen Blick (u.v.l.): Kilian Schulz, Paula Groß, Tilman Voss, Elena Zendler, Askan von Schirnding, Emanuel Rüff, Jonathan Coenen

(Foto: Hartmut Pöstges)

Ihr Enthusiasmus soll möglichst viele anstecken, und bislang funktioniert das gut. Der 25-jährige Kochler Askan von Schirnding dreht an diesem Nachmittag einen Imagefilm über das Badehaus. Er sei zwar geschichtlich nicht wirklich interessiert, erzählt er, "aber wenn ich meine Fähigkeiten für so ein Projekt einbringen kann, mache ich das natürlich gerne". Ein gutes Image dürfte schließlich eine zentrale Rolle spielen, um Schulen in das Badehaus zu locken. Die Bildungseinrichtungen spielen eine entscheidende Rolle in der Erinnerungskultur, deshalb sprechen dort häufig jüdische Zeitzeugen. Wo, wenn nicht hier, lassen sich Jugendliche sensibilisieren.

Noch bis vor kurzem aber, so berichten die jungen Badehäusler, sei das Thema Föhrenwald im Unterricht überhaupt nicht zur Sprache gekommen. Wenn es nach ihnen geht, soll ein Besuch im Badehaus genauso verpflichtend für Schüler aus dem Landkreis werden wie jener der KZ-Gedenkstätte Dachau. Führungen und Fortbildungen für Lehrer gibt es bereits. Für den kommenden Sommer, wenn NS-Zeit und Nachkriegsgeschichte auf dem Lehrplan stehen, haben sich bereits die neunten Klassen des Gymnasium Geretsried angemeldet.

Drei Phasen Zeitgeschichte

Eine Gruppe engagierter Bürger konnte das Badehaus vor wenigen Jahren vor dem Abriss bewahren. Durch Benefizveranstaltungen, Fördermittel und Spenden sammelte der Verein Bürger fürs Badehaus Waldram-Föhrenwald 1,8 Millionen Euro ein, um das Gebäude zu renovieren und umzugestalten. Im Oktober 2018 wurde das Badehaus als Lern- und Erinnerungsort eröffnet, der weit über die Grenzen des Landkreises hinaus Beachtung findet. Zur NS-Zeit lebten in Föhrenwald etwa 4500 Menschen, darunter etliche Zwangsarbeiter aus Osteuropa, die unter widrigen Bedingungen in den hochproduktiven Rüstungsbetrieben der Nazis im Wolfratshauser Forst, heute Geretsried, arbeiteten. Nach der Befreiung wurde Föhrenwald zu einem Auffanglager für Tausende Displaced Persons, insbesondere für jüdische Überlebende der Schoah, die ihre Übergangsbleibe später selbst verwalteten. Im Jahr 1956 kaufte die katholische Kirche das Lager. Sie gab vorwiegend kinderreichen katholischen Heimatvertriebenen dort ein neues Zuhause. Geöffnet ist das Badehaus jeden Freitag von 9 bis 16 Uhr, Samstag und Sonntag von 13 bis 17 Uhr. Öffentliche Führungen gibt es an Samstagen und Sonntagen von 14 Uhr an. Termine für Schulklassen und Gruppen nach Vereinbarung.

Die Leiterin des Erinnerungsorts, Sybille Krafft, ist jedenfalls zuversichtlich. "Es heißt immer, dass die Jugendlichen keine Ideale mehr hätten und sich nicht engagierten", sagt sie, "aber wir sehen hier, dass der Funke überspringt und die nächste Generation bereit ist, den Stab der Erinnerung weiterzutragen." Die große Verantwortung, die sie den jungen Menschen gibt, zahlt sich bislang aus. Geschichtsstudent Rüff erzählt am Ende seiner Führung, woraus er die größte Motivation zieht: "Aus der aktuellen politischen Situation." Im Lager Föhrenwald hätten Menschen auf der Flucht und ohne Heimat nach dem Krieg wieder Hoffnung geschöpft und zurück ins Leben gefunden. "Für mich ist das Badehaus auch ein kleines Stück Völkerverständigung."