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Tölzer Aktivist:Der Traum vom Frieden

Helmut Groß fährt seit 35 Jahren zu Demonstrationen in der ganzen Republik. Dreimal wurde er wegen Sitzblockaden verurteilt. Die heutigen Aktionen findet er "ganz nett, aber es juckt keinen".

Die Hofgartenwiese vor der Universität in Bonn. 300 000 Menschen drängen sich dicht zusammen, manche spannen dem grauen Himmel einen Regenschirm entgegen, viele halten Plakate empor - für Frieden und Abrüstung, gegen US-amerikanische Mittelstreckenraketen in Westeuropa. Es sei die größte Kundgebung in der Geschichte der Bundesrepublik, meldet damals die Tagesschau. 300 000 Menschen, die in 40 Sonderzügen anreisen, in den Straßen spontan zusammen musizieren und Heinrich Böll zujubeln, als der auf der Bühne den Bundestag dafür kritisiert, die Protestler "zwielichtige Gestalten" genannt zu haben. Mitten unter den Jubelnden steht Helmut Groß.

Der 10. Oktober 1981, so berichtet er heute, sei ein wichtiges Datum in seinem Leben gewesen. Der Friedensaktivist sitzt an einem Tisch in seiner Tölzer Wohnung. Die Zeit ist vergangen. 60 Jahre alt ist er heute, die Friedensdemo in Bonn erlebte er als Mittzwanziger. Eine völlig neue Erfahrung, sagt er, eine so große Demo mit so vielen Menschen. Neben dem Schriftsteller Böll sprachen der ehemalige General Gert Bastian, die Grüne-Friedensaktivistin Petra Kelly und Dorothee Sölle, welche die in Mutlangen stationierten Pershing-Raketen als "fliegende Gaskammern" bezeichnet haben soll. Groß hat all das noch genau im Gedächtnis. Es war die Zeit, in der er anfing, sich zu engagieren.

Helmut Groß

Helmut Groß engagiert sich seit seinen Zwanzigern für Frieden und Abrüstung.

(Foto: Manfred Neubauer)

Groß wurde in Nürnberg geboren, kurz darauf zog er mit der Familie ins Nördlinger Ries. Später studierte er Mineralogie an der TU München, arbeitete aber nie als Mineraloge. Nach seinem Studium fing er als Landschaftsgärtner an - eine Tätigkeit, die ihn bis heute nicht mehr losgelassen hat. Genau wie die Friedensbewegung. Die brachte 1981 so viele Menschen wie noch nie auf die Straße, um nur ein Jahr später wieder einzubrechen.

500 000 Menschen gingen 1982 gegen die Nachrüstung auf die Straße. Der Bundestag ignorierte den Protest und stimmte für eine Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses. Die Massenbewegung verkraftete diesen Rückschlag nicht; nur ein harter Kern von Aktivisten blieb übrig, unter ihnen Groß. In Mutlangen richtete sich die Friedensbewegung in einem Schuppen, den ein Privatmann zur Verfügung stellte, eine Pressehütte ein, nur ein paar hundert Meter neben der Raketenbasis, in der die Pershing II-Mittelstreckenraketen stationiert waren. Der anfangs noch spontane Protest wuchs rasch zu einer organisierten Kampagne heran: Sitzblockaden waren an der Tagesordnung, "die konnten sich keinen Meter außerhalb der Basis bewegen, ohne dass sie permanent gestört wurden", sagt Groß. Als Reagan und Gorbatschow 1987 den INF-Vertrag unterzeichneten und die Trägersysteme der Raketen verschrottet wurden (wenn auch nicht Sprengköpfe), feierte die Friedensbewegung einen großen Erfolg. "Nach meinem Erleben haben wir schon ein Stück dazu beigetragen", sagt Groß.

Dreimal wurde Groß wegen einer Sitzblockade verurteilt, die damals noch wie eine Nötigung behandelt und von den Gerichten mit Geldbuße oder Haft bestraft wurde. Neun Tage lang saß Groß einmal im Gefängnis. Eine interessante, aber auch zweischneidige Erfahrung, wie er sagt. Die Beamten nahmen ihm einen Rucksack voll Bücher weg und ließen ihn darum diskutieren - während er nackt war.

Den 5000 Menschen, die vor anderthalb Wochen in Ramstein gegen den Drohnenkrieg demonstriert haben, hat sich Groß ebenfalls angeschlossen. Doch richtig mitgerissen habe ihn dieses Ereignis nicht. Protest, man sehe es an TTIP, werde von der Regierung ignoriert. Widerstand hingegen, "das ist einfach ein ganz anderes Gefühl". Widerstand sei, wenn man dafür sorge, dass das, was einem nicht passe, auch nicht passiere. "Bei Demos habe ich immer das Gefühl: ganz nett, aber es juckt keinen. Aber so eine Sitzblockade hat eine ganz andere Qualität." In den Achtzigerjahren sei das Bewusstsein jedoch noch ein ganz anderes gewesen; heute sei die Friedensbewegung "stark abgeflaut", auch wegen der vielen Möglichkeiten der Ablenkung, die die neuen Medien böten. Er selbst habe trotzdem ein wenig Hoffnung, dass die Bewegung wiederkomme, sagt Groß. Schließlich seien 2015 nur 1500 Menschen zu den Protesten nach Ramstein gekommen. Heuer waren es mehr als doppelt so viele. Groß sieht die Medien in der Pflicht, ein Problembewusstsein bei ihren Konsumenten zu wecken. Denn: "Die Doomsday-Clock ist wieder drei Minuten vor zwölf. So wie damals", sagt der Aktivist.

Als Sprecher der Friedensinitiative Bad Tölz-Wolfratshausen setzt Groß den Protest fort: Einige Mitglieder der Initiative brechen am 6. August auf, um sich ein Wochenende lang an einem 20-wöchigen Protest gegen die in Büchel stationierten Atombomben zu beteiligen.

© SZ vom 21.06.2016

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