Lucinda Schäfer und Natachi Chidi-Umeh wussten nicht mehr weiter. Die Fülle des Lehrstoffs, der Notendruck, die Prüfungsangst – all dies setzte den beiden Klassenkameradinnen auf der FOS/BOS in Bad Tölz zu. In ihrer Not fragten sie ihren Lehrer Markus Theil, wie er denn als Schüler damit umgegangen sei. „Wir haben dann eine Gesprächsrunde gemacht, ich habe aus meinem eigenen Leben erzählt, wie man scheitert und wie man wieder aufsteht“, sagt Theil. Damit war der Podcast „Letzte Reihe“ geboren, der seit April auf Spotify insgesamt 2039 Mal gestreamt wurde – und dies ohne jede Werbung.
Als die zwei Schülerinnen auf ihn zukamen, hatte sich der Lehrer für Englisch, Geschichte sowie Politik und Gesellschaft gerade für eine staatliche Fortbildung zum Thema „Podcast in der Schule“ in Augsburg angemeldet. Dort lernte er die Grundlagen für Audio-Interviews im Internet, wie man Tonhöhen steuert, wie man schneidet. Danach, sagt Theil, sei er wohl der Einzige aus dem Lehrgang gewesen, der einen Podcast an der Schule eingeführt habe. Wie er auf den Titel „Letzte Reihe“ kam? In der hintersten Bankreihe im Klassenzimmer würden die interessantesten Geschichten ausgetauscht, sagt Theil. „Solche, die der Lehrer nicht hören darf.“

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Der Podcast-Raum liegt im Erdgeschoss an einem Hauptgang der Schule. Ein graues Sofa, ein kleiner Tisch und weiße, gepolsterte Stühle geben ihm etwas Wohnliches. Das Besondere: Durch ein langes Fenster können Schülerinnen und Schüler von draußen zuschauen, wenn ein Podcast entsteht. Theil stört es nicht, wenn später ihre Stimmen oder der Gong der Schule auf dem Mitschnitt zu hören sind. Das sei eben das Schulleben, sagt er. Die Aufnahmen dauern im Schnitt etwa 20 Minuten, die Interviews führt er in den Pausen.

21 Podcast-Folgen sind seit dem Start im April entstanden, an Themen mangelt es Theil nicht. „600 Schülerinnen und Schüler, 600 Biografien“, sagt er. Da ist Johannes Haßmann, der gerade sein Debüt bei der Eishockey-Mannschaft der „Tölzer Löwen“ gegeben hat. Nico erzählt, wie er an einem Zirkus-Ferienprogramm teilnahm und Ziegen dressierte. Luca und Ben, die in dieselbe Klasse gehen, sind unter vier Brüdern aufgewachsen und beschreiben ihren Zusammenhalt in der Familie. Zwei Zwölftklässlerinnen schildern, wie sie Deutsche Meisterinnen im Hip-Hop geworden sind. „Ich rede gerne mit meinen Schülerinnen und Schülern, höre zu und denke mir, das ist für alle interessant“, sagt Theil.

Zwei Folgen drehen sich um die Fluchtgeschichte von Ahmed und Siwar Kalaf. Die Zwillinge aus dem kurdischen Teil Syriens flohen als Siebenjährige vor dem IS erst in den Irak, drei Jahre später in die Türkei. Dreimal versuchte die Familie vergebens, über den Landweg nach Europa zu gelangen, schließlich wagte sie die gefährliche Überfahrt übers Mittelmeer nach Griechenland. Am Strand in der Türkei hätten alle wegen der Polizeipatrouillen leise sein müssen, während das Schlauchboot aufgepumpt wurde, erinnert sich Ahmed Kalaf im Podcast. Das war eigentlich nur für maximal 20 Personen gedacht, doch am Meeresufer zwängten sich 60 hinein – Frauen und Kinder in der Mitte, die Männer am Bootsrand, alle ungesichert.
Einer der Flüchtlinge behauptete, er könne ein Schlauchboot steuern. Das stellte sich mitten auf dem Meer als Lüge heraus, als er mehrere Male im Kreis herumfuhr. „Alle waren sehr gestresst“, erzählt Ahmed. Ein anderer Bootsinsasse übernahm, „er sagte, ich kann das, und er konnte es wirklich“. Elf Stunden dauerte die Überfahrt, fünfmal fiel der Motor aus. „Fünfmal hatte man das Gefühl, jetzt ist es vorbei.“ Als sie auf der griechischen Insel ankamen – das Schlauchboot war schon zur Hälfte mit Wasser gefüllt –, hatten die Zwillinge Kalaf einen unwirklichen Anblick: Der gesamte Strand war orange gefärbt vor lauter Schwimmwesten, „man sah keinen Sand mehr“, so Ahmed. Insgesamt zehn Tage dauerte die Flucht der Familie Kalaf bis zur österreichischen Grenze.
„Es ist eine total coole Sache, das gibt es ja nicht so oft.“
Andere Folgen der Reihe mögen weniger aufregend sein, für die jungen Leute an der FOS/BOS sind sie aber nicht minder wichtig. Lucinda Schäfer schildert ihre Erfahrungen am Gymnasium, ihren Übertritt in der 10. Klasse an die FOS/BOS und vergleicht beide Schulformen. Sie habe damit anderen helfen wollen, eine Entscheidung zu treffen, sagt sie. „Schön, wenn man das unterstützen kann.“ In weiteren Interviews schildern Absolventen, was im Wirtschaftszweig, im Sozialzweig und im Gesundheitszweig der Schule geboten wird – eine Wahlhilfe unter Jugendlichen also. Martha Kiening unterhält sich mit Theil unter dem Titel „Leseinspirationen“ über Bücher und stellt den Jugendthriller „One of Us Is Lying“ von Karen M. McManus vor. Ein Werk, das in der 13. Klasse zur Lektüre im Unterricht gehört.
Die Resonanz auf die Podcast-Reihe ist durchwegs positiv. Bei ihr habe sich sogar eine Lehrerin aus der Grundschule gemeldet, sagt Lucinda Schäfer. „Es ist eine total coole Sache, das gibt es ja nicht so oft.“ Auch Ahmed Kalaf hat es nicht bereut, seine Fluchtgeschichte im Podcast veröffentlicht zu haben. „Es gibt Menschen, die das wirklich hören wollen und die sich interessieren“, sagt er.

Das gilt im Übrigen auch für die FOS/BOS-Schüler, wenn sie erfahren, dass ihr Mathematiklehrer noch ein anderes Leben hat und als Musiker vor mehr als 1000 Leuten im Festzelt auftritt, nebenher auch ein Leichtathletik-Ass ist. Theil selbst führt ebenfalls ein Doppelleben: Er ist als Sportkommentator für den Streaming-Dienstleister Dazn und den TV-Sender Eurosport tätig. 2017 gewann er den Deutschen Fernsehpreis für seine Kommentierung des US-Open-Endspiels der Frauen.
„Die Schule besteht aus mehr als aus Lernen, sie besteht aus Menschen“, sagt Oberstudiendirektor Andreas Stefan, Leiter der FOS/BOS. Dies zeige der Podcast, der für den inneren Zusammenhalt der Schule „superklasse“ sei. „Und nach außen sieht man, da ist es cool.“ Dadurch lebe man nicht mehr in so einer Blase, so Stefan. „Und es ist Medienerziehung im weitesten Sinne.“

Als Host, sprich: Gastgeber, der „Letzten Reihe“ tritt nicht die Schule auf, sondern der Förderverein. Dem gehören 45 Lehrkräfte an, die damit etwas mehr als die Hälfte der Mitglieder stellen – ein außergewöhnliches Verhältnis. Vom Verein wurde auch das Equipment für den Podcast angeschafft. „Mein Grundmotto lautet, Menschen zu verbinden“, sagt Theil. „Jeder schaut nur noch aufs Handy, wir schauen uns nur selten in die Augen.“ Gefreut hat er sich, als er von der 13. Klasse einen Schlüsselanhänger geschenkt bekam. Mit einem eigenen Logo für die „Letzte Reihe“. Das hatte eine Schülerin im Kunstkurs entworfen.

