Regenerative Energien:Die Letzten sollen die Ersten werden

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Rudi Seibt mit seiner Photovoltaik- und Solaranlage am Mühlpointweg in Wolfratshausen

An seinem eigenen Haus in Wolfratshausen hat Rudi Seibt von den örtlichen Grünen schon im Jahr 2012 seine eigene Photovoltaik- und Solaranlage präsentiert. Er sieht großes Potenzial für regenerative Energie in der Stadt.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Wolfratshausen ist den Klimaaktivisten "WOR for Future" zufolge Schlusslicht bei der regenerativen Energie pro Kopf in der Region. Die örtlichen Grünen unterstützen die Forderung der Gruppe nach einer Photovoltaik-Initiative der Stadt auf öffentlichen Gebäuden

Von Konstantin Kaip

Die Klimaaktivisten von "WOR For Future" wollen, dass in Wolfratshausen mehr für den aktiven Klimaschutz getan wird. Seit Monaten protestieren sie dafür still vor den Stadtratssitzungen in der Loisachhalle. Zu ihren Forderungen gehört auch der Ausbau erneuerbarer Energien. Schließlich sei die Energiewende "der wichtigste Hebel" zur Lösung der Klimakrise, erklären sie auf ihrer Homepage - und zeigen auf, dass in ihrer Heimatstadt großer Handlungsbedarf besteht. "Wolfratshausen ist derzeit Schlusslicht beim Anteil der erneuerbaren Energien in der Region", erklären sie. Zu diesem Ergebnis kommen sie nach einer Auswertung des Marktstammdatenregisters der Bundesnetzagentur, das sämtliche Anlagen erneuerbarer Energien nach Gemeinden auflistet. Demnach liegt der Anteil an regenerativer Energie pro Kopf in der Loisachstadt bei 22 Prozent, hinter Geretsried (27), Bad Tölz (34) und Penzberg (57 Prozent).

Eine Chance, das zu ändern, sieht das Klima-Bündnis vor allem in der Photovoltaik. Auch beim Anteil des aus Solarzellen gewonnenen Stroms liege Wolfratshausen im Städtevergleich an letzter Stelle: Laut Marktstammdatenregister und dem Energie-Atlas Bayern betrage der Anteil nur 15 Prozent, weniger als der von Bad Tölz mit 23, von Geretsried mit 26 und von Penzberg mit 34 Prozent. Dabei, so stellen sie fest, gebe es in Wolfratshausen "ähnliche Rahmenbedingungen". Daher fordert "WOR For Future" eine Photovoltaik-Initiative der Stadt. Diese solle sich zum PV-Ausbau auf öffentlichen Liegenschaften verpflichten, entweder im Eigenbetrieb oder indem sie Dächer zur Verfügung stelle. Zu den Forderungen gehört auch, dass Stadt und Landkreis aktiv Standorte für Freiflächenanlagen ausweisen sollen, über Bebauungspläne und städtebauliche Verträge eine "Solarpflicht" implementiert wird und dass die Stadtwerke mit Hilfe von gepachteten Dächern, Mieterstromprojekten und ähnlichem "in die Solaroffensive" gehen.

Diese Forderungen unterstützen auch die Grünen, die kürzlich in einer Online-Diskussion mit "WOR For Future"-Mitgliedern die Möglichkeiten erörtert haben, wie man kommunalen Klimaschutz voranbringen kann. Stadtrat Rudi Seibt verweist dazu auf das Solarpotenzialkataster des Landkreises, in dem die meisten Gebäude auf der Karte von Wolfratshausen grün markiert als "gut geeignet" bewertet werden. "Die vielen schönen Dächer hier, nahezu allesamt für Nutzung der Sonnenenergie geeignet, sind nicht mit Solarstrommodulen oder Solarthermie bestückt", bedauert Seibt in einer Mitteilung an die Presse. "Die Vielzahl an privaten Dächern, aber auch die Dächer der städtischen Häuser, bieten ein großes Potenzial, die schlechte CO₂-Bilanz unserer Stadt zu verbessern." Natürlich gebe es auch Einschränkungen, so Seibt - verständliche, wie beim Gelände der Firma Eagle-Burgmann, auf dem ein Abriss mit Neubau geplant sei, aber auch "unverständliche", etwa beim Altstadt-Ensemble aufgrund des Denkmalschutzes. "Einige der grün gekennzeichneten Dächer sind natürlich auch schon belegt", fügt er hinzu. "Dort haben Weiter-Denker und Besser-Rechner schon Zeichen gesetzt."

Dass sich Photovoltaik-Anlagen wirtschaftlich lohnen können, zeigt Jan Reiners von "WOR For Future" auf der Website des Bündnisses am Beispiel der Mehrzweckhalle Farchet. Laut Solarkataster könne die Stadt mit einer Anlage dort, insbesondere auf den süd-östlichen Dachflächen, bis zu 177 Kilowatt generieren, 50 Prozent davon selbst verbrauchen und in 20 Jahren etwa 112 000 Euro einsparen.

Auf die Frage, warum es in Wolfratshausen bei Hauseigentümern und Gewerbetreibenden in Sachen Photovoltaik "eine solche Zurückhaltung gibt", hätten bislang weder die Grünen-Fraktion im Stadtrat, noch die Klimaaktivisten oder Privatinitiativen eine Antwort gefunden, so Seibt. "Die meist gehörte Antwort ist, dass das alles so kompliziert sei und sollen doch die anderen erst einmal was machen." Dabei gebe es bei der Stadt "nahezu kostenlos" eine Beratung, erklärt er und verweist auf die Umwelt- und Klimaschutzmanagerin im Rathaus, Vivian Horngacher, die Privatleuten wie Unternehmen gerne weiterhelfe. "Vielleicht gelingt es dann, dass Wolfratshausen die ,rote Laterne' in Sachen Energiewende abgibt."

Um den Ausbau erneuerbarer Energien in Privathaushalten voranzutreiben, gibt es ein Förderprogramm, das die Stadtverwaltung in Zusammenarbeit mit der fraktionsübergreifenden Arbeitsgruppe des Stadtrats zum Klimanotstand ausgearbeitet hat. Demnach sollen sogenannte Balkonkraftwerke und innovative Batteriespeichersysteme gefördert werden, mit jährlich 40 000 Euro. Die PV-Balkonkraftwerke, auch "Plug-and-Play"-Kraftwerke genannt, deren Anschaffung mit 30 Prozent bezuschusst werden, sollen auch Mietern eine eigene Solarstromanlage ermöglichen. Der andere Fokus richtet sich auf die Speicherung des Stroms. Wegen der aktuell niedrigen Einspeisevergütung liege das Potenzial von Photovoltaik-Anlagen vor allem im Eigenverbrauch der Sonnenenergie, heißt es in dem Papier. Da diese aber sehr volatil sei, brauche es Batteriespeichersysteme. Gefördert werden sollen indes nur innovative Speichertechnologien, die anders als die derzeit dominierenden Lithium-Stromspeicher ohne seltene, für die Umwelt problematische Rohstoffe auskommen: Vanadium-Redox-Flow-Batterien und Salzwasserbatteriespeicher. Das Förderprogramm wird voraussichtlich kommendes Jahr gestartet. Den entsprechenden Beschluss hätte der Stadtrat bereits im Oktober fassen sollen. Aufgrund der zu erwartenden klammen Finanzlage 2022 wurde er auf die Zeit nach den Haushaltsberatungen vertagt.

www.worforfuture.de

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