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Penzberger Starkbieranstich:Heilsbringer im Ruhestand

Beim Penzberger Starkbieranstich gibt es kräftig "Stammwürze" - vor allem für Bürgermeisterin Elke Zehetner. Denn ihr Vorgänger, Altbürgermeister Hans Mummert, soll in der Stadt den Karren aus dem Dreck ziehen.

Von Alexandra Vecchiato

Es muss was passieren. So kann es nicht weitergehen. Ein Heilsbringer muss her, ein Erlöser, der Penzberg aus dem Schlamassel führt. Bürgermeisterin Elke Zehetner ist es nicht. Daran ließ das Stammwürze-Ensemble beim Starkbieranstich in der Stadthalle keinen Zweifel. Die Lichtgestalt heißt Hans Mummert. Der Altbürgermeister und seine Frau sollen es richten. Ob Stadthallen-Wirte-Desaster, Leerstand in der Innenstadt, Tempo-30-Stillstand oder der Kuddelmuddel mit sich immer mehr in Auflösung befindlichen Stadtratsfraktionen - Penzberg braucht einen Retter. Den gut 450 Besuchern bei der Premiere am Freitag in der Stadthalle gefiel diese Idee.

Michael Wolff bringt als Alexander Dobrindt (Mitte) das CSÜchen auf Trab.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Ob Elke Zehetner das Anzapfen des Starkbierfasses ihrem Vorgänger tatsächlich freiwillig überlassen hätte, hätte sie gewusst, welche Rolle Hans Mummert im Singspiel des Oberlandler Volkstheaters zukommen wird? Jedenfalls hat der ehemalige SPD-Bürgermeister nichts verlernt. Nach zwei Schlägen floss das Bier mit ordentlicher Stammwürze.

Weit weniger würzig kam dagegen in diesem Jahr die Fastenpredigt von Bruder Servatius alias Rainer Hofmann daher. In bewährter Manier sprach er große und kleine Begebenheiten an, die sich in der Stadt zutrugen. Da wäre etwa das "CSÜchen". Mehr sei die Partei in Penzberg nicht mehr nach den Austritten von Richard Kreuzer, André Anderl, Jack Eberl und Michael Kühberger.

Bruder Servatius (Rainer Hofmann) predigt.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Und wer trägt die Schuld? Der Schmuck Wiggerl natürlich. Der habe seine Kollegen quasi verschlissen. "Du hast als Penzberger Oberliebling so vui guat gmacht! Früher!", liest Bruder Servatius dem Dritten Bürgermeister die Leviten. Nun habe Schmuck sein politisches Erbe, nämlich die CSU, in das neue Palliativ-Zimmer im Krankenhaus Penzberg geschubst. "Sie starteten als Tiger und endeten als Bettvorleger", lautete des Fastenpredigers Fazit.

Grandios war wieder einmal das Singspiel, das jenem auf dem Münchner Nockherberg in nichts nachsteht. Andreas Mummert schlüpfte mit Bravour in die Rollen von Johannes Bauer und Ludwig Schmuck. Markus Bocksberger brillierte als Hans Mummert und seine Ehefrau Catrin Bocksberger als Elke Zehetner. Das Singspiel war auf einer Almhütte angesiedelt. Dort hat sich das Ehepaar Mummert zurückgezogen, um ihren Ruhestand zu genießen. Ruhig ist es auf der Alm aber ganz und gar nicht. Zu viele Besucher stürmen das Bergidyll - die meisten sind eher unwillkommen. Da wäre etwa die Rest-CSU zu erwähnen, die unter der Führung von Alexander Dobrindt (Michael Wolff) einfällt. Auf einem Selbstfindungstripp sind sie. Zur Melodie "Von den blauen Bergen" kommt das Grüppchen zum Schluss: "Wer ist denn im Wahljahr no dabei? Wenn es bläd lafft, san ma bloß no drei." Auch die Bürgermeisterin überfällt die beiden Ruheständler, um sie als Wirte für die Stadthalle zu gewinnen. "Ganz bestimmt ned", entfährt es Evi Mummert alias Ramona Frick. "Des waar so ziemlich des letzte, was uns eifalln dad."

Andreas Mummert schwingt als Johannes Bauer die Gitarre.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Die Mitarbeiter des Rathauses sind ebenfalls mit von der Berg-Partie. Geschäftsführer Roman Reis (Florian Wimmer) und Stadtbaumeister Justus Klement (Hannes Lenk) erklimmen die Höhe, um von dort oben nach einem geeigneten Hotel-Standort Ausschau zu halten. Ein solcher ist rasch gefunden. Die Berghalde natürlich, das Freizeit-Sport-Aktivitäten-Areal der Penzberger. Von dort aus ließen sich besondere Arrangements für die Hotelgäste kreieren wie etwa Event-Shopping im Hagebaumarkt.

Catrin Bocksberger als Bürgermeisterin versucht, das Ehepaar Mummert (Ramona Frick/Markus Bocksberger) zu becircen.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Witzig war der Einfall mit der Übertragung eines Live-Streamings einer Stadtratssitzung - aus dem echten Sitzungssaal im Rathaus. Diese Form der Übertragung hatte der Stadtrat mehrheitlich abgelehnt. Die wahren Gründe liegen auf der Hand: Eine chaotische Runde unter der Leitung von Elke Zehetner bastelt Papierflieger, bespuckt sich mit kleinen Kügelchen, strickt, spielt Videogames, schreibt Liebesbriefe, kurzum: führt sich auf wie Pennäler. Das soll der Wähler draußen nicht sehen.

Die Gruppe mit Regisseurin Claudia Herdrich bot dem Publikum fast drei Stunden Riesenspaß. Und wie sagte Bruder Servatius zum Ende seiner Fastenpredigt zu Recht: Es ist immer noch besser beim Derbleckn erwähnt zu werden, als gar nicht dran zu kommen.

Noch ein Lob muss sein: Chapeau vor der Leistung des "Loisachtaler Bauernladens", seiner Servicekräfte und den fleißigen Helfern der Feuerwehr im Hintergrund. So schnell hatten Gäste in der Stadthalle schon lange nicht mehr Speis' und Trank' auf dem Tisch stehen. Und geschmeckt hat es auch noch.

© SZ vom 19.03.2018
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