SZ-Serie: Heimatwerkstatt:Klein gegen groß

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Die Penzberger Firma Messtec fertigt kleinste Teile in der Elektronik, Mechanik und Lasertechnik. Auf Tausendstelmillimeter kommt es an. Sollten bald Lastwagen und Einsatzfahrzeuge über den Hof zum neuen Blaulichtzentrum rollen, könnte dies die Produktion verwackeln.

Von Marie Heßlinger, Penzberg

Kersten Stöbe hat eine Platine unters Mikroskop gelegt. Eine grüne Platte, wie ein Miniatur-Fußballrasen mit vielen Metallpunkten darauf. "Kommen Sie! Schauen Sie sich das an!", sagt er. "Wenn Sie das in der Natur anschauen, sehen Sie es gar nicht!" Mit dem Zahnstocher zeigt er auf eine Stelle zwischen zwei Elektroteilchen. Wie ganz kleine Lastwagen sehen sie aus. Und dazwischen: Unter dem Mikroskop taucht ein weiterer schwarzer Kasten auf. "Das kleinste Elektro-Bauteil ist einen halben Millimeter groß - und es muss präzise gesetzt werden", sagt der Chef der Firma "Messtec Power Converter" in Penzberg. Sollten bald echte Lastwagen vor seiner Türe vorbei fahren, wäre es mit der Präzision allerdings vorbei. Stöbe müsste mitsamt seiner Firma auswandern.

Elektrotechnik, Mechanik und Lasertreiber stellt Messtec im Auftrag seiner Kunden her. Während andere Firmen sich auf nur einen dieser Wirtschaftsbereiche konzentrieren und in großen Massen produzieren, fertigt und prüft Messtec alles drei im eigenen Haus. "Dadurch sind wir viel flexibler und damit auch schneller", nennt Stöbe als Vorteil. Seine Nische ist das Kleine: kleine Produkte in kleinen Mengen. Die Stückzahlen liegen bei zehn bis 100 Teile pro Auftrag.

In der Elektroabteilung im Erdgeschoss ist alles weiß: Das Licht, die Kittel der Mitarbeiter, der große Kasten zu Stöbes Rechten. In dem Ofen wird Lotpaste auf 250 Grad erhitzt, "dann werden die Bauteile verlötet", sagt Stöbe. "Wir machen uns Gedanken, in eine neue energiesparende Technologie zu investieren." Die nächste Generation soll noch feinere Elektroteilchen auf die Platinen setzen können. "Aber da reden wir von ein paar Hunderttausend Euro." Und diese Investition, so wirkt es, überdenkt Stöbe in Anbetracht einer Ankündigung der Stadt Penzberg.

Ende Februar veröffentlichte die Stadt Pläne, auf dem Gelände des alten Kraftwerks, welches neben dem Standort der Firma Messtec liegt, eine Blaulichtzentrale zu bauen. Die Zufahrt für Feuerwehr, Rotes Kreuz und Polizei soll über das Messtec-Grundstück verlaufen. Gegenüber soll zudem ein Biomassekraftwerk entstehen. "Ich habe nichts gegen die Blaulichtzentrale", beteuert Stöbe. "Ich bin froh, dass wir in Deutschland so ein gut funktionierendes Rettungssystem haben." Nur dass die Zufahrtsstraße über das Grundstück seiner Firma führen soll, dagegen hat er Einwände.

SZ-Serie: Heimatwerkstatt: Inhaber Kersten Stöbe behält über alle Arbeitsschritte die Übersicht.

Inhaber Kersten Stöbe behält über alle Arbeitsschritte die Übersicht.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Stöbe steht hinter einem Mitarbeiter, der eine Platine in Nahaufnahme am Computer betrachtet - die "optische Kontrolle." Die Elektroplatte wurde mit einer hochauflösenden Kamera fotografiert. Später wird sie technisch kontrolliert, etwa drei Stunden dauert das noch einmal. "Ein Tag aufrüsten und Maschinen umbauen", listet Stöbe die Abläufe auf. Platinen bestücken, optisch kontrollieren, technisch kontrollieren - "reine Produktions- und Lieferzeit zwei Wochen", summiert er. Stöbe hält eine Platine für einen Kunden aus der Druckindustrie hoch. 800 Bauteile sitzen darauf. Materialkosten: 150 Euro. Stückpreis für das fertige Produkt: 600 Euro. Die Elektroplatten sind nur ein Bruchteil dessen, was Messtec sonst noch herstellt.

Oben weiße Stille, im Untergeschoss eine andere Welt: die Mechanik. Die Räume sind grau und laut. Eifrig führt Stöbe durch Fräserei, Dreherei, Blechfertigung, er spricht schnell, sein grauer Anzug glänzt. Gerne würde man die kleinen Punkte darauf auch unter dem Mikroskop betrachten. "Das ist eine klassische Fünfachsfräsmaschine", sagt Stöbe, als er neben einer großen Box mit Glasscheibe steht, "die kann auf einen hundertstel Millimeter arbeiten." Hinter der Scheibe ertönt ein schrilles Schleifgeräusch, Wasser spritzt in alle Richtungen, eine vielleicht grausame Maschine für Zahnarztgeschädigte. "Sie hat gerade eine Bohrung gemacht", sagt der Mitarbeiter, der sie bedient. Er zeigt ein pistolenförmiges Metallstück, das die Maschine gerade zuschneidet, holt einen Rahmen, in das es sich später einfügen soll. "Unser Kunde macht die Displays für Lokführer", ergreift Stöbe das Wort.

An der nächsten Maschine schiebt sich eine Stange vor, ein Werkzeugarm bemisst ihre Länge, weiße Kühlflüssigkeit klatscht gegen die Scheibe. Aus der Stange wird ein Zulieferteil für eine Stromversorger-Firma. An der nächsten Drehmaschine Teile für einen Kunden, "der macht spezielle Tiefkühlanlagen für irgendwelche Biostoffe." Andere Messtec-Teile landen in Flugsimulatoren, Druckmaschinen, in Prüftechnik, Stromversorgung und Rüstungsindustrie. Auf einer Werkbank liegen Pläne mit technischen Zeichnungen. Die Kunden schicken diese ein, Messtec setzt die Pläne um. Anders ist es bei der Lasertechnologie: Hier entwickelt Messtec eigene Produkte.

Stöbe hat sein Sakko ausgezogen und sich vor seine PowerPoint-Folien gestellt, als er von den Lasertreibern spricht. Die Blecherei, wo Edelstahl, Kupfer und Messing gebogen werden, hat er nur schnell gezeigt, das war der Raum "fürs Grobe." Im Besprechungsraum hingegen geht Stöbe wieder ins Detail. "Eine Diode ist der Baustein, der Laserlicht aussendet", erklärt er an einer Grafik. Das Licht wandert in eine Linse. "Ein Lasertreiber versorgt Dioden mit Strom, und das ist unser Kerngeschäft." Hinzu kämen die Regler für die Kühlgeräte der Dioden. Die Lasertreiber können Pulse aussenden, damit das Produkt, das mit ihnen bearbeitet wird, nicht zu heiß wird. "Sie können sich Sekunden vorstellen", sagt Stöbe. "Ein Tausendstel davon ist eine Millisekunde." Ein Tausendstel davon eine Mikrosekunde, ein Tausendstel davon die Nanosekunde. "Unsere Laserpulse funktionieren in diesem Nanobereich."

SZ-Serie: Heimatwerkstatt: Das Unternehmen Messtec stellt unter anderem elektronische Komponenten mit hoher Genauigkeit her.

Das Unternehmen Messtec stellt unter anderem elektronische Komponenten mit hoher Genauigkeit her.

(Foto: Ralf Gerard/oh)

Der Besprechungsraum, der Teppichboden, die hohen Regale, sie glänzen grau wie Stöbes Anzug und seine Haare. In einem Regal stehen Vasen, aus China, Korea, Russland. Messtec hat Kunden auf der ganzen Welt. Die meisten davon in Deutschland. Den Koreanern bringt Stöbe meist schottischen Whisky als Gastgeschenk mit, anderen auch "einen schönen Bildband aus Oberbayern." Über seine Firma sagt Stöbe gerne: "Alles made in Oberbayern." In Berlin sagt er sicherheitshalber "alles made in Germany."

Stöbe kommt aus dem Frankenland. Seit acht Jahren wohnt er über der Firma Messtec und ist deren Inhaber und Geschäftsführer. In Erlangen studierte er Elektrotechnik, später als Berufstätiger noch BWL. Er war Prokurist und Geschäftsführer in drei Unternehmen, darunter familiengeführte und solche, "wo die Shareholder Finanzinvestoren waren", sagt er. "Dann überlegt man sich kurz vor der Rente: etwas Eigenes wäre auch nicht schlecht." So übernahm Stöbe die Firma, die Peter Moosbauer vor mehr als 40 Jahren gründete, als dieser in Ruhestand ging.

Stöbe ist jetzt 61. "Ich habe als Unternehmer schon noch gewisse Ziele, was die Produkte anbelangt", sagt er. Und hier kommt die in Penzberg geplante Zufahrtsstraße ins Spiel, die zu einer Blaulichtzentrale und einem Biomasseheizkraftwerk führen soll, die neu gebaut werden sollen. "Ich denke zehn Jahre weiter", sagt Stöbe, "da wird man noch feinere Teile herstellen."

Sollten bald Rettungswagen oder Lastwagen über seinen Hof rollen, dort, wo jetzt eine Sitzgelegenheit für die Mitarbeiter ist und ein Wald anfängt, könnten die feinen Vibrationen die Arbeit der Maschinen stören. Hinzu kommt, dass Messtec die Möglichkeit verlieren würde, sich zu vergrößern. "Wir haben immer schön brav unsere Gewerbesteuer gezahlt", sagt Stöber. Er spricht ohne Vorwurf. "Die Rettungsfahrzeuge könnten in Richtung Osten zur Nonnenwaldstraße fahren und von da an in alle Richtungen", ist sein Gegenvorschlag. "Das Biomasseheizkraftwerk könnte man in Richtung Sportplatz setzen." Anfang März schrieb er dem Gemeinderat einen Brief, "es hat sich noch niemand zu einem Vororttermin gemeldet."

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