Leute drängen sich noch im Mantel ins Foyer, begrüßen sich mit Umarmungen und dem typischen „Schön, dass du auch da bist“, zuletzt werden Sektgläser gereicht. Ohne Zweifel, ein Geburtstag. Aber ein besonderer: Die Ballon-Zahlen an der Fensterfront im gläsernen Verbindungsbau des Penzberger Museums zeigen es – 135 Jahre alt wäre er am 3. November geworden, Heinrich Campendonk, der Youngster des Blauen Reiters und Meister der Hinterglasmalerei. Das Museum Penzberg – Sammlung Campendonk feiert den Künstler und lädt ein, ihn mit einer Reihe von neu ausgestellten Werken näher kennenzulernen.
Unwidersprochenes Meisterwerk, das nun für wenigstens ein Jahr die Penzberger Sammlung ziert, ist „Der Garten“ von 1920, eine Leihgabe der Stuttgarter Staatsgalerie. Es zeigt zwei Hirtinnen in vordergründig naiver Darstellung, vereint Unvereinbares, wie eine Tanne und eine Palme in derselben Klimazone, stellt auch eine Ziege dazu. „Wir sagen immer, die Ziege kommt aus dem Penzberger Stall“, sagt Annette Vogel. Das Bild in Penzberg sehen zu können, war der Museumsdirektorin schon lange ein Anliegen. Sie habe es auf der Suche nach Campendonk-Bildern im Depot in Stuttgart gesehen: „Das Bild hat so ein inneres Leuchten, das war die reine Freude, das zu sehen. Da dachte ich schon, es würde so gut hierher passen – auch zur Hinterglasmalerei“, sagt Vogel. Denn die märchenhaft lyrische Darstellung mit ihrer so subtilen wie wirkungsvollen Farbkomposition scheint zu strahlen, darin den Hinterglasbildern im ersten Stock des Museums ähnlich.


Dass Campendonk sich auch theoretisch mit dem Thema der Farbe beschäftigte, wird in der Lesung eines Textes deutlich, der sich bislang im Archiv des Penzberger Rathauses befindet. Richtige Schätze gelte es da noch zu heben, sagt Vogel. Darunter ist etwa ein blaues Rechenheft, in dem Campendonk den Text eines Vortrags an der Krefelder Textilfachschule festgehalten hat. Um Komplementärfarben geht es da, aber auch um intuitive Feststellungen, welche Farbtöne ruhig, welche „wackelnd“, welche beweglich seien: „Das Grün ist selbstzufrieden, wie ein kleiner Bürgersmann“, heißt es da. Es stehe für Langeweile, Statik.
Das ist nur eine der deutlich formulierten Positionen in Campendonks Theorie, deren Ziel es ist, „auf Schritt und Tritt zu einem Farberlebnis zu kommen“. Mit dem Text im Ohr – die Schauspielerin Michaela Steiger hat ihn zum Leben erweckt – sieht man die Bilder Campendonks mit neuer Faszination. Es ist nur zu wünschen, dass die Texte bald veröffentlicht werden. Eine solide finanzierte Forschungsstelle wäre dringend geboten, doch im finanziell klammen Penzberg war es schon eine Herausforderung, die 36 Postkarten zu halten, die nun glücklicherweise die Sammlung dauerhaft ergänzen.

Nur der Ankauf der Stücke durch die Ernst-von-Siemens-Kunststiftung und die anschließende Dauerleihgabe ermöglichte den wichtigen Kleinoden den Verbleib im Museum. Die Postkarten sind ein Scharnier in der künstlerischen Entwicklung Campendonks, geben aber auch Einblick in dessen private Biografie, sind Ausdruck zärtlicher Liebe zu seiner Frau Adda und dem Sohn Herbert („tausend Küßgens“ schickt er ihnen).
Die Feier fügt sich ein in ein Museumskonzept, das Annette Vogel als umfassenden Kursus durch Campendonks künstlerische Biografie angelegt hat. Denn nach wie vor sei dieser wichtige, eigenständig faszinierende Vertreter des Blauen Reiters zu wenig bekannt. Wahrscheinlich wirke nach, dass Campendonk als der Jüngste im Kreis schon von den Granden wie Kandinsky zu Lebzeiten bisweilen ausgeklammert wurde. Campendonks Schaffen weist allerdings weit über das Formen- und Ausdrucksrepertoire des Expressionismus hinaus.
Rasante Strömungen der Moderne
Einen ersten Ansatz zur Neubewertung gibt die im nächsten März beginnende Ausstellung, die die Künstlerfreundschaft zwischen den Malern Campendonk und Fritz Stuckenberg und dem Dichter Paul van Ostaijen beleuchtet. Im Dialog zwischen den jungen Künstlern werden ästhetische Gemeinsamkeiten und Trennungslinien deutlich, die auf die rasanten Strömungen der Moderne verweisen. Und damit auch auf die große Sommer-Ausstellung, die sich auf die surrealistischen Elementen im Werk Campendonks konzentriert.
Schon jetzt ist als Neuhängung Campendonks „Bretonischer Friedhof“ zu sehen, auf dem sich erwartbare Kreuze mit rätselhaften Würfeln, Händen und anderen Symbolen mischen. Ergänzt wird die Sammlung dann durch Werke surrealistischer Großmeister wie Giorgio de Chirico, Joan Miró, Max Ernst und Salvador Dalí. „Das Rätselhafte von Campendonk mündet in den Surrealismus“, sagt Annette Vogel. „Das Unfassbare, der Entwurf einer neuen Welt. Das wollen wir vor Augen führen.“
Weitere Informationen unter museum-penzberg.de

