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Kommunalwahl in Penzberg:Zehetner würdigt Rathaus-Mitarbeiter herab

Podiumsdiskussion Kommunalwahlen 2020

SZ-Teamleiter Florian Zick (1.v.r.) und SZ-Redakteurin Alexandra Vecchiato (1.v.l.) moderierten den Abend.

Die sechs Bewerber um das Amt des Penzberger Bürgermeisters diskutieren beim SZ-Podium vor mehr als 400 Interessierten über ihre politischen Ziele. Die Amtsinhaberin bringt nach einer sachlichen Runde zu inhaltlichen Fragen am Ende den Saal gegen sich auf.

Der Knall kam fast am Ende, dafür aber umso heftiger: Eine Stadtverwaltung setze sich zusammen aus "Best-Leistern, Mittel-Leistern und Leistern, die wir Gott sei Dank im öffentlichen Dienst beschäftigen können, weil die Privatwirtschaft so jemanden vielleicht erst gar nicht nimmt." Ein Fußballtrainer aber stelle auch keine Spieler auf, "die den Ball nicht treffen können". So hat Penzbergs Bürgermeisterin Elke Zehetner (SPD) am Donnerstag die Fluktuation im Rathaus erklärt. Sätze, die im Publikum nicht auf Verständnis stießen, wie ein lautes Raunen im Saal zeigte. Mehr als 400 Interessierte drängten sich an diesem Abend in der Stadthalle.

Bei der Podiumsdiskussion der SZ Bad Tölz-Wolfratshausen trafen die sechs Bewerber um das Penzberger Bürgermeisteramt erstmals öffentlich aufeinander - die amtierende Rathauschefin Zehetner sowie fünf Aspiranten: Armin Jabs von den Bürgern für Penzberg, Kerstin Engel von den Grünen, Markus Bocksberger von Penzberg Miteinander, Stefan Korpan von der CSU und Michael Kühberger von der Freien Lokalpolitik Penzberg.

Es war eine Entgleisung mit Ankündigung. Denn durch den Abend zog sich die Frage nach der Atmosphäre in der Stadtverwaltung und der Stimmung im Stadtrat bereits wie ein roter Faden. Zunächst schimmerte er nur in Anmerkungen durch, was schließlich aber zum Crescendo bei der Frage aus dem Auditorium von Andreas Ranft (Penzberg Miteinander) führte: "Gibt es da etwas, das wir wissen sollten?" Fragen zu Kündigungen "sind Personalien, die diskutiere ich nicht öffentlich", antwortete Zehetner da noch. Um dann anzumerken, dass die Stadtverwaltung etwa 300 Mitarbeiter beschäftige. In ihrer Amtszeit hätten 29 Personen das Rathaus mit Auflösungsvertrag oder Kündigung verlassen. Ihr Führungsstil sei "situativ", sagte sie und zog eine Parallele zum Fußball. Da würde ein Trainer ja auch niemanden aufstellen, der immer nur Luftlöcher haut.

Podiumsdiskussion Kommunalwahlen 2020

Volles Haus, viele Fragen und so manch Erhellendes: Mehr als 400 interessierte Bürgerinnen und Bürger drängten in die Penzberger Stadthalle, wo die Bewerberinnen und Bewerber für das Amt des Bürgermeisters gemeinsam Rede und Antwort standen.

An dieser Stelle wurde er sichtbar, der große Graben im Penzberger Rathaus: Eine harmonisch arbeitende Stadtverwaltung gebe es derzeit nicht, kritisierten Zehetners Mitbewerber mal subtiler, mal deutlicher. Gleichzeitig betonten alle den Willen, Politik miteinander zum Wohle der Stadt und der Bürger zu gestalten.

Es gab auch Passagen des Gleichklangs. Penzberg sei schön, stehe aber vor vielen Herausforderungen - da waren sich alle Podiumsgäste einig. Mehr bezahlbaren Wohnraum brauche es, genauso eine lebendige Innenstadt mit weniger Verkehr, aber mehr öffentlichem Nahverkehr. Wichtig sei der Erhalt oder besser sogar der Ausbau von Arbeitsplätzen. Es brauche Angebote für Familien, eine gute Kinderbetreuung, eine lebendige Innenstadt, mehr Grün und für Senioren die Möglichkeit, lange zu Hause bleiben zu können.

Das Defizit des Campendonk-Museums wollen alle weiter tragen. Unterschiede ließen sich aber schon bei der Frage feststellen, wie die Stadt in zehn Jahren aussehen soll. Zehetner zeichnete ein Bild, in dem all die angesprochenen Themenkomplexe zur Zufriedenheit der Penzberger gelöst sein sollten. Dagegen sah Kühberger Probleme mit dem Wachstum: "Wir stehen am Anschlag." Bocksberger hatte für 2030 die "Vision einer funktionierenden Stadtverwaltung". Jabs erklärte, "ohne Arbeit nützen die schönsten Dinge nichts". Er wollte beim Wohnungsbau auch private Projekte gefördert sehen und forderte mehr Innenverdichtung. Engel setzt auf ein Verkehrskonzept mit geschlossenem Radwegenetz und florierendem Carsharing. Korpan schloss bei seiner Vision für Penzberg 2030 einen Bogen von der Wiege bis zur Bahre: "In Penzberg geboren, gelebt, gearbeitet, gestorben, zufrieden." Damit das gelinge, brauche es auch die Unterstützung ortsansässiger Betriebe und die Ansiedlung neuer Firmen.

Podiumsdiskussion Kommunalwahlen 2020

Amtsinhaberin Elke Zehetner (SPD).

Umstritten blieb ein Verkehrskonzept. Bocksberger will den Schwerlastverkehr - mit Ausnahme des Lieferverkehrs - aus der Innenstadt bringen. Engel wünschte sich wie Korpan einen professionellen Verkehrsplaner. Kühbergers Vorschlag, mit Kreiseln einen besseren Verkehrsfluss zu erreichen, stieß nicht überall auf Gegenliebe. "Mehr Fluss zieht noch mehr Verkehr an", sagte Engel. "Und Kreisel sind für Autofahrer, nicht für Radler." Das brachte Kühberger zum Fazit, "Penzberg den Penzbergern", das auch beim Wohnungsbau gelten sollte.

Zehetner nannte es angesichts der Herausforderungen wiederum wichtig, "klug zu bauen". Das führte zu einem verbalen Schlagabtausch mit Korpan darüber, ob beim städtischen Wohnungsbau genug angeschoben worden sei oder nichts vorwärts gehe. Nach Ansicht von Jabs dauert das Wohnviertel an der Birkenstraße "viel zu lange". Aus den Reihen des Publikums fragte Michael Schmatz nach den Ansichten der Bürgermeister-Kandidaten zur Bürgerbeteiligung. "Die beginnt mit völliger Transparenz", sagte Jabs. So wenig wie möglich sollte in nicht-öffentlicher Sitzung beschlossen werden. Kühberger antwortete: "Der Bürger ist wichtig. Und wenn ihm was nicht passt, kann er mich nach sechs Jahren abwählen."

Wie der Stadtrat zu befrieden sei, wollte Julia Brettner wissen. Zehetners Satz dazu, just Minuten vor der Antwort auf die Frage zur personellen Situation im Rathaus: "Fehler können gemacht werden. Und dann sollte man aus ihnen lernen."

© SZ vom 18.01.2020

Kommentar

Unsägliches gesagt

Die verbalen Entgleisungen von Penzbergs Bürgermeisterin Elke Zehetner waren nicht einfach nur ein rhetorischer Fauxpas. Sie offenbarten eine Entgrenzung - im Denken wie im Sprechen   Von Claudia Koestler

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