Es hält sich zäh das Gerücht, der Penzberger oder die Penzbergerin würde etwa drei Minuten, ehe eine Veranstaltung beginnt, zu eben jener eintreffen. Reicht ja auch. Wer einen Blick in die Wartehalle des Bürgerbahnhofs am vergangenen Freitag riskierte, wurde eines Besseren belehrt. Schon eine Dreiviertelstunde vor dem offiziellen Auftakt zu der neuen Reihe „Abgefahren“ sicherten sich einige Gäste ihre Plätze. Kurz vor 19 Uhr war die Halle rappelvoll. Die perfekte Kulisse also für den ersten Kneipenabend mit Live-Musik und die Geburtsstunde eines lang ersehnten Treffs für Nachtschwärmer.
Jeden dritten Freitag im Monat öffnet künftig der Bürgerbahnhof abends unter dem Motto „Abgefahren“ seine Schwingtüren. Mit dem neuen Programm möchte die Kulturgemeinschaft Penzberg als Organisatorin dem Nachtleben in der Stadt einen Herzschrittmacher verpassen. Das goutierten die Bürgerinnen und Bürger zum Auftakt: Nicht allein, dass um die 90 Musikfreunde den ersten Kneipenabend des Vereins besuchten – sie tanzten, ratschten und vergnügten sich bei Wein, Bier, Saft und Knabbereien. Kurzum: Es war ein geselliger Abend.

Einen „vollen Erfolg“ nennt es Vereinsvorsitzender Tom Sendl. Der Bürgerbahnhof, den es als Treffpunkt seit 2022 gibt, sei ein Erfolgsprojekt. Kulturamtsleiter Thomas Kapfer-Arrington begrüßte die Gäste in „seinem Herzensprojekt“. Der Penzberger Bahnhof solle „lebendig“ sein. Mit „Abgefahren“ starte eine zweite Veranstaltungsreihe mit Live-Musik – ein weiterer Baustein zu ebendieser Belebung. Die Initiative für das neue Projekt ging von Alexandra Link-Lichius aus, die mit dem Nachmittags-Café „Ab und Zu(g)“, organisiert von der evangelischen Kirchengemeinde, die erste Reihe mit Live-Musik im Bürgerbahnhof etabliert hat.
Für die Premiere konnten die Organisatoren die Band Salty Rose gewinnen. Dahinter stecken das Schauspieler-Brüderpaar Daniel und Matthias Friedrich, bekannt aus Fernsehen und Theaterbühne, zusammen mit Bettina Bergau und Jens Freyberg. Für die nächsten Abende (18. Oktober, 15. November und 20. Dezember) hätten sich weitere Ensembles von sich aus beworben, berichtete Sendl. „Wir werden in den kommenden Tagen eine Auswahl treffen.“ Die Nachfrage bei Musikgruppen ist gegeben: Während der Premiere wurden weitere Kontakte geknüpft. Der Penzberger Werner Haimerl und seine Bandkollegen, die als Woodhouse Gang auftreten, streckten die Fühler aus, um zu sehen, ob der Bürgerbahnhof eine geeignete Bühne für sie wäre. Die Gang war etwa beim Lenggrieser Streetfood-Festival und beim Geretsrieder Stadtteilfest auf dem Neuen Platz zu hören. „Wir sind eine Altherren-Rockband“, meinte Haimerl, „und wir sind nicht gerade leise.“
Kontakte geknüpft
Auch wenn die Songs aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, die die Coverband Salty Rose an diesem Abend spielte, nicht ganz dem Geschmack der Altherren-Rocker entsprachen, blieben sie bis zum Schluss und fachsimpelten mit dem städtischen Kulturamtsleiter, selbst passionierter Kontrabassist, über die besten offenen Bühnen für Musiker in der Region – von Lenggries bis Habach.

Spätestens, als die ersten Klänge von „Roll over Beethoven“ die Wartehalle durchzogen, hielt es die Besucher nicht mehr auf ihren Stühlen. Die Tanzfläche füllte sich. Bei „Let’s twist again“ ging die Post ab. „Ich habe zum ersten Mal seit 50 Jahren wieder Rock ’n’ Roll getanzt“, sagte Bärbel Scholz außer Atem. „Ist das nicht toll, dass sich endlich mal was rührt in Penzberg!“ Dass sich „endlich etwas rührt“ abends in der Stadt, war im Übrigen häufiger zu hören.

Während also die Gäste ihren Spaß hatten, sorgte ein Helferteam dafür, dass deren Gläser stets gefüllt blieben. Vor dem Premiere-Abend hatte Sendl einen Aufruf gestartet und nach Freiwilligen gesucht. Mit Erfolg. 20 Ehrenamtliche hatten sich gemeldet, um die Tische zu decken, die Bewirtung zu übernehmen, Gläser zu spülen und den Laden am Laufen zu halten. Das Prinzip im Bürgerbahnhof ist, dass die Veranstalter, die die Location der Stadt nutzen, für die Verpflegung, aber auch für das Aufräumen danach verantwortlich sind. Ebenso werden Getränke auf Spendenbasis ausgeschenkt. Für die auftretenden Bands geht ein Hut herum.
Und noch ein Erfolg lässt sich vermelden: Sendl und seine Mitstreiter konnten gleich „Seelenfängern“ acht neue Mitglieder für die Kulturgemeinschaft Penzberg gewinnen. Wie der Vereinsvorsitzende sagte: ein voller Erfolg.

