Das Gehirn gleicht einer Burg umgeben von hohen Mauern. Weil aber die Menschen hinter der wehrhaften Anlage mit Nahrung versorgt werden wollen, gibt es Durchlässe. Über diese Tore können die Lieferungen dorthin gebracht werden, wo sie benötigt werden. Mit diesem Bild lässt sich vereinfacht erklären, wie ein neues Alzheimer-Medikament wirken könnte – vorausgesetzt, es erhält eine Zulassung. Entwickelt wurde die sogenannte Brainshuttle-Technologie im Biotech-Unternehmen Roche in Penzberg. Bis das Medikament voraussichtlich auf den Markt kommt, werden noch drei, vier Jahre vergehen.
Obschon weltweit seit Jahrzehnten geforscht wird, gibt es bislang noch keine Therapie, um Alzheimer wirksam zu behandeln. 1,8 Millionen Patientinnen und Patienten in Deutschland leben mit der Diagnose, die mit dem Verlust des Gedächtnisses und schließlich der Persönlichkeit einhergeht. Bis zum Jahr 2050 werden es drei Millionen sein, sagte Daniela Kahlert, Geschäftsführerin der Roche Diagnostics Deutschland GmbH, beim Jahresmediengespräch. Oftmals vergehe kostbare Zeit, bis die Erkrankung diagnostiziert wird.
Die Brainshuttle-Technologie schmuggelt sich wie ein trojanisches Pferd hinter die Burgmauern. Im Falle des Gehirns ist die Mauer die Blut-Hirn-Schranke, die das Eindringen schädlicher Substanzen aus dem Blut verhindert. Benötigte Nährstoffe werden über spezielle Schleusen, die in den Wänden der Blutgefäße sitzen, ins Gehirn transportiert. Das sind die Einfallstore für das neue Medikament, das der Schranke vorgaukelt, ein Eisenmolekül zu sein.
Eine Zulassung steht noch aus
Alzheimer entsteht aufgrund von Ablagerungen, auch Plaques genannt, die aus Beta-Amyloid bestehen, einem kleinen Protein, das von den Nervenzellen ausgeschieden wird und im Hirngewebe Verklumpungen bildet. Der von Roche entwickelte Antikörper reduziert diese Ablagerungen. Noch ist das Medikament nicht zugelassen. Es befindet sich in der dritten und letzten Phase der klinischen Studien, die vorgeschrieben sind, um Wirksamkeit und Nutzen-Risiko-Verhältnis vor der Marktzulassung zu bestätigen.
Die Entwickler müssen dabei beweisen, dass der Antikörper das Fortschreiten der Demenz aufhalten kann, indem er die Plaques löst. Bereits geschädigte Nerven kann das Medikament nicht regenerieren. Es werde daher bei Patientinnen und Patienten in einem frühen Stadium von Alzheimer eingesetzt, so Kahlert. Die Brainshuttle-Technologie sei die Ergänzung zu diagnostischen Tests – ebenfalls aus dem Penzberger Werk: Auf dem Markt ist ein Test, der eine Alzheimer-Erkrankung ausschließt; in der Entwicklung ist ein weiterer, der Alzheimer bestätigt.

An diesen Forschungserfolgen sehe man, welche Innovationskraft der Standort Penzberg habe, betonte Werkleiter Paul Wiggermann. Das rechtfertigt auch die Invesitionen, die im Nonnenwald getätigt wurden: Seit 2020 hat das Pharma- und Diagnosika-Unternehmen etwa 3,8 Milliarden Euro in seine deutschen Standorte investiert, davon 1,94 Milliarden in Penzberg. Allein im Jahr 2025 flossen 413 Millionen der insgesamt 719 Millionen Euro an Investitionen in der Bundesrepublik nach Penzberg. Mehr als 7900 Mitarbeitende sind dort auf dem Gelände im Nonnenwald beschäftigt.
Auf Spekulationen zu Investitionen in den kommenden Jahren wollte sich Wiggermann nicht einlassen. Er verwies auf bereits abgeschlossene Millionen-Projekte, wie auch auf das im Bau befindliche Diagnostik-Produktionszentrum für gut 600 Millionen Euro.
Daniel Steiners, Vorstand der Roche Pharma AG, erklärte, dass das Unternehmen im vergangenen Jahr entgegen dem gesamtwirtschaftlichen Trend in Deutschland ein Wachstum verzeichnen konnte. Demnach stieg der Umsatz um 4,7 Prozent auf 8,9 Milliarden Euro. Die Gesundheitsbranche sei einer der wenigen Wachstumsmotoren und einer der wenigen Bereiche, in denen die Bundesrepublik noch eine Spitzenposition innehabe. Mahnend verwies er weiter auf die USA, die bürokratische Hürden im Gesundheitswesen abbauten und Verfahren beschleunigten, um die inländische Produktion zu stärken. Zwei Punkte, die sich Steiners auch hierzulande wünschen würde. Denn diese Schritte wirkten sich auf die Wettbewerbsfähigkeit und die Gesundheitsversorgung in Deutschland aus, sagte er.
Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war zu lesen, dass die Blut-Hirn-Schranke das Eindringen schädlicher Substanzen in die Blutgefäße verhindert. Richtig ist es genau umgedreht. Die Blut-Hirn-Schranke verhindert den Übertritt schädlicher Substanzen aus dem Blut in das Gehirn.

