Panama Papers Datenleck mit Folgen

Der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Wolfgang Krach, gibt rund 50 interessierten Zuhörern im Audimax der Stiftungshochschule seltene und persönliche Einblicke in die Recherchen zu den Panama Papers.

(Foto: Manfred_Neubauer)

SZ-Chefredakteur Wolfgang Krach spricht in Benediktbeuern über Möglichkeiten und Grenzen des investigativen Journalismus. Mit den Enthüllungen der "Panama Papers" habe eine neue Ära begonnen

Von Katharina Schmid

"Hello. This is John Doe. Interested in data? I'm happy to share." Mit diesen zwölf Worten, "Hallo. Hier ist John Doe. Interessiert an Daten? Ich teile gerne", begann 2015 die Enthüllungsgeschichte der "Panama Papers". Die Nachricht des anonymen Whistleblowers ging an Bastian Obermayer, Reporter bei der Süddeutschen Zeitung. Was folgte, revolutionierte den investigativen Journalismus und stellte die Reporter um Obermayer vor eine nie dagewesene Herausforderung: 11,5 Millionen Dokumente, 2,6 Terabyte Daten. Die Panama Papers gelten als das größte Daten-Leck der Geschichte, sie entlarvten hunderttausende Briefkastenfirmen und führen bis heute zu immer neuen Ermittlungsverfahren gegen Unternehmen, Banken, Politiker und Privatleute.

Wolfgang Krach, SZ-Chefredakteur und selbst an den Recherchen zu den Panama Papers beteiligt, sprach am Mittwochabend auf dem Campus Benediktbeuern der Katholischen Stiftungshochschule München zum Abschluss der Ringvorlesung "Community Music & Media" über investigativen Journalismus, dessen Möglichkeiten und Grenzen sowie Herausforderungen durch sogenannte "Fake News".

"Fake News können nicht nur die Wahrnehmung der Wirklichkeit verändern, sondern die Wirklichkeit selbst", sagte Krach. Als Beispiel nannte er das US-amerikanische "Pizzagate". Falschmeldungen hatten während des Präsidentschaftswahlkampf 2016 verbreitet, Hillary Clinton und ihr Wahlkampfleiter würden im Keller einer Pizzeria in Washington aus ein Pädophilennetzwerk betreiben. Die Folge: Ein 28-jähriger Mann schoss am 4. Dezember 2016 in dem Restaurant um sich. Er habe das Netzwerk ausheben wollen - in der Pizzeria gab es jedoch weder Keller noch Kindersexring. "Das ist kein Einzelfall", sagte Krach. Die globale Vernetzung durch das Internet stellt Journalisten heute vor neue Herausforderungen. Weltweit setzen Redaktionen auf Fakten-Checking-Einheiten, um gezielt Falschmeldungen zu begegnen. Die schiere Masse an falschen Nachrichten, die im Netz kursieren, sei aber kaum zu widerlegen, so Krach. "Zumindest nicht von uns."

Welche Möglichkeiten investigativer Journalismus in einer globalisierten Welt jedoch haben kann, wenn er sie nutzt, machen die Panama Papers und ihre Folgen deutlich: Ermittlungen, Rücktritte und das Ende der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca im März dieses Jahres. Für die Berichterstattung über die Panama Papers wurde das "International Consortium of Investigative Journalists" 2017 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

"Ich selbst habe am 3. April 2016 um 19.48 Uhr bemerkt, welche Dimension das hat", erinnerte sich Krach, genau zwölf Minuten, bevor die Enthüllungsgeschichten zu Steuer- und Geldwäschedelikten zeitgleich auf den Kanälen von mehr als 100 Medienhäusern aus 80 Ländern der Welt online gingen. Der US-amerikanische Whistleblower Edward Snowden hatte einen Tweed abgesetzt, der das Daten-Leck ankündigte. "Wir wissen bis heute nicht, wie das passiert ist", so Krach. Die Recherchen fanden unter strengster Geheimhaltung statt, bevor die SZ um Punkt 20 Uhr am 3. April 2016 die ersten Texte veröffentlichte. "Eine Minute später sind unsere Server zusammengebrochen", so Krach, das Echo sei "überwältigend" gewesen. Noch nie zuvor seien die Mechanismen, Hintergründe und Folgen des Offshore-Bankings so klar aufgezeigt worden. "Das war der Beginn einer neuen Phase im Journalismus", resümierte Krach. "Heute können wir mit digitalen Werkzeugen tun, wovon wir früher nicht mal geträumt haben."

Diese neue Phase begann nicht ohne Schwierigkeiten. Die Festplatten waren zu klein für die Datenmenge, die John Doe der SZ zuspielte, die Sprachenvielfalt der Dokumente allein von SZ-Journalisten nicht abzudecken. Schnell sei klar geworden, dass "wir neue Wege gehen müssen bei der Auswertung". Ein Teil der Recherche wurde an Maschinen ausgelagert, welche die Dokumente auf Namen durchsuchten. In den betroffenen Ländern suchte die SZ nach Medien und Journalisten, "denen wir vertrauen konnten und die in ihrem eigenen Land ungehindert recherchieren konnten", berichtete Krach - ein langer und schwieriger Prozess.

Mehr als 400 Journalisten aus aller Welt arbeiteten schließlich über ein Jahr an den Enthüllungen, die Ermittlungsverfahren in 80 Ländern nach sich zogen, zu Rücktritten von Politikern führten und allein in Deutschland bislang 140 Millionen Euro an Rückzahlungen in den öffentlichen Haushalt bewirkt haben. Ein journalistischer Coup, doch, so Krachs Fazit: "Das Problem wird so lange nicht verschwinden, solange es Länder gibt, die daraus ein Geschäftsmodell machen." Es liege am politischen Willen, dem Einhalt zu gebieten.