Palliativmedizin für Kinder:Vom Glück, zu Hause sterben zu dürfen

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Ein 13-jähriges Mädchen verliert den Kampf gegen den Krebs. Will man das sehen? Ja. Max Kronawitters neuer Dokumentarfilm "Noch einmal Sommer für Wenke" erzählt von Liebe, Würde und einer außergewöhnlichen Familie.

Stephanie Schwaderer

Wie viel Leben passt in einen Tag? An ihrem vierzehnten Geburtstag amüsiert sich Wenke noch einmal bis zur Erschöpfung. Sie fährt Karussell, hält lachend ihre roten Haare in den Wind, saust eine Wasserrutsche hinab. Eine Woche später kann sie sich nicht mehr alleine auf den Beinen halten. Der Tumor in ihrem Kopf ist stärker. "Eigentlich habe ich nicht oft Angst", sagt sie. Nicht vor dem Tod. "Nur vor dem Sterben."

Noch einmal für Sommer für Wenke

Wenke daheim in ihrem Bett. Die Münchner Kinderärztin Monika Führer hält ihr die Hand und erklärt ihr, warum sie noch nicht sterben kann. "Dein Herz ist noch nicht so weit." Eine Szene aus Max Kronawitters Dokumentation "Noch einmal Sommer für Wenke".

(Foto: privat)

Ihre letzten Lebenstage hat der Eurasburger Filmemacher Max Kronawitter festgehalten. "Noch einmal Sommer für Wenke" heißt die 45-minütige Dokumentation, die am Aschermittwoch in der Reihe "Stationen" im Bayerischen Fernsehen zu sehen ist. Eine Kurzversion lief im November in der ARD. Der Sender verzeichnete 1,4 Millionen Zuschauer.

Darf man die Kamera auf ein sterbendes Kind richten? Will man das sehen? Die Antwort heißt - in diesem Fall - zweimal ja. Zum einen, weil Kronawitter nichts Voyeuristisches anhaftet. Zum anderen, weil er nicht nur einen Film vom Tod gedreht hat, sondern auch eine Liebeserklärung ans Lebendigsein, ein Lehrstück über das Auf-sich-Aufpassen und eine Geschichte vom Glück, zu Hause sterben zu dürfen.

Leichenschmaus unter Wenkes Ahornbaum

Selbst eine Beerdigung muss, wie man sieht, nicht trist sein. Eric, der Punk mit dem pink gefärbten Irokesen, trägt die Urne mit der Asche seiner kleinen Schwester. Bevor er sie behutsam in die Erde legt, hält er noch einmal kurz inne - und küsst sie. Dann werden Decken ausgebreitet und Semmeln geschmiert für ein Picknick auf dem Friedhof, unter dem Ahornbaum, den Wenke sich ausgesucht hat. Ein normaler Leichenschmaus, sagt Simone, die Mutter, "hätte keine Bedeutung gehabt".

Normal ist fast gar nichts in und an diesem Dokumentarfilm, den Kronawitter in der Nähe von Plattling gedreht hat. Ein halbes Jahr lang hat er Wenke und ihre Familie begleitet und die Arbeit eines Münchner Palliativteams dokumentiert. HOMe (Hospiz ohne Mauern) heißt die Initiative der Kinderärztin Monika Führer, die bislang mehr als 250 schwerkranke Kinder in Südbayern betreut hat. Eines davon war Wenke, der sie den letzten großen Wunsch erfüllten: "Nie mehr in die Klinik."

Unprätentiös schildert der Film das Unvorstellbare, das "Schlimmste", wie die Mutter es nennt. Die Angst vor dem Nicht-mehr-Dasein schneidet Kronawitter in ein einfaches Bild. Eben noch saßen Mutter und Tochter auf einem stillgelegten Ruderboot und plauderten. Simone erklärt: "Wenn wir an den Punkt kommen, wo wir nicht mehr reden können, ist es wichtig, dass alles gesagt wurde." Ein paar Sekunden später ist nur noch das verwaiste, gelbe Boot zu sehen. Wo die beiden saßen, klafft stechende Leere.

"Die Kamera läuft, bis die Leute sie vergessen"

Noch tragender als die Bilder sind die Interviews. Die stärkste Säule ist Simone, eine beeindruckende Frau. "Vivere militare est", haben sie und Wenke sich zum Abschied gemeinsam in den Arm tätowieren lassen. Leben heißt kämpfen. Auch Wenkes Vater, der eigentlich in Berlin lebt, ist zurückgekommen, um seiner Tochter beizustehen. Seine Botschaft ist klar: "Kümmert euch um eure Kinder", sagt er mit brüchiger Stimme in die Kamera.

Wer Max Kronawitter in seinem hellen Haus in Berg bei Eurasburg besucht, versteht schnell, warum seine Gesprächspartner sich ihm so anvertrauen. Kronawitter ist ein starker Zuhörer, mit wachen, blauen Augen und einem freundlichen Lächeln, das auch dann um seinen Mund spielt, wenn er von Abgründen spricht. Zudem ist er ein erprobtes Drei-Mann-Team: Auf Ton- und Kameramann verzichtet er meistens, dafür bringt er Zeit für drei mit. "Die Kamera läuft so lange, bis die Leute vergessen, dass sie da ist", sagt er. "Die erste halbe Stunde schmeiße ich meistens weg."

In seinem Wohnzimmer hat sich heute eine illustre Versammlung breitgemacht. Sämtliche Kuscheltiere, die seine Kinder im Haus auftreiben konnten, und das sind nicht wenige, haben sich zu einer Sitzung eingefunden und weisen sich durch handgeschriebene Namensschilder aus. "Pabagei" steht da zum Beispiel. "Da darf ich jetzt nichts durcheinanderbringen", sagt Kronawitter entschuldigend und macht einen großen Schritt.

Bei der Trauerfeier liefen Tränen in Strömen

Bei den Kollegen vom BR hat sich der dreifache Vater den Ruf als Friedhofsexperte erworben. Seit jeher beschäftigt er sich gerne mit Dingen, von denen andere sich abwenden. "Tod und Sterben waren der Grund, warum ich Filmemacher geworden bin", sagt er. Seine erste Dokumentation drehte der Theologe vor knapp 20 Jahren über einen jungen Aids-Kranken. "Mich interessieren die Eckpunkte des Lebens", erklärt er. "Spiritualität leuchtet dort am stärksten auf, wo das Leben existenziell bedroht ist."

Doch selbst für ihn, den Profi, lösten sich bei den Dreharbeiten mit Wenke die Rollen auf. Spätestens als sie ihn bat, die Leichenrede zu halten. "Gebeten hat sie mich nicht", korrigiert er und lächelt. "Sie hat gesagt: Du machst das!" Zunächst habe ihm das die Arbeit erleichtert: "Ich hatte damit einen Platz in der Familie, so wie die Ärzte und Therapeuten auch."

Bei der Trauerfeier jedoch liefen ihm die Tränen in Strömen übers Gesicht, so dass er aus der Hüfte filmen musste. Und vorne auf der Leinwand lachte ihn Wenke an. Ein 13-jähriges Mädchen, das noch wenige Tage seines Lebens vor sich hatte, vielleicht mit die schönsten.

"Noch einmal Sommer für Wenke", Mittwoch, 22. Februar, 19 Uhr, Bayerisches Fernsehen, "Stationen"

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