Zeitzeuge, Unternehmer, Kulturbürger: Otto-Ernst Holthaus war sein Leben lang auf vielen Ebenen intensiv engagiert. Nun ist der Gründer des Isar-Kaufhauses in Wolfratshausen und Mitinitiator der Todesmarsch-Mahnmale des Bildhauers Hubertus von Pilgrim wenige Wochen nach seinem 95. Geburtstag gestorben.
Wer je zuhören durfte, wenn Otto-Ernst Holthaus über seine Kindheit sprach, wird das nicht mehr vergessen. So ehrlich und eindringlich erzählte der Erwachsene, wie er als 14-Jähriger in Grünwald den Todesmarsch der Häftlinge aus dem Konzentrationslager Dachau gesehen hatte. Holthaus machte kein Hehl daraus, dass er als in die Zeit geborenes Kind von der Nazi-Ideologie geprägt war: „Händchen halten, Köpfchen senken, immer an den Führer denken“, zitierte er das NS-Kindergarten-Motto.
Der Todesmarsch aber erschütterte das Weltbild des damaligen Hitlerjungen nachhaltig. Gestalten „in gestreiften Pyjamas“ und mit Decken seien herangekommen und hätten „Brot, Brot“ gejammert, so erinnerte er sich immer wieder. Die SS habe sofort dazwischengebrüllt: „Gebt ihnen nichts, alles Kriminelle.“ Aber ein Freund und er hätten sich die Taschen vollgestopft und versucht, den Verhungernden etwas zuzuwerfen.
Dieses Erlebnis hat Holthaus zu lebenslanger Erinnerungsarbeit motiviert und zu einem vielfältigen Einsatz für Versöhnung und Demokratie. Er wurde ein unentwegter Zeitzeuge, ein Freund der Schoah-Überlebenden Abba Naor und Max Mannheimer, mit diesem gemeinsam ein sehr früher Förderer des Erinnerungsorts Badehaus im Wolfratshauser Stadtteil Waldram, dem ehemaligen NS- und späteren jüdischen Displaced-Persons-Lager Föhrenwald. Ein Porträt, das Holthaus von Mannheimer gemalt hat, hängt im Badehaus.
In Wolfratshausen hat Holthaus 1966 das Isar-Kaufhaus gegründet, später auch das in Geretsried, das bis vor Kurzem von seinem Sohn Frederik weitergeführt wurde. Auch an der Initiative für die Todesmarsch-Mahnmale, die heute an 22 Orten zwischen Dachau und Waakirchen stehen, war Holthaus neben dem Gautinger Bürgermeister Ekkehard Knobloch mit beteiligt.
Doch nicht nur im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen und in seinem langjährigen Wohnort Grünwald im Landkreis München, wo er vor zwei Jahren maßgeblich an der Rettung eines Sep-Ruf-Hauses beteiligt war, werden sich viele Menschen gern an den kunstsinnigen und geschichtsbewussten Unternehmer erinnern. Auch in Mittenwald (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) hat er Spuren hinterlassen. Dort rettete Holthaus in den Achtzigerjahren die Krause-Villa, ein Meisterstück des Jugendstil-Architekten Richard Riemerschmid, vor dem Abriss. „Ich habe alle meine Ersparnisse zusammengekratzt, um meinen Traum zu verwirklichen“, sagte er damals – rund eine Million Mark. Der Freistaat würdigte dieses Engagement mit der bayerischen Denkmalschutz-Medaille.

