Im oberen Stock des Beuerberger Pfarrheims herrscht konzentrierte Stille. Gespräche finden an den vier großen Holztischen nur in gedämpfter Lautstärke statt. Zu den murmelnden Stimmen kommt eine weitere: „Maria, ich nehm ja die Nummer drei. Weißt warum? Weil da kein Schaf drauf ist. Den Fehler hab’ ich schon gemacht.“ Viele der Teilnehmerinnen des Kurses, in dem Maria Puffer auch heuer die Gelegenheit gibt, Osterkerzen selbst zu dekorieren, kommen nicht zum ersten Mal. „Wir haben viele Stammgäste“, sagt Puffer, die seit beinahe zwanzig Jahren die Kerzen-Gestaltung für den Garten- und Verschönerungsverein Beuerberg organisiert und anleitet. Zwanzig Jahre, in denen die Faszination für das Material und für das Produkt einer filigran verzierten Osterkerze nicht nachgelassen hat.
Fünf Kerzen-Motive hat Maria Puffer zur Auswahl gestellt. Darunter klassische mit Osterlamm, aber auch abstraktere Formen mit Regenbogen-Dekor. Das Kreuz und die griechischen Buchstaben Alpha und Omega sind auf jedem Modell zu sehen. Die Motive variieren von Jahr zu Jahr. Um Neues anbieten zu können, sucht Puffer nach Mustern, lässt sich von Freundinnen inspirieren. Die Teilnehmerinnen (und der eine Teilnehmer) mussten sich vor Beginn des Kurses entscheiden, welche Osterkerze sie gerne dekorieren würden. Entsprechend bestellt Puffer die Utensilien: die robusten weißen Stearin-Rohlinge, die farbigen Wachsplatten, die goldenen Wachsfäden, die den Formen auf der Kerze Kontur geben. Eine langjährige Kerzen-Mitstreiterin betritt den Saal. „Maria, ich hab heut leider keine Zeit. Ich nehm die Kerze einfach mit.“ Puffer sucht die Materialien zusammen. Einmal blau, einmal orange für den Motiv-Hintergrund wird gewünscht. „Oh! Das hat mein Sekretär falsch notiert“, gibt Puffer zu. Und Orange liegt nicht parat. „Dann gibst mir a andere Farb“, lautet die pragmatische Lösung.

Währenddessen werden an den anderen Tischen Muster auf Butterbrotpapier gepaust. Das dünne, halbtransparente Papier mit den vorgezeichneten Konturen dient als Formgeber für die flexiblen Wachsplättchen, aus denen im nächsten Schritt Lämmer, grüne Ranken oder Kreuze werden. „Martina, ich hab nicht mal einen Bleistift dabei“, heißt es von einem Tisch. Abhilfe ist schnell gefunden und so kann die gezeichnete Form ins Wachs gedrückt und schließlich mit einem Gemüsemesser ausgeschnitten werden. „Ich bin richtig stolz auf mein Lamm!“, sagt Andrea Urban, die dem Gartenverein vorsitzt. Die umsitzenden Teilnehmerinnen freuen sich mit ihr. Das notorisch schwierige Lämmchen macht sich schön auf dem bunten Hintergrund. Doch fertig ist Urbans Kerze noch nicht ganz. „Aber bald, dann kann ich ratschen“, sagt sie.
Geratscht wird beiläufig trotzdem. Über die Familie, Umzüge, die Arbeit. „Es ist sehr entspannend hier“, sagt eine Teilnehmerin, während sie Blattwerk aus flaschengrünem Wachs schnitzt. „Mal ohne Kinder, ohne Mann…“ Ihre Sitznachbarin pflichtet ihr bei. „Meine Tochter wollte unbedingt mit, aber ich hab ihr gesagt, dass sie schlafen muss.“ Dabei drücken die Frauen die ausgeschnittenen Formen auf die Kerze. „Gibt es eigentlich einen Trick, die Teile auf die Kerze zu bringen?“, fragt eine Teilnehmerin. „Nur Handwärme“, lautet die Antwort. „Ok, ich mach’ jetzt das Schaf“, heißt eine andere vollmundige Ankündigung. So pausen, schneiden und wärmen sie. Etwa eine Stunde dauert es, bis eine Kerze fertig ist.

Auf die Idee, sich mit Osterkerzen zu beschäftigen, ist Maria Puffer über die Schwester einer Freundin gekommen. Diese hat ihr eine Kerze geschenkt. „Das Material hat sofort eine Faszination auf mich ausgeübt“, sagt Puffer. So habe sie begonnen, ihre Kerzen selbst zu gestalten. Maria Schön, Andrea Urbans Vorgängerin im Vorsitz des Gartenvereins, habe sie daraufhin gefragt, ob sie sich nicht vorstellen könne, einen Kurs dazu anzubieten. Puffer, die im Hauptberuf Büroarbeit macht, konnte es sich vorstellen, sagte zu und begleitet nun seit fast zwei Jahrzehnten diejenigen, die ihre Osterkerzen nicht einfach kaufen möchten, bei der Dekoration.
Ob die Kerzen auch angezündet werden? Das ist die große Frage. Denn eigentlich sind die Osterkerzen, die an diesem Abend in feiner Handarbeit dekoriert werden, zu schade zum Verbrennen. Andererseits sind sie ja gerade dazu da: Das Licht symbolisiert die Auferstehung Christi. Die Tendenz ist deshalb klar. Die Kerze kommt in den Herrgottswinkel, wird in der Kirche angezündet oder an die Großeltern verschenkt. Dann haben diese über das weitere Schicksal zu entscheiden. Maria Puffers Vorgehen: „Eine geweihte Kerze muss man anzünden! Ich zünde sie dann in der Osternacht in der Kirche an und stelle sie zu Hause in eine Laterne. Da brennt sie dann ganz runter.“ Die Leiterin vermutet, dass ihre Kurs-Teilnehmerinnen es ähnlich handhaben. „Sonst würden sie ja nicht jedes Jahr wiederkommen“, sagt sie und lächelt.

