Die meisten Menschen haben vermutlich noch nie etwas von Osmium gehört. Dabei ist es eines der seltensten Edelmetalle der Erde: ungewöhnlich hart und von außergewöhnlicher Dichte, in kristalliner Form schimmert das Metall graublau. Osmium wurde vor gut 200 Jahren entdeckt, es gehört zu den Platinmetallen und kommt vor allem in Kanada, Russland und Südafrika vor. Das Metall entsteht als Nebenprodukt bei der Platin- und Nickelgewinnung, die Herstellung ist aufwendig und teuer. Wegen seiner funkelnden Farbe wird Osmium zu Schmuck verarbeitet und in der Industrie wegen seiner Härte und Haltbarkeit eingesetzt – und könnte deshalb als langfristige Sachwertanlage interessant sein.
Davon ist jedenfalls Ingo Wolf überzeugt. Er ist Eigentümer der Osmium World Council GmbH (OWC), die in Urfeld am Walchensee ein neues Firmengebäude baut: Schräg gegenüber vom Walchenseemuseum, auf einem Grundstück in bester Seelage, das zurzeit als Parkplatz genutzt wird, soll ein dreistöckiges Gebäude samt Tiefgarage entstehen. Es wird der neue Hauptsitz des Unternehmens. Das bereits seit dem Jahr 2024 in Murnau ansässige „Osmium Institut zur Inverkehrbringung und Zertifizierung von Osmium“ soll bestehen bleiben.
Eigentümer Wolf, der vor mehr als zehn Jahren in das Osmium-Geschäft eingestiegen ist, wirkt ebenso schillernd wie das Edelmetall, das er bekannt machen und vermarkten will. Gerade habe er die Baugenehmigung vom Landratsamt bekommen, sagt er bestens gelaunt am Telefon. Der 61-Jährige sprudelt, erklärt, haut Daten und Zahlen in einem Tempo raus, dass einem schwindelig wird. Transparenz sei ihm wichtig, das betont er immer wieder. 57 Firmen habe er in seinem Berufsleben aufgebaut, erklärt er, vom Unternehmen „im Bereich Fernsehen“ über „elektrische Fortbewegung“ bis hin zur Goldmine in Bulgarien. Ein Studium der Theoretischen Physik habe er abgebrochen, weil er damals gerade ein Plattenlabel gründete.
Bereits vor der Sommerpause hatte der Kochler Gemeinderat das Einvernehmen für das Projekt erteilt, drei Gegenstimmen gab es, vor allem wegen der Größe des Gebäudes. Viel Handhabe blieb den Gemeinderäten aber ohnehin nicht, denn bereits vor drei Jahren wurde unter dem damaligen Bürgermeister Thomas Holz (CSU) der Vorbescheid bewilligt. Die Vorgabe „vom Thomas“ sei gewesen, dass das neue Gebäude am Seeufer ein „Fotopoint“ werden müsse, erzählt Wolf. Ein Hingucker könnte es werden, wie die Visualisierung zeigt: ein modernes, dreigeschossiges Wohn- und Bürogebäude mit Tiefgarage, das in den Hang gebaut ist. Glasfronten, Balkonreihen, gezacktes Dach. Wohnungen für Mitarbeiter und Kaufinteressenten sind geplant, ebenso ein Labor, ein Museum und ein Showroom.

Im Labor würden Osmium-Oberflächen-Zertifizierungen und Materialanalysen vorgenommen, so Wolf. Voraussichtlich vier Mitarbeitende, die im Gebäude wohnen könnten, werde er einstellen. „Wir sind ein internationales Unternehmen“, sagt er. Sorgen, dass nun Lkw-Ladungen mit dem Material nach Urfeld gekarrt werden, seien unbegründet, es handle sich um Mengen im Gramm-Bereich. Im Museum sollen Schmuckstücke, Objekte und verschiedene Formen des Rohstoffs gezeigt werden, außerdem Informationen über dessen physikalische Eigenschaften. Wolf will am neuen Hauptsitz jährlich ein weltweites Symposium mit Vertretern anderer Osmium-Insitute organisieren, bei dem es um Fragen wie Preisentwicklung, Anwendungsfälle oder mögliche Börsengänge gehen soll.
Das Grundstück in Urfeld habe er dem vorherigen Eigentümer abgekauft, der nach Thailand ausgewandert sei, erzählt Wolf. 3,5 Millionen Euro investiert sein Unternehmen in das Gebäude. Die Bauarbeiten sollen im Frühjahr beginnen und im Jahr 2029 abgeschlossen sein. Warum der neue Standort in Urfeld? „Der Walchensee ist mein Sehnsuchtsort“, sagt Wolf. Seinen Schwiegereltern gehöre der Bootsverleih gegenüber dem Firmengrundstück. Obendrein biete der Walchensee ein wunderbares Ambiente für solvente Anleger und Kaufinteressenten, die im Neubau auch gleich übernachten könnten.
300 Kilogramm Osmium lagern in der Murnauer Safeanlage
Wolf ist überzeugt von seiner Geschäftsidee. In den vergangenen Jahren habe er praktisch den gesamten, weltweiten Bestand an Osmium „leer gekauft“. Etwa 300 Kilogramm des seltenen Metalls lagern in verschiedenen Formen in der Safeanlage in Murnau, der Gesamtwert liegt laut Wolf bei 117 Millionen Euro. „Wir sitzen auf den Restbeständen“, sagt er, denn Osmium werde wegen des aufwendigen Verfahrens nicht mehr hergestellt. So seien 322 Tonnen Platinerz nötig, um ein Gramm Osmium zu gewinnen. Auf den Einwand, dass andere Quellen eine jährliche Produktion zwischen einigen hundert Kilo und einer Tonne nennen, geht Wolf nicht ein. Die begrenzte Verfügbarkeit des Edelmetalls erhöhe den Preis, sagt er. Aktuell kostet ein Gramm kristallisiertes, feingereinigtes Osmium laut OWC rund 2300 Euro, der Börsenpreis für ein Gramm Feingold liegt bei rund 122 Euro.

Die Verwendung des seltenen Metalls setzte Anfang des 20. Jahrhunderts ein: Osmium wurde als Material für Glühfäden verwendet, allerdings im Jahr 1906 durch das besser geeignete Wolfram ersetzt. Im Markennamen „Osram“ blieb es freilich erhalten. Heute werden Osmium-Legierungen in Spitzen von Füllfederhaltern und hochwertigen Kugelschreibern, in Abtastnadeln von Plattenspielern, Herzklappen und Herzschrittmachern oder für Katalysatoren in der chemischen Industrie verwendet.
Wolf ist überzeugt, dass die Nachfrage steigt. Nicht durch Massenmärkte, sondern durch Anwendungen, in denen wenige Mikro- oder Milligramm des Edelmetalls eine technische Wirkung erzeugten, wie es im Anwendungs-Handbuch des Unternehmens heißt. Das zeigten die diversen Patentanmeldungen, etwa in den Bereichen medizinische Diagnostik und Implantate, Elektrolyse und Wasserstofftechnologie, Mikroelektronik und Computertechnik, Raumfahrt und Militär. Experten sehen freilich auch Nachteile: Im Vergleich zu Gold und Silber sei der Markt für Osmium relativ klein. Außerdem wird der Preis nicht über den regulierten Börsenhandel festgelegt, sondern direkt über das Institut. Der Wert, den Osmium erzielt, hängt letztlich davon ab, ob sich ein Käufer findet.
Vonseiten der Gemeinde sieht man dem Neubauprojekt am Walchenseeufer gelassen entgegen. Dass das Gebäude „etwas futuristisch“ aussehen werde, findet Bürgermeister Jens Müller (UWK) „erfrischend“ für den Ort. Außerdem sei für die Erteilung der Baugenehmigung das Landratsamt zuständig. An der Seriosität des Unternehmers, dessen Schwiegereltern eingesessene Urfelder seien, habe er „gar keinen Zweifel“, sagt Müller. Gewerbesteuereinnahmen durch das Osmium-Unternehmen würden „nicht gleich morgen sprudeln“, glaubt er. Aber falls irgendwann die Millionen fließen, „freuen wir uns natürlich“.


