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Open Air in Bad Tölz:Ganzkörper-Kurbeln mit dem Keller Steff

Aufwärmübungen in der "Oach": Die Formation "Lenze und de Buam" eröffnet das Open-Air, bei dem auch Körpereinsatz gefragt ist.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Im Freibad Eichmühle lassen sich 200 Gäste von dem Chiemgauer Musiker und seiner Band auf Hochtouren bringen

"Pack ma's!" ruft Stephan "Steff" Keller in die Menge - und legt mit seiner sechsköpfigen Band einen Auftakt hin, an dessen Geschwindigkeit sich das ein oder andere ruhigere Gemüt erst einmal anpassen muss. Mit seinen wilden langen Haaren an einen Ur-Bajuwaren erinnernd, heizt der Chiemgauer den rund 200 Gästen beim Open Air im Freibad Eichmühle vom ersten Akkord an ordentlich ein. "The blues is alright, every day and every night" singt er - es ist einer seiner wenigen Ausflüge ins Englische, ansonsten gießt er seine Botschaften in handfestes, rustikales Bairisch.

Um 19 Uhr hatten Lenze und de Buam die Bühne am Sonntagabend eröffnet - allerdings vor noch recht spärlichem Publikum. Trotzdem hatte das Quintett die Tölzer schon gut auf Touren gebracht - darauf können der Keller Steff und seine Band aufbauen. Die Aufforderung, die über die Liegewiese verteilten Holzliegen doch etwas näher heran zu holen, befolgen die Leute gerne. So ergibt sich ein interessantes Bild: Direkt an der Bühne stehen Keller-Steff-Schlachtenbummler, die vom ersten Moment an mitgehen, weiter hinten geht es gemütlicher zu und man macht man es sich mit einer Bratwurstsemmel oder einem Crêpe am Boden bequem. Die meisten können jedoch nicht lange stillhalten. Immer wieder hallt ein energisches "Pack ma's" über den Festivalplatz in der "Oach", wie das Freibad von den Tölzern genannt wird. "Jetzt spui ma glei den Bulldogfahrer", motiviert Steff die Besucher, die anschließend kräftig beim Ankurbeln mithelfen dürfen. Ein irrwitziger Anblick: Bis auf wenige Ausnahmen beschreibt das Publikum Ganzkörper-Kurbelbewegungen.

"Wehe mir taugt's ned, dann herst die Herndl wachsen", warnt Steff anschließend - wenn man im Chiemgau die "Hörner wachsen hört", dann ist jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden, brütet etwas aus, hat Wut im Bauch. Es brodelt im Publikum, der Steff hat "Tölz und Umgebung", wie er die Besucher immer wieder anspricht, voll in der Hand, jetzt ist es Zeit für ein politisches Pamphlet. Und so spricht sich Keller dafür aus, dass die "Milli" genauso teuer sein sollte wie eine Maß Bier und ruft anschließend eine Milchrevolution aus: "A Kua is koa Automat!" Das kommt beim Publikum nicht minder gut an, es feiert seinen oberbayerischen Revoluzzer.

Beim Titel "Es brennt" wird auch die Luft über der "Oach" heiß. Die Pyromanenhymne scheint bei vielen Gästen verborgene Neigungen zu wecken, und so freut man sich mit Steff, dass er heimlich alle möglichen und unmöglichen Feststoffe in sein Feuer wirft. Durchgeatmet wird anschließend nur kurz, denn bei Brettern wie "Las Vegas" kann man gar nicht anders, als Kellers Bühnenpräsenz, sein Oszillieren zwischen jazzig und bluesig angehauchten Nummern, Mundart-Rock und Mitschunkel-Nummern zu bewundern.

"Das nächste Lied ist unser letztes", sagt er, "danach spielen wir nur noch zwei Zugaben, so machen das professionelle Bands." Natürlich hält er sich nicht daran. Wie viele Zugaben er spielt, wovon mindestens eine in ein wildes Impro-Medley ausartet, verschwimmt im Dunkel der Tölzer Nacht. Schluss ist nach zwei prallen Spielstunden um Viertel nach Zehn, genauso hätte die Band aber auch bis Mitternacht weiterspielen können.

Stadtwerke-Chef Walter Huber, der als Hauptsponsor auftritt, kann mit der zweiten Ausgabe des Open Airs in der Eichmühle zufrieden sein. Waren am Vortag schon Tölzer Nachwuchsbands vor großem Publikum aufgetreten, brachte die Kombination aus Lenze und de Buam sowie Keller Steff mit seiner Bigband die Stimmung zum Überkochen. Fazit: Bitte mehr davon