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Münchner Wiesn:Der Mann hinter dem Oktoberfest

Hans Spindler aus Deining (Egling),  Leiter der Veranstaltungsabteilung des Münchner Referats für Arbeit und Wirtschaft und damit Veranstalter des Münchner Oktoberfests.

Er arbeitet, wo andere ihre Freizeit verbringen: Der Deininger Hans Spindler ist Leiter der Veranstaltungsabteilung des Münchner Referats für Arbeit und Wirtschaft. Damit ist es die Aufgabe von ihm und seinen neun Mitarbeitern, die Feste der Stadt zu organisieren, darunter auch die weltberühmte Wiesn.

(Foto: Claudia Koestler)

Der Deininger Hans Spindler organisiert unter anderem das größte Volksfest der Welt. Dass er täglich von seinem Heimatdorf zur Arbeit auf der Münchner Wiesn radelt, hilft ihm, gelassen zu bleiben.

Es hat etwas vom Reiz des Verbotenen, wenn man Hans Spindler bei der Arbeit besucht: Mit dem Auto vorbei an einer strengen Security-Einheit. Dann mit dem mühsam erworbenen Berechtigungsschein tatsächlich einmal über jenes Gelände, wo in wenigen Tagen wieder Millionen Besucher feiern, Geisterbahn fahren und sich mit einer süffigen Mass zuprosten werden: die Münchner Theresienwiese, Schauplatz des weltberühmten Oktoberfests. Noch aber sieht die Wiesn nach Baustelle aus, es geht vorbei an riesigen Stellwänden, die bald Festzelte werden, schwerem Arbeitsgerät, halb aufgebauten Fahrgeschäften und wuselnden Arbeitern. Mittendrin hat Spindler seinen Arbeitsplatz, denn der Deininger ist Leiter der Veranstaltungsabteilung des Münchner Wirtschaftsreferats. Und als Festveranstalter sitzen er und seine neun Mitarbeiter mitten im Herzen der Wiesn, in einem unauffälligen Flachbau gleich hinter dem Schottenhamel-Zelt.

Der 58-Jährige pendelt jeden Tag mit dem Fahrrad von seinem Wohnort in der Gemeinde Egling in die Landeshauptstadt, um dort Münchens Feste und eben das größte Volksfest der Welt zu organisieren. Und ja, es helfe durchaus, waschechter Bayer zu sein, sagt er. Nicht nur, weil er einen Trachtenanzug tragen könne "und damit keinen Koreaner enttäuscht", erklärt er lachend. Sondern auch, weil er als Landmensch vielleicht eine unverkrampftere Haltung habe, "auch was Tiere angeht". Eine Anspielung auf die Brauerei-Rösser, die auf der Wiesn stehen werden.

Den Deininger zeichnen eine ruhige Bestimmtheit und Gelassenheit aus. Das ist von Vorteil bei einem Fest, das heuer an die zwölf Millionen Euro kosten wird. Das Budget muss die Veranstaltungsabteilung selbst erwirtschaften, wie übrigens auch bei allen weiteren Festen der Stadt, von der Dult bis zum Christkindlmarkt. "Wir organisieren das Oktoberfest im Prinzip so, wie es auch eine Eventagentur machen würde", sagt Spindler. "Wir bereiten die Regularien mit dem Münchner Stadtrat vor, der trifft die Beschlüsse. Das Auswahlverfahren der Gastronomen und Schausteller führen wir dann durch. Die Bewerber müssen sich dem Auswahlverfahren stellen, bei dem es auf die Attraktivität des Angebots ankommt und auf die Erfahrung bei Volksfesten und Märkten", erklärt er. Langjährige Partner erhielten Bonuspunkte. Eine Software verarbeite die Daten und erstelle eine Rangfolge, nach der dann der sogenannte Wiesn-Plan erstellt werde. Diese Planung legen Spindler und seine Mitarbeiter erneut dem Stadtrat zum finalen Beschluss vor, danach gehen die Zu- und Absagen raus.

Beeinflussen könne er da nichts, also etwa Akquise für oder in seinem Heimatlandkreis betreiben - darüber sei er auch sehr froh. Zwar stand noch nie jemand mit einem Geldkoffer bei ihm im Büro, aber unterschwellig kämen unlautere Anfragen durchaus manchmal vor. "Aber dazu gibt es klare Regelungen", betont Spindler: Gutscheine und Bargeld sind tabu, Sachleistungen dürfen 25 Euro nicht übersteigen. "Wenn uns hier jemand eine Kekspackung dalässt, ist das kein Thema, eine Schampusflasche aber geht nicht." Vor vielen Jahren, vor allem vor der Einführung der Regelung, habe er es einmal erlebt, dass zwischen den Bewerbungsseiten ein großer Geldschein lag. "Der wurde unter Zeugen eingetütet und wieder zurück geschickt - mit einem entsprechenden Brief dazu." So etwas dürfe man gar nicht erst anfangen, "sonst wird man in dem Geschäft nicht alt". Was aber nicht heißt, dass der Landkreis auf dem Oktoberfest nicht vertreten ist (siehe Kasten).

Immer einen Plan B in der Tasche zu haben, ist indes für den Deininger wichtig im Tagesgeschäft. "Als Veranstalter ist man für alles verantwortlich. Das kann ganz banal sein, dass Müll rumliegt oder jemand im Rettungsweg parkt. Oder dass man einen Bereich wegen Überfüllung absperren muss", erzählt er. Und der 58-Jährige, der seit fast 30 Jahren mit dem Oktoberfest betraut ist, hatte schon mit vielen unerwarteten Situationen zu tun, von denen die Besucher indes nichts mitbekamen: "Was immer mal vorkommt, ist, dass ein Betrieb ausfällt. Da muss man auf die Schnelle schauen, dass man Ersatz kriegt." Vor zwei Jahren etwa ging ein Schaugeschäft kurz vor dem Festbeginn in Flammen auf - Brandstiftung. Manchmal nehme auch der TÜV ein Fahrgeschäft nicht ab. Und einmal sei es passiert, dass ein Wirt wenige Tage vor Eröffnung wegen Steuerhinterziehung verhaftet wurde. "Das sind dann so größere Aufreger", schmunzelt Spindler. "Einen Tag vor der Eröffnung ist uns mal eine Trafo-Station abgebrannt", erinnert er sich. Noch dramatischer: "Ein andermal hatte sich, wiederum einen Tag vor Eröffnung, plötzlich ein Loch aufgetan im Boden, und zwar genau neben der Achterbahn."

Die erste Lösung: Das Loch wurde mit Kies verfüllt. Aber dann war auch der Kies im Loch verschwunden. "Über Nacht haben wir Fertigbeton organisiert und 20 Mischer-Füllungen da reingekippt. Nachdem es der TÜV kontrolliert hatte, konnte die Wiesn problemlos stattfinden." Nach dem Fest aber wurde noch einmal gründlich untersucht - und man fand unter der Theresienwiese alte Splittergräben, Löschteiche und Flakstellungen aus dem Krieg. Einer der Lüftungsdeckel zum Grabensystem war durchgerostet gewesen, "folglich ist unser ganzer Beton da rein geflossen". Nicht nur musste der mühsam wieder rausgemeißelt werden: Millionenteure Untersuchungen ergaben später, dass die alten Gräben und Teiche einfach mit Schutt der zusammengebombten Häuser aufgefüllt und planiert worden waren, samt anderer Kriegsüberbleibsel wie etwa Stabbrandbomben. Natürlich ist man danach sofort auf Nummer sicher gegangen: Das gesamte Gelände wurde ausgebaggert, das Material entsorgt, die Theresienwiese neu aufgebaut. "Heute ist es das Grundstück in München, das garantiert altlastenfrei ist."

Bilder aus dem Büro von Hans Spindler auf der Wiesn: Wiesnplan, Karikatur und Mitarbeiterbild, auf alt gemacht.

Spindler (2.v.l.) und Mitarbeiter auf einem "alten" Foto.

(Foto: Claudia Koestler)

Zu seinem Posten ist Spindler übrigens "eher zufällig" gekommen, wie er erzählt. Der Deininger begann seine Laufbahn als Diplom-Verwaltungswirt bei der Stadt München. "Damals habe ich keinen rechten Plan gehabt und dann haben sie mich dem Sozialamt zugeteilt. Da bin ich erst mal ein paar Jahre in einer Außenstelle gesessen - interessant, aber nicht das, was ich mir vorgestellt hatte." Dann entdeckte er eine Stellenausschreibung der Veranstaltungsabteilung. "Ich hatte beim Trachten- und Burschenverein schon ein paar Festl organisiert, wie's halt so ist am Land, und da dachte ich mir, ui, wenn man das beruflich machen könnt'." Entgegen seiner Erwartung wurde er genommen und begann 1989, Flohmärkte und Frühlingsfeste zu organisieren. Schnell assistierte er auch bei den Planungen zum Oktoberfest, den Dulten und dem Christkindlmarkt. Als 2006 sein damaliger Chef in den Ruhestand ging, übernahm Spindler die Leitung der Abteilung.

Über die Jahre sei der Job durchaus stressiger geworden, erzählt er. Vor allem wegen der Sicherheitslage. "Als ich angefangen habe, hat die Polizei die Feste noch komplett betreut, wir hatten null Ordner. Heute haben wir 500. Das hat sich dramatisch verändert." Nach dem Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum und den Attentaten in Paris und Brüssel wurden 2016 Zaun, Zugangskontrollen und Handtaschenverbot eingeführt. "Das waren Jahre, da hat es weniger Spaß gemacht, weil man sich nur noch auf den Sicherheitsgedanken konzentrieren musste. Ein schönes Fest zu gestalten, das rückte in den Hintergrund." Durch den Aufwand verdoppelten sich schlagartig auch die Kosten, "da mussten wir schauen, dass es auch wieder reinkommt." Inzwischen sei aber wieder Routine eingekehrt, "und wir können uns wieder mehr ums Fest kümmern."

Und das laufe schon lange nicht mehr nach der Prämisse "höher, schneller, weiter": Spindler sieht eher eine "Retrowelle", manches, das lange verschwunden war, komme nun wieder. "Heuer wird es zum Beispiel im Armbrustschützenzelt ein Schafkopfrennen geben - das ist schon ausgebucht." Im Festzelt "Tradition" auf der "Oidn Wiesn" soll der Maurer-Montag wiederbelebt werden, und eine alte Holzkegelbahn wird aufgebaut. "Neues gab es früher mehr, in den Achtzigerjahren etwa überboten sich die Schausteller jährlich, aber das hat sich gewandelt." Trotzdem, ohne Innovation geht es nicht. In diesem Jahr können Besucher beispielsweise erstmals eine "Abenteuerbahn" besuchen, wo sie Figuren und Hintergründe virtuell über sogenannte VR-Brillen erleben.

Bilder aus dem Büro von Hans Spindler auf der Wiesn: Wiesnplan, Karikatur und Mitarbeiterbild, auf alt gemacht.

Der "Wiesnplan" in Spindlers Büro.

(Foto: Claudia Koestler)

Ob er die denn schon selbst ausprobiert hat? Spindler lacht und schüttelt den Kopf. Na gut, dann eben die Frage nach der Wilden Maus. "Na, die ruckelt mir zu sehr." Geisterbahn? "Davon habe ich genug gesehen in meinem Leben." Zwar müssten die Attraktionen durchaus vorab auf ihre Tauglichkeit geprüft werden, aber das überlasse er inzwischen immer öfter den Mitarbeitern. Nur Kettenkarussell, das fahre er doch ganz gerne mal - dann aber als Gast und mit seiner Frau.

Während der Wiesn herrscht Schichtbetrieb, Spindler und zwei Kollegen besetzen das Büro von halb acht bis Mitternacht, 16 Tage lang. Danach ist man "durch". "Definitiv", sagt er und lacht. "Da steht man bis zu den Haarspitzen unter Strom. Im Anschluss verzupf' ich mich meist für 14 Tage. Und dann geht's schon wieder weiter mit der Kirchweihdult." Wobei übrigens die Dulten die Lieblingsveranstaltungen des Deiningers sind - weil sie "so überschaubar und traditionell" sind.

In sieben Jahren ist allerdings Schluss, dann geht Spindler in den Ruhestand. 2014 hatte er schon einmal den Ausstieg geplant, nämlich, als er für das Amt des Bürgermeisters in Egling kandidiert hat. Damals unterlag er knapp, heute aber ist er froh darum. Noch einmal als Bürgermeisterkandidat zur Wahl antreten will er nicht, wohl aber 2020 seine bisherige Arbeit als Gemeinderat fortsetzen. "So klein sind die Räder nämlich gar nicht, die man in einer solchen Gemeinde bewegen kann", betont er.

Ob ihm dann aber Zeit bleibt, ein Buch zu schreiben mit all den Geschichten hinter dem Millionen-Fest? Nein, winkt er ab, das sollen andere tun - was einige ja auch schon gemacht hätten. "Und da sind ein paar Geschichten drin, die sind eh von mir", sagt Spindler grinsend. "Das reicht."

Kutschen, Künstler und Käse

Aus dem Landkreis aufs Oktoberfest

Diese Menschen aus dem Landkreis sind heuer auf der Wiesen vertreten