bedeckt München 26°

Offizielle Einweihung:Geburtsstunde einer neuen Ära

Seltener Anblick: Normalerweise sind die Geburtszimmer in Wolfratshausen vor allem werdenden Müttern und Hebammen vorbehalten. Bei der Einweihung am Dienstag machten sich Ärzte und Politiker ein Bild von der modernen Ausstattung, unter ihnen der neue Chefarzt Christoph Anthuber (sechster von rechts).

(Foto: Hartmut Pöstges)

An der Wolfratshauser Kreisklinik löst eine Hauptabteilung Gynäkologie das Belegarztsystem ab. Sie wird landkreisübergreifend als Außenstelle des Klinikums Starnberg betrieben - ein Novum in Bayern

Der Betrieb hat längst begonnen. Am 1. Juli hat die neue Hauptabteilung "Gynäkologie und Geburtshilfe" an der Wolfratshauser Kreisklinik - als Außenstelle des Starnberger Klinikums - ihre Arbeit aufgenommen. Seitdem sind dort 129 Babys auf die Welt gekommen. Auf das Jahr hochgerechnet wären das mehr als 600 Neugeborene. Davon berichtete der Geschäftsführer am Klinikum Starnberg, Heiner Kelbel, zum offiziellen Eröffnungstermin am Dienstagnachmittag. Der Betreiber aus dem Nachbarlandkreis stellt auch das Personal. Neun Gynäkologen, sechs Kinderärzte, die drei bereits in Wolfratshausen tätigen Belegärzte in Teilzeit und Pflegepersonal stehen auf dem Tableau. Das Hebammenteam arbeitet weiterhin selbständig.

Die neue Station löst das frühere Belegarztsystem ab. Der Kooperationsvertrag zwischen der Wolfratshauser Kreisklinik und dem Klinikum Starnberg gilt für 15 Jahre. Für Geburten stehen drei Kreißsäle und zwölf Betten bereit. Professor Thomas Lang von der Klinik für Kinder und Jugendmedizin Starnberg sowie Professor Christoph Anthuber (Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Starnberg) werden als Chefärzte tätig sein.

"Die Arbeitsdichte nimmt zu."

Wie Anthuber erklärte, werde sich das Team bemühen, dass es sich für werdende Eltern lohne, nach Wolfratshausen zu fahren. Das Belegarztsystem sei nicht zukunftsfähig. Er erklärte, dass es noch mehr Kooperationsmodelle geben werde. Im Freistaat gebe es mit 108 zugelassenen Kliniken samt Geburtshilfe (Stand 2017) fast 30 weniger als noch vor zehn Jahren. Statt 55 seien es nur noch 21 Geburtsabteilungen mit Belegarztsystem. "Die Arbeitsdichte nimmt zu", sagte Anthuber. Deutschlandweit seien die Geburtshilfen seit 1991 um 40 Prozent geschrumpft.

Die Wolfratshauser Geburtsabteilung ist für Gebärende ohne Komplikationen von der 36. Schwangerschaftswoche an geeignet. Dort kamen lange Zeit jährlich um die 200 Kinder auf die Welt. Im vergangenen Jahr stieg die Zahl auf 377 (2017), heuer gab es bereits bis Ende Juni 254 Geburten. Zum Vergleich: Die Starnberger Klinik rechnet in diesem Jahr mit 3117 Geburten. Anthubers Chefarztkollege Lang sagte, die steigende Geburtenrate in Wolfratshausen spreche für sich.

Ein Prosit auf die Geburtshilfe: Oberarzt Florian Gundel, Hebamme Martina Winkler und Frauenarzt Manfred Stumpfe (v. li.) beim Einweihungsfest.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Erstmals im Freistaat hat eine große Geburtsklinik eine Außenstelle außerhalb ihres Landkreises eröffnet. Von einer Besonderheit sprach daher Ministerialdirigent Herwig Heide vom bayerischen Gesundheitsministerium. "Es gibt die Gewissheit für werdende Mütter, dass die gesamte Leistungskraft der sechstgrößten Geburtsklinik Bayerns dahinter steht."

Das Aus für die Geburtsstation in Bad Tölz zum 1. April 2017 hatte als Katalysator für die Kooperation gewirkt. Der Tölzer Kreistag lehnte es ab, für die gynäkologische Station der Asklepios-Klinik einen Millionen-Zuschuss zu gewähren. Stattdessen sollte die Geburtshilfe in der Kreisklinik gestärkt werden. Von Beginn an war das Klinikum in Starnberg als Partner im Gespräch. Vor eineinhalb Jahren hatten Belegärzte, Hebammen und Unterstützer ein starkes Zeichen für die Kreisklinik gesetzt: Sie hatten 4467 Unterschriften für den Erhalt der Geburtshilfe gesammelt.

Der Tölzer Kreistag billigte im April 2018 den Kooperationsvertrag. "Es war Fünf vor Zwölf", sagte Landrat Josef Niedermaier (FW). Es hätte passieren können, dass der Landkreis ohne Geburtshilfe dagestanden wäre. Vom Wert der Zusammenarbeit sprach der Starnberger Landrat Karl Roth (CSU). "Wenn wir nur im kleinen Landkreis denken, ist das zu wenig." Der Geschäftsführer der Kreisklinik, Hubertus Hollmann, räumte ein, dass die Geburtsabteilung kurz vor dem Abgrund gestanden habe. "Dieses Vorzeigeprojekt soll zeigen, dass kommunale Kliniken erfolgreich zusammenarbeiten können."