SZ-Serie: Waren Sie schon mal in ...Öhnböck, der Ort auf der anderen Seite

Lesezeit: 4 Min.

Vielen ist Öhnböck vor allem vom Strafzettel bekannt – die Polizei schätzt die dortige Ausweiche für Verkehrskontrollen. Dabei hat das Dorf bei Egling mehr zu bieten als Radarfallen. Und um ein Haar wäre es gar zur Energiequelle geworden.
Vielen ist Öhnböck vor allem vom Strafzettel bekannt – die Polizei schätzt die dortige Ausweiche für Verkehrskontrollen. Dabei hat das Dorf bei Egling mehr zu bieten als Radarfallen. Und um ein Haar wäre es gar zur Energiequelle geworden. Claudia Koestler
  • Öhnböck ist ein kleiner Weiler im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen mit nur einem halben Dutzend Häusern, der vielen vor allem durch Radarkontrollen der Polizei bekannt ist.
  • Der Ortsname geht auf die historische Bezeichnung „Entbeck“ zurück und bedeutet „hinüber über den Bach“ oder „auf die andere Seite“.
  • Zwischen 1963 und 1965 bohrte der Konzern Mobil-Öl in Öhnböck nach Öl bis in knapp 3000 Meter Tiefe, fand aber keines.
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Ein halbes Dutzend Häuser, zwei Bushaltestellen und eine Lieblings-Radarfalle der Polizei: Durch Öhnböck im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen fahren manche zu schnell. Dabei lässt sich mehr als die Langsamkeit entdecken in dem Weiler.

Von Claudia Koestler, Egling

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Es gibt Orte, die man nicht sucht. Man fährt an ihnen vorbei oder durch sie hindurch. Zum Beispiel auf der Staatsstraße 2070, irgendwo zwischen Wolfratshausen und dem Rest der Welt. Und dann taucht er auf, ein Name auf einem schlichten gelben Ortsschild: Öhnböck. Wer das zum ersten Mal liest, stockt vielleicht kurz. Manche denken unwillkürlich an den schwedischen Koch aus der Muppet Show – wohnen hier Menschen öhne Böck? – und müssen dann lachen. Wer es zum zweiten Mal liest, lächelt oft nicht mehr – weil der Name auf einem Strafzettel auftaucht. Und wer sich mit dem kleinen Ort näher auseinandersetzt, vergisst den Namen nicht mehr.

SZ-Grafik

Aber gleich vorweg, für die Eiligen: Wer Öhnböck zu sehen glaubt, weil er das Ortsschild passiert, sieht vor allem Thanning. Denn nur wenige Meter hinter dem Öhnböck-Schild empfängt einen  – ordentlich gemalt und pittoresk – bereits das Willkommensschild des Nachbarorts. Und alles, was dann auf einer Seite der Straße nach einem bayerischen Bilderbuchdorf aussieht, mit Bauernhöfen, Kirchturm, Maibaum, einem großen Raiffeisen-Warenlager – das ist Thanning. Dagegen beschränkt sich Öhnböck auf wenige Meter, auf ein halbes Dutzend verstreute Häuser, ist gleichsam ein schmaler Randstreifen, aber immerhin mit zwei Bushaltestellen und einer Ausweichstelle, die die Polizei erfahrungsgemäß gerne für Verkehrskontrollen nutzt. Vielen kommt deshalb Öhnböck irgendwie bekannt vor – weil man zu schnell gefahren ist. Und trotzdem ist Öhnböck kein bloßes Anhängsel oder eine perfekte Radarfalle. Es ist ein Ort mit eigener, ja ungewöhnlicher Geschichte.

Öhnböck liegt rund zwei Kilometer östlich von Egling, an der Hauptstraße, eingebettet in jene sanfte Hügellandschaft, die das Alpenvorland so unwiderstehlich macht: weite Felder, tiefe Wälder, in der Ferne die Silhouette der Berge, die an klaren Tagen zum Greifen nah wirken. Die Luft riecht nach Gras, über allem liegt Ruhe. Es gibt hier keine Sehenswürdigkeit, die in Reiseführern fett gedruckt wäre. Kein Schloss, kein Museum, kein Tourismusbüro. Aber eine Erklärung für den ungewöhnlichen Namen gibt es dennoch: Das Heimatbuch Thanning von Peter Lichtenegger senior erwähnt in historischen Registern immer wieder die ältere Variante „Entbeck“. Und das gibt Kennern einen Hinweis. Christine Oster, Archivarin der Großgemeinde Egling, zu der Öhnböck als Ortsteil gehört, leitet daraus ab, dass es sich wohl um eine Form von „entern Beck“ oder „entern Bach“ handelt – also: hinüber über den Bach, auf die andere Seite. Eine ganz konkrete topografische Beschreibung.

Christine Oster arbeitet im Einwohnermeldeamt und ist zugleich die Archivarin der Gemeinde Egling.
Christine Oster arbeitet im Einwohnermeldeamt und ist zugleich die Archivarin der Gemeinde Egling. Claudia Koestler

Etwas vorsichtiger gibt sich Hans Sappl, Thanninger und ehemaliger Bürgermeister der Großgemeinde Egling. „Ja, das klingt schon plausibel“, sagt er. „Aber weiß man’s?“ Er lässt ein bisschen Raum für Zweifel – das hat etwas Sympathisches. Manches weiß man. Manches glaubt man zu wissen. Und manches bleibt, trotz allem, rätselhaft. Peter Lichtenegger junior, Sohn des Heimatbuch-Autors und selbst tief in der Geschichte dieser Gegend verwurzelt, bestätigt hingegen Osters Annahme: „Es bedeutet: drüben, auf der anderen Bachseite“, sagt er. Klar, schlicht, einleuchtend.

Peter Lichtenegger hat 2009 das Heimatbuch Thanning veröffentlicht.
Peter Lichtenegger hat 2009 das Heimatbuch Thanning veröffentlicht. Manfred Neubauer
Peter Lichtenegger junior, Sohn des Heimatbuch-Verfassers, bestätigt, dass Öhnböck „überm Bach“ bedeutet.
Peter Lichtenegger junior, Sohn des Heimatbuch-Verfassers, bestätigt, dass Öhnböck „überm Bach“ bedeutet. Hartmut Pöstges

So oder so: Aus „Entbeck“ wurde über die Jahrhunderte „Öhnböck“. Ein lautlicher Schleifprozess. Der Weiler gehörte bis 1815 zum Steuerdistrikt Thanning, zusammen mit den Ortschaften Aufhofen, Dettenhausen, Egling und Wörschhausen. 1818 kam es zur Bildung neuer Gemeindegrenzen, und Öhnböck wurde Teil der Gemeinde Thanning. Diese hatte Bestand bis zur großen Gebietsreform von 1973, als Öhnböck gemeinsam mit Thanning und den anderen Altgemeinden zur neuen Großgemeinde Egling zusammenwuchs. Seitdem ist Egling die Adresse. Aber Öhnböck ist geblieben, was es immer war: ein Ort mit eigenem Charakter.

Sehr nah am Nachbarort Thanning, aber nicht verschmolzen, sondern mit eigenem Charakter – das ist Öhnböck.
Sehr nah am Nachbarort Thanning, aber nicht verschmolzen, sondern mit eigenem Charakter – das ist Öhnböck. Manfred Neubauer

Öhnböck hatte zudem schon immer Menschen, die wussten, was sie wollten. Das gilt zum Beispiel für die Burschen des Ortes, die laut Heimatbuch als besonders traditionsbewusst und eigenständig galten. Auf einer Anhöhe errichteten sie ihre eigene Almhütte, als Treffpunkt, als Zeichen ihrer Unabhängigkeit. Hier fanden die geselligen Zusammenkünfte statt. Ein eigener Maibaum zeugte von ihrem Selbstbewusstsein. Dann kam der Fortschritt. Mit dem Ausbau der Kreisstraße musste die Almhütte weichen. Ein Stückchen Kulturgut ging damit verloren – so steht es im Heimatbuch.

In den 1960er-Jahren wäre Öhnböck beinahe zur Energiequelle geworden. Vorangegangen waren lange, flächendeckende Bodenuntersuchungen mit seismologischen Geräten, jener Technik, die in Bodenwellen ölhaltiges Erdreich erkennen lässt. Das Ergebnis: Man vermutete unter Öhnböck ein Öllager. Der Konzern Mobil-Öl aus Hamburg, der die staatliche Konzession erhalten hatte, übernahm die Tiefenbohrung. Zunächst musste das Gebiet durch Wegebau erschlossen werden, um die schweren Fahrzeuge zur Bohrstelle zu bringen. Dann wurde das Fundament gegossen, ein 50 Meter hoher Turm aufgebaut, und die Bohrung begann. In drei Schichten, rund um die Uhr, Meter um Meter fraß sich der Bohrkopf in die Erde. Zwischen 1963 und 1965 gelangte man in eine Tiefe von knapp 3000 Metern – und mehr. Das Ergebnis, nach all der Arbeit, all dem Lärm: kein Öl. Der Bohrturm wurde abgebaut, die Bohrstelle geschlossen, die Fundamente beseitigt. Heute bedeckt Gras jene Fläche, als wäre nie etwas gewesen.

Trotz Bushaltestelle ist das Gebäude daneben kein Wartehäuschen, sondern die Apolloniakapelle in Öhnböck.
Trotz Bushaltestelle ist das Gebäude daneben kein Wartehäuschen, sondern die Apolloniakapelle in Öhnböck. Manfred Neubauer
Ein schmiedeeisernes Tor gibt den Blick auf das Innere der Kapelle frei.
Ein schmiedeeisernes Tor gibt den Blick auf das Innere der Kapelle frei. Claudia Koestler

Die Zeit überdauert hat indes die Apolloniakapelle mitten im Ort, dort, wo heute das Bushalteschild steht und eben oft auch ein Blitzer. Lichtenegger vermutet, dass die Kapelle auf das Jahr 1750 zurückgeht. Um diese Zeit gab es eine Apollonia Schapperer, die sogenannte Murrhamerbäuerin von Öhnböck. Wahrscheinlich wurde die Kapelle von ihr als Glaubenszeugnis erbaut.

Öhnböck ist kein Ausflugsziel, kein Selfie-Spot, kein Instagram-Dorf. Es ist ein Ort, der seine Geschichte in sich trägt, ohne damit zu prahlen. Vielleicht ist dies das Geheimnis: Es verlangt nichts von seinem Besucher. Es zeigt sich einfach, und wer sehen will, der sieht. Die Berge am Horizont. Die Kapelle an der Hauptstraße. Das Gras auf der Fläche, wo einst nach Öl gebohrt wurde. Und irgendwo das Echo von Helena Spiegl, geboren 1921 in Öhnböck, die in einem Buch zu dem Fazit kommt: „Das Leben war schön.“

Das ist es bestimmt in Öhnböck.

Ausflugstipps:

Rund um den Weiler Öhnböck bei Egling lassen sich kurze und längere Ausflüge kombinieren. Zwischen Thanning und Harmating gibt es ein großes Wegenetz für Spaziergänge. Für eine Radlrunde eignen sich die Nebenstraßen und Wirtschaftswege rund um Egling ebenfalls gut; mit wenig Verkehr fährt es sich entspannt von Weiler zu Weiler. Wer gern ans Wasser geht: Die Pupplinger Au und die Isar sind nicht weit. Kulinarisch lohnt es sich, den Ausflug mit Einkehr zu planen. In Egling ist der Gasthof Post Oberhauser ein Ankerpunkt. Ebenso gehört das Wirtshaus Jägerwirt Aufhofen zu den empfehlenswerten Stationen, wenn man bodenständige Küche und gemütliche Wirtshausatmosphäre sucht. Ein Tipp ist auch der kleine Gasthof Hansch in Feldkirchen mit seinem Biergarten, den Einheimische besonders schätzen.

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