Süddeutsche Zeitung

Öffentlicher Personennahverkehr:Die Stadtbus-Misere

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Nicht barrierefrei, zu eng, zu laut, zu selten: Wer in Wolfratshausen den öffentlichen Nahverkehr nutzen will, hat es nicht leicht. Die CSU macht auf die Missstände aufmerksam und will sie angehen - nach der Wahl

Von Barbara Szymanski

Für Fahrgäste mit Rollator und anderen Gehhilfen, Rollstuhlfahrer und Kinderwagenlenker gleicht eine Fahrt mit dem Wolfratshauser Stadtbus einem Abenteuer. Schon der schwierige Einstieg bildet die erste Hürde. Der betagte RVO-Dieselbus mit 27 engen Sitzen und 35 Stehplätzen - wo auch immer die sein sollen - lässt sich zwar an der Einstiegsseite um zehn Zentimeter absenken, und Leute ohne Rückenprobleme können sich dazu selbst eine Rampe aufklappen, wenn der Busfahrer beschäftigt ist. Doch die Klapprampe ist viel zu steil.

Hat man es trotzdem in den Fahrgastraum geschafft, geht die Unbill weiter. Kaum ein Sitz lässt sich ohne höhere Stufe erklimmen, und das bei heftigem Schaukeln, unzureichender Stoßdämpfung und Bremsen in engen Kurven. Es gibt noch mehr Probleme: Der Poing und Weidach oder Krankenhaus und Altenheim am Moosbauerweg werden gar nicht angefahren; der Stundentakt ist nicht mehr zeitgemäß. Außerdem brummt der dieselbetriebene Bus so laut, dass Sonderdurchsagen nicht zu verstehen sind. Dies alles und noch mehr stellten ein gutes Dutzend CSU-Mitglieder bei einer Stadtrundfahrt am Samstag fest. Die Christsozialen haben Verbesserung am Stadtbusangebot in ihr Wahlprogramm aufgenommen.

Gleichwohl müssen Fahrgastbefragungen, die Anschaffung eines zweiten Busses, ein Halbstunden-Takt, die Anbindung weiterer Wohn- und Geschäftsviertel, das Busangebot am Sonntag und anderes noch warten. Stadtrat Alfred Fraas sagt dazu; "In dieser Wahlperiode ist das nicht mehr zu schaffen. Das Problem Stadtbus wird der neu gewählte Stadtrat behandeln müssen."

Konkrete Zahlen und Fakten hatten die CSU-Mitglieder nicht vorzuweisen. Laut Fraktionsvorsitzendem Manfred Fleischer sind die Kosten für einen zweiten Bus, halbstündige Taktrate und so fort, noch nicht kalkuliert. Fleischer sprach aber von einem sechsstelligen städtischen Zuschuss jährlich schon jetzt, was Fraas zu der Bemerkung veranlasste, man könnte Stadtbusfahrten dann auch gleich kostenlos anbieten.

Rückhalt fand er damit nicht, weil auch Peter Plößl, Rathaus-Vize und Bürgermeisterkandidat, der Meinung ist, dass die 1,30 Euro für eine Einzelfahrt und 1,25 Euro in Verbindung mit einer MVV-Streifenkarte eigentlich erschwinglich sind. Einig waren sich die Stadtrundfahrer auch darin, dass ein verdichteter Takt und ein zweiter Bus den Verkehr nicht entzerren werden. Sie würden aber jenen Bürgern mehr Komfort bieten, die mit dem Stadtbus fahren wollen oder sogar müssen.

Wie der ehemalige Sportlehrer am Gymnasium Icking: "Gut, dass es den Stadtbus gibt. Ich habe nämlich kein Auto und brauche auch keines." Für seine Bedürfnisse ist der Bus "gut angebunden". Am Sonntag und nachts laufe er eben heim. "Aber ich bin sportlich und fit. Das ist ja nicht jeder."

Positiv war auch der Busfahrer eingestellt. Er konnte berichten, dass die Linie 301 (Bahnhof, Königsdorfer Straße, Waldram und zurück) und auch die 302 (Bahnhof, Sauerlacher Straße, Farchet und zurück) recht gut angenommen werden. Außerdem gebe es kaum Verspätungen, und der Stadtbus warte immer auf die S-Bahn. Auf der anderen Seite habe er in Waldram oder Farchet oft zu kämpfen mit zugeparkten Routen und engen Kurven.

Peter Plößl sagte dazu: "Wir werden um Halteverbote in manchen Vierteln nicht herumkommen." Bei der Auswertung der Eindrücke der beiden Stadtrundfahrten und der langen Mängelliste waren sich die Christsozialen einig: Das Geld für zeitgemäßen Komfort sei gut angelegt und der Zeitpunkt richtig. Der RVO schaffe nämlich gerade neue Busse an.

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SZ vom 27.01.2014
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